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es festzuhalteu? Ihr schwindelte. Und ein inneres Frost- gcfnhl ließ sie zusammenschauern.
„Frieren Sie?" fragte er besorgt, mühsam seinen Jubel über ihre merkliche Erregung verbergend, „wir wollen uns ein wenig Bewegung machen, ja? Aber vorerst nehmen Sie hier Ihren Ring, den ich mir gestern widerrechtlich aneiguete."
Er hatte ein kleines Päckchen aus seiner Manteltasche gezogen, löste rasch das verhüllende Seibenpapier und bot ihr einen Strauß köstlicher großer Treibhausveilcheic, deren Stiele durch ihren Ring gezogen waren.
Heiß erglühend stammelte sie einen Tank und nestelte den duftenden Strauß, nachdem sic den Ring in ihrem Portemonnaie verwahrt hatte, in ein Knopfloch ihres kurzen Jäckchens.
Daun glitten sie Hand in Hand über die schimmernde Eisfläche. Sie merkte es nicht, ivie geschickt er allen Bekannten ausznweichen wußte, um sich durch nichts in seinem Zusammensein mit ihr stören zu lassen, aber allen anderen siel es auf. Es sanden sich schon scharfe Zungen, die ihn „gewissenlos" nannten, und mitleidige Seelen, denen das reizende Mädchen leid tat. Er hätte die Fremde schonen können, die sicher alles für bare Münze nahm und sich törichte Hoffnungen in den Kops setzte, während die Eiu-- heimischen ihn langst nicht mehr ernst nahmen. Ob mau sie warnen sollte?! Mau munkelte, das würde Hauptmann von Brockhaus schon besorgen, der mit feinem kalten, strengen Gesicht seit einer Weile, Wohl tun seine Damen abzuholen, auf dem Promenadenweg am Rande der Bahn hin und her ging. Er warf nicht gerade freundliche Blicke auf das eifrig plaudernde Pärchen, um das die ganze Welt versunken schien.
Sie sprachen jetzt von dem Ballfest beim Kommandeur und Suse meinte sehr kläglich, sie würde sicher nicht dabei fein können, .denn sie habe kein Kleid, das für die Doru- röschenrolle passe und auch kein Geld, um ein neues zu kaufen. Und sie erzählte rührend offenherzig, daß sie bei den Eltern nicht darum Bitten könnte, denn ihre vielen Geschwister kosteten eine Menge Geld und da dürfe nichts lieberflüssiges angeschafst werden, aber sie hätte doch schrecklich gern hübsche Kleider und all die Dinge, die viel Geld kosten und die Menschen wären doch glücklich, die so aus dem Bollen leben könnten wie ihre verwandten.
„Trösten Sie sich, Fräulein Suse!" sagte der junge Offizier darauf, leise die kleine Hand in der seinen drückend, „ich habe auch nichts."
Wenn er gedacht, sie mit dieser Mitteilung zu erschrecken, so täuschte er sich. Fast glücklich lächelnd blickten ihre schönen Kinderaugen ihn an.
„Da bleibt uns beiden nur eine Rettung!" meinte sie, „wir müssen reich heiraten."
Er nickte ernsthaft dazu.
„Ja, es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben."
Und dann brachen sie lute auf Verabredung beide in ein so herzliches Lachen aus, daß Borüberfahrende sich mißbilligend nach ihnen umdrehten.
Ein paar Offiziere näherten sich ihnen.
„Kann man mitlachen?" z
Trautendorf wehrte ab.
„Bedauere sehr, die Gelegenheit ist bereits vorüber. Aber wir könnten eine Quadrille fahren oder so was, sucht Euch schnell noch ein paar Damen, das ist immer amüsant."
„Natürlich!"
„Famos."
Während die jungen Offiziere davonstoben, drückte Trauteudorf leise Enses Hand in der seinen.
„Ich darf doch Ihr Partner sein? Wir wollen unterdeß unsere Quadrille für Samstag einüben. Ich möchte mich so gern sehr auf biefeit Ball freuen, Fräulein Meridies, aber ich weiß nicht, ob ich es wagen darf."
Sie lehnte die rosige Wange kokett gegen den kleinen, dunklen Pelzmuff und blinzelte ihn schelmisch an.
„Wie kann man Skrupel haben, ob mau sich auf etwas freuen soll? Wenn Sie erst denken, daß dieser Balll eine Freude für Sie sein kamt, dann immer drauf los gefreut. Ach, ich freue mich immer jetzt, lieber jeden Tag, der neu heraussteigt, wenn ich auch uoch nicht ahne, was er bringen wird. Aber er bringt immer etwas Schönes, lauter Tinge, von denen ich früher nur sehnsüchtig geträumt habe, immer nur Erfüllung, nie Enttäuschung."
Ein wunderbar strahlendes Licht brach aus ihren großen
Blauaugen und verlieh ihrem jungen, blühenden Gesicht einen unbeschreiblichen Reiz, der den verwöhnten Frauenkenner geradezu berauschte. Dabei lag etwas geradezu rührendes in dieser naiven Dankbarkeit für ein Leben, das Hunderte ihrer Altersgeitossinuen tagtäglich als selbstverständlich entgegenuahmeu, das sie schal und langweilig nannten, nach netten raffinierten Reizmitteln suchend, sich ihr ödes Dasein erträglich ztt gestalten. Würde dieses irn- pulsive, empfängliche Geschöpf nicht nur mit leidenschaft^ Helfer Liebe, sondern auch toll glühendster Dankbarkeit an dem Manne hängen, der sie an sein Herz nehmen würde, auch wenn er sie nicht mit Schmuck und Kostbarkeiten über- häusen könnte? Ihm wallte das heiße Blut in die Stirn. Sein Blick fuhr wie eine lodernde Flamme zu ihr herüber.
Ihre Augen senkten sich rasch zu Boden.
„Fräulein Suse!" sagte er mühsam beherrscht, „sind Sie süß, Gott, sind Sie süß. Sie dürfen keinen reichen Mann heiraten, hören Sie, Sic dürfeu's nicht. Sagen Sie rasch: Nein — schnell, ehe die aitbereit kommen, dann hab' ich auch meine Freude auf den Ball. Nun, Sie tun's! nicht, nein?"
„Nein!" stieß sie hervor, bezwungen von der leidenschaftlichen Glut, die von ihm ausströmte, die sich wie eine heiße Welle über ihren ganzen Körper ergoß, hypnotisiert von der Macht seines Willens, dem sie in, einer süßen Schwäche unterlag. Er dankte ihr nur mit einem raschen, zärtlichen Blick, betttt schon kam eine große Gesellschaft von Herren und Damen auf sie zu und machte jede weitere Verständigung unmöglich.
Trauteudorf war sofort ivieber ganz Arrangeur, der Vortänzer auf dem Eise genau wie im Battsaal. Suse schien er ein ganz anderer, wie vor wenigen Minuten, er war jetzt gegen sie um keine Nuance liebenswürdiger, tüte gegen die übrigen Damen, ja, er hatte für jede derselben ein paar netLende Worte, eine kecke Schmeichelei bei der Hand. Ihr junges Herz krampfte sich schmerzlich zusammen, sie suhlte, daß sie angefangen hatte, ernstlich und vertraucnsvