Ausgabe 
7.5.1906
 
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Mittellose Mädchen.

Ronraii von H, Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Im letzten Moment erscheint anch Suse wieder, ein scheues Lächeln in den rotgeweinten Augen:

Sei nur schon nicht böse, Tantchen, es war damals zu schön in N. und wenn ich daran erinnert werde, muß ich heulen", erklärt sie offenherzig und die gutmütige Geheimrätin knüxj. eZ feucht in den Augen aussteigen vor Rührung und empfiehlt sich mit aussaÜdn'SörH£1 st.

Heinz bringt sie, auf einen bezeichneten WinhLtnths, bis an die nächste Elektrische. Er sieht noch ein Weilchen und blickt dem die alte Dame fortführenden Wagen nach. Seine Brauen haben sich finster zusammengezogen und es ist ein böser aufrührerischer Ausdruck in seinem geröteten Gesicht.

Der alte Geizdrachen l" wütet er innerlich,das kleidet sich in Samt und Seide und trägt die Hände voller Brillanten und legt sie mäßig in den Schoß, und für unsereinen, der sich im dumpfigen Comptoir die Finger wund schreiben muß, wird kein Groschen rausgerückt."

Den Kopf voll wühlender, bitterer Gedanken, klimmt er müde, wie ein alter Mann, die drei Treppen wieder in die Höh'.

Er findet die Geschwister in dem Vorderziminer, das den beiden Schiveslern als Schlaf- und Arbeitsraum dient und tvo sie sich alle am gemeinsamen Eßtisch zu vereinen pflegen. Das kärgliche Mahl, aus Butterbrot uni) sehr wenig kaltem Fleisch, vom Mittagbrot zurückgeblieben, bestehend, wird hastig und schweigend verzehrt.

Walters große Kinderaugen irren enttäuscht und ratlos umher. Es ist auch gar nicht ein bischen lustiger heut, als sonst. Er sieht all seine frohen Erwartungen getänfcht. Eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

Nachdem der Tisch abgeräumt war und die beiden Schwestern in der Küche das Geschirr abgewaschen hatten, entspann sich, wie öfter des Abends, ein wortreicher erbit­terter Kampf um den besten Platz unter der niedrigen Sindier- lampe. Walter drückte sich mit seiner Rechenaufgabe zwar bescheiden beiseite, aber Heinz wollte, einen plötzlichen Wissens­durst entwickelnd, eine französische Uebersetznng zu.Papier bringen unb Suse erklärte, unbedingt heute noch einen Brief schreiben zu müssen.

Ruth, die auch noch ein paar Malereien zu lackieren hatte, mischte sich endlich ärgerlich ein,

,.,Mnß denn der Brief durchaus jetzt geschrieben werden?"

Absichtlich wehrte sie nicht dem .Vorhaben des Bruders, weil sie sich im stellen an seinem Selbststudium freute.

Ja, er muß!" trotzte Suse, ostentativ ihre Schreibst mappe aus den Tisch breitendTrelde wird sich ohnehin' schon wundern und ich mag's nicht mit ihr verderben, Mausens können mich doch schließlich mal einladen weun'S auch bloß nach L. ist in der Not frißt der Teufel Fliegen"

Kopfschüttelnd gab Ruth nach. Der Name Kausen hatte sie zndenr etwas aus der Fassung gebracht. Nicht, daß sie noch Schmerz um den Verlust des Jngendgeliebten em­pfand, den aufzuaeben ihr einst ein so ungeheures Opfer gekostet hattte, nein, was Ruth Meridies tat, das tat sie voll und ganz, ohne nachherigen Rückfall, es war mehr die Erinnerung an eine gewisse Enttäuschung, die sich mit dem Namen Klausen verband. Nachdem er wirklich ein Jahr später die kleine verliebte Trude zur seligsten aller jungen Frauen gemacht hatte, war das junge Pärchen auf der Hochzeitsreise wie ein Wirbelwind in ihre tiefe Trauer um die Mutter hineingeweht, den Kops voll Ftittetiuocheiizärt­lich keil, von südlicher glutvoller Reiseeindrücke, von Pariser Toiletten und italienischer Schmucksachcu. Suse hatte förm­lich lechzend all diese sich überstürzenden Berichte einst gesogen, mit glückshungrigen Augen jede verstohlene Liebst kosnng des jungen Ehemannes konstatiert, aber Ruth hatte geradezu vor etwas Unbegreiflichem gestanden. Diese Oberst flächlichkeit, dieses kindische verliebte Geplänkel, das nicht: mal vor der tiefen Trauer in ihrem Hanse halt machte, lief ihrer ganzen Natur entgegen. Ans der Schlvere ihres. Kampfes nins Dasein heraus verinochte sie sich nicht mehr zu der Vorstellung zn erheben, das sie als Hans Mausens Frau, im Wohlleben geborgen, einen wirklich befriedigen­den Lebensinhalt hätte finden können. Fast etwas Ivie eilte leise Scham regte sich seitdem manchmal in ihr, zurückgest dämmt nur durch das Bewußtsein, daß es ein reines, tiefes, selbstloses Empfinde!! gewesen, ein Teil ihrer Jugend, einem Phantasiegebilde, aber keinem Unwürdigen geopfert. Sie hatte ihn einmal sehr geliebt, sehr----Ob so ein Gefühl

sich je wiederholte? Sie glaubte es nicht, in ihr war alles tot, Asche ohne den schlummernden Funken darunter. Ihre Gedanken waren allein auf den Broterwerb gerichtet und mit liebevoller Sorgfalt führte sie den Pinsel über den. vielfarbigen Malvenbusch, der das Innere des zierlichen! Ofenschirmgestells zierte.

Suse schrieb unterdes; glühend vor Eifer rhre Epistel aii die ferne Freundin. Die weißen vollen Finger malten, rasch schrägstehende große Buchstaben, wie mit einem Streich­holz geschriebeii, trotzig, energisch, nachdrücklich, wie ihr ganzes Wesen. Der Schluß des Briefes lautete:Schreibe mir bald. Liebes, schreibe mir recht viel ans einer Welt, litt der man es für eine Schande hält, kein T-ienstmädcheni zu haben." 'Tas war für Suse der Inbegriff der Schäbig­keit. Was man sich da alles eigenhändig besorgen mußte. Sie schauderte.