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Winter in Kanada.
der Sureziulratie seine Kraft zerrieben; aber wenn e§' heute anders geworden ist, und man fortwährend noch auf Reformen auf dem Gebiet des Gefüngniswesens sinnt — feine Gedanken sind der Sauerteig, der die Gärung bewirkte. Sein Pkan für die Gestaltung der Liebesarbeit im ganzen Baterlande und unter
Johann Hinrich Wichern, der Herold einer neuen Zeit. Ein Erinnerungsblatt zum 7. Wrik.
Erziehungsgehilfen Einführung und Anleitung zum Erziehungs- Werk und Liebesdienst, und arbeiten nun int weiten Lande.
D. Wicherns Lebensarbeit erschöpfte sich nicht in deut engen Raunt der Anstalt. Durch das gedruckte Wort und durch begeistertes persönliches Zeugnis weckte er allerorten den Liebeseifer, der in seiner Seele wie ein helles Feuer brannte. Und nachdem Wichern in Wittenberg am 21. September 1848 mit mächtigem Wort der Kirche den Diettst der n ncre n Misst o n empfohlen, und die Antwort der Kirche gehört hatte: „Die Innere Mission ist mein", grünte und blühte ein neuer Frühling im Lande auf. Damals gründete christliche Liebe hi, armer Zeit in sechs Jahren mehr als 100 Rettungshäuser für gefährdete Knaben. Damals begann die Arbeit des christlichen Schriftenwcsens, die Fürsorge für die Auswanderer, der Dienst der Kirche an den Gefangenen. Michern ward zum Reorganisator des GcfängniSwesenS in Preußen. Er hak freilich im Kampf mit
fest anliegen. ,
Kanada ist in der Tat das Land der Pelze. Jeder tit besorgt, sich so ’ gut als möglich gegen die Külte ztl schützen. Man könnte sagen, es sei das Land der wilden Tiere, so sehr gleichen die Männer großen Tieren, und die Frauen verlieren fast gänzlich die Erscheinung eines Menschen. Man sieht in Montreal nichts alS Mren, Wölfe und Seehur.de, die sich tu den Straßen völlig frei bewegen. Jeder drückt die Pelzmütze biS über die Augenbrauen herab, schlägt den Kragen des' Pelzes über die Ohren oder schlingt einen Schal bis an die Nase. Bon dem Gesichte erblickt mau nichts als zwei tränenerfüllte Augen, tue bei einer Kälte von —25 Grad zu erstarren scheinen. Kokette Damen oder elegante Herren wagen cs', ihr Gesicht unbedeckt der Kälte auszusetzen; allein diese ist ein unbarmherziger Fettid der Schönheit. Die unnatürlich roten Backen und Nasen ver- künde» die Gefahr der Eitelkeit zum Opfer zu fallen. Die Füße der Wandelndett sehen keinen Füßen mehr ähnlich. Mau wtckelt sie tu drei Paar grobe leinene Strümpfe ein und steckt das Ganze in Schuhe von Damhirschleder oder in NeberWche vmr Kautschuk. In gewöhnlichen Stiefeln wäre cs unmöglich, das Gletchgewtcht auf dem Glatteise des Trottoirs zu erhalten. Wer es trotz aller Warnungen wagt, liegt nach dem ersten Schritte tu setner d(tu?,eit Länge auf dem Boden und ist übcrglüllltch, tocitu cr den Fall in der Nähe eines UebcrschuhhändlerS tut, um sich fogletch mit dem Notwendigen zu versehen. v
Ein Blick auf Montreal im Winter gewahrt em ganz eigentümliches Schauspiel. Es ist ganz weiß wie von Zucker, cm großer Schneckluiupeii. Um die Stadt herum zteht ftch die glatte Fläche des St. Lorenzstromes, der sich mit einer Eiskruste bis 1 Meter Stärke bedeckt, die es Fuhrwerken mit den schwersten Ladungen ermöglicht, über ihn zu fahren. Man fährt auf ihm in EiSbooten, kleinen Segelschiffen auf Kufen, welche der Mmd mit rasender Schnelligkeit dahinjagt. Aber man kann nur ausnahmsweise von diesem Bcwegungsmittel Gebrauch machen, denn der St. Lorenzstrom ist selten glatt gefroren, und die Eisschollen
Die große Entfaltung der christlichen Liebesarbeit in unfern | Baterlande zieht immer wieder in unseren Tagen die Beachtung I weiter Kreise auf sich,. Gar zu selten aber fragt man nach dem I Ursprung dieser Arbeit. Man kennt und nennt wohl diele I und feite Persönlichkeit als Anfängerin einer einzelnen Arbeit, I aber man beachtet zu wenig, daß gerade in Deutschland und tm i Gebiet des Protestantismus die gesamte Arbeit als ein einheft-
. liches, ganzes, wohl organisiertes und planmäßig betriebenes I Werk auf eine Persönlichkeit zurückzuführen ist, die.ihren, ge- i nialen Plan unter dem Namen „Innere Mission" an die Seffent- I lichkeit brachte, — auf Johann Hinrich Wicheru. i
Gerade jetzt, da am 7. April 25 Jahre seit lemem Aube j verflossen find, dürste cs an der Zeit sein, sich in kurzem Rück- blick mit dem Lebensgang und Lebenswerk dieses einzigartigen I Mannes bekannt zu machen. In Hamburg, wo neben glänzendem 1 Reichtum auck viel Elend und sittliche Not sich breit macht, stand sein Vaterhaus. Wicherns Vater war Notar und Uebersetzer, starb aber früh und hinterließ sieben Kinder, bereit ältestes, Johann Hinrich, am 21. April 1808 geboren war. Der frühe Wniscustcmd machte den jungen Wichern frühzeitig mit der Not ! vertrant. Not lehrte ihn arbeiten, Not lehrte ihn beten. Die Schule der Not war für ihn, wie für manchen, der später Großes vollbrachte, der Weg zum Heldentum. Freilich haben die Spuren dieser Jugendnot diesen Mann nie verlassen; lästiger Kopfschmerz, die Folge der Ueberanstrengung, blieb sein Teil, bis er nach sieben Jahren des Siechtums int Jahre 1881 starb. Der Wunsch, die Seinen versorgen zu helfen, führte den jungen Wickern als Helfer in ein Hamburger Erziehungsinstitut. Dort lernte er durch Berichte die Liebcsarbeit des Grafen Adalbert von der 'Recke-Bolmarstein an gefährdeten Kindern kennen.
Der Eindruck der Persönlichkeit des Baron v. Kott Witz, der feilt Gut in den Dienst der Armen gestellt, und eilte Armert- beschästiguugsanstalt in der Franzosenzeit zu Berlin eröffnet hatte, bestätigte Wichern in dem Wunsche, einst ein Leben dienender Liebe zu führen. Die erste Hamburger Sonntagsschule, nach englischem Muster dort eingerichtet, gewann des Kandidaten Wichern frische Kraft, und damit tritt er ans die längst ersehnte Bahn des Dienstes an den Kindern. Der Besuchs verein in Hamburg, welcher durch Armenbesuche das leibliche und sittliche Elend In Hamburgs Winkeln und Gassen lindern wollte, war die Stätte, ans welcher die Erziehungsanstalten des Rauhen Hauses herauswuHsen. Anstaltlicke Fürsorge für gefährdete Kinder war nichts neues. Neu war, daß Wickern den Grundsatz aufstellte: jede Gruppe, von zwölf Kindern braucht um der individuellen Erziehung willen ein eigenes Haus; die Rettungsanstalt muß ein Rettungsdorf werden. Neu war damals der Ruf nach Erziehern aus dem Volk, das Verlangen nach Brüdern in der evangelischen Kirche. Was Wichern damals 1833 im Geiste schaute, hat Erfüllung gefunden. DaN Rauhe Haus in Hamburg wuchs sich bald zum Dörflern aus. Zur Volksschnl- abteilnng im Rauhen Haus kam das Pensionat ftir Knaben begüterter Kreise, die Handtverkerabteiluug und die landwirtschaftliche Abteilung. Scharen von Brüdern empfiitgen in der Anstalt als
Der Winter, welcher tu diesem Lande sehr lange dauert, gestattet keinen Aufenthalt auf der Straße. Alles eilt und beeilt sich. Jedermann bangt für seine Ohren. Förmliche Lawtnen von Schnee fallen von den Dächern der Häuser und vergrößern die Schneewehen, welche zu beiden «eiten der Straße aufgetürmt itub. Alle Vorübergehenden werden mit Schnee bedeckt. Sie bleiben nickt stehen, um sich desselben zu entledigen, sondern scklagen ihn im Vorwärtseilen mit den Armen von . sich. Schlitten iliegen rasch dahin, während die Schellen lustig ertönen. Trotz der Strenge des Klimas werden die Pferde auch im Winter unbarmherzig geschoren. Es scheint dies die Schnelligkeit ihres Laufes - . zu beschleunigen. Man putzt sie mit Wickern und Roietten in den L I buntesten Farben, was von der Weiße des Schnees lebhaft absticht Die Völker des Nordens finden kein größeres Vergnügen, als, warm in Pelzwerk eingewickelt, ans einem raschen fuhrwerk über die Schneefläcke dahinzueilen. Wenn das Pferd von der Kalte und dem Sturme schärfer berührt wird als von der Peitsche, so beschleunigt es seinen Lauf, und man fährt wie über einen Spiegel dahin. Die Kutscher sind sämtlick in Pelze gekleidet, welche mit einer Kapuze aus den Fellen von wilden Katzen versehen sind. Ein Gürtel aus sarbigem Leder schließt das Kleidungsstück eng an den Körper. Die Pelzkapuze must bis über die Ohreu herabreichen. Die Hände stecken in Handschuhen, in welchen fast ein Elefant seine Füße verbergen könnte. Die Kutscher sind ohne Unterlast in Bewegung. Sie erheben steh und blicken über den Rücken der Pferde, um zu sehen, ob nicht ein anderes Fuhrwerk von dieser oder jener Seite komme, und werfen sich bald nach rechts, bald nach links, um das Gleichx- gewicht des Schlittens aufrecht zu erhalten. Mgehärtet gegen die Kälte, unempfiiidlich gegen den Wind, der ihr Gesicht schneidet, und Eiszapfen an ihren Bart klebt, sind sie von nusterordent- licher Vorsicht, und um alle, welche sich ihnen anvertranen, so besorgt, daß sie nicht früher ruhen, bevor sie sich nicht überzeugt haben, ob die Mäntel und Pelzwerke den Reisenden auch
trübt genießen. Was nachher kam, das Zurücktauchen ins Nichts, in die graue Eintönigkeit des kläglichen Alltagslebens daheim, daran mochte sie nicht denken. _ Jede Mahnung an
die Heimat wehrte sie in der'Jlwei/mit sich ! ^Deutftheii'stn^ fernen Landen ist bis zur Stunde das Arbeitstrug sw die nicht einmal häufigen B f ) I ^gramm der evangelischen Kirche und ihrer Inneren Mission
herum, ehe sie einen öffnete und fluchtig überlas. <-te e..t | J9(6er gg!Orte nicht. Mehr wirken dte Taten. Datz hielten -wischen den Zeilen immer fo etwas wie eine Warn- I $gi$ern/ her Kandidat, auf das Pfarramt verzichtete und einem itr.i nicht aar zu glücklich zu sein, dem blendenden Sonnen- Häuflein gefährdeter Kinder fein ganzes Leben widmete, ohne zu ui.g, iitajt gm iS» J J o t nb (o tchwiw sei I fragen, was wird e nst werden, daß tu ihm dte Kraft gläubiger schem nicht zu trauen, beim - so eni|t imo jcywer ]ei Opfer des Lebens bewirkte, und daß dieses
das Leben. . , , I Feuer der Liebe ihn mehr und mehr hinnahm und zuletzt ganz
Fede Fiber in Suse Mcndies aber empörte sich gegen | ver5e$rte; das hat treue Jünger an ihn gefesselt. Pastoren und dieic Mahrbeit In ihr war es licht. Sie stand mitten in Brüder, die von dem Werk, an das er sie stellte, nicht lasten f ’ «Sn (1 ihrer «Träume konnten, sie waren Träger der von ihm verkündeten Botschaft!
der Eisiillnng ihrcr . | Jeder Christ ist zum Dienst der Liebe verpflichtet.
lFortieoung icigut I P, Martin Hennig,
—-------- j Direktor des Rauhen Hauses in Horn bei Hamburg.


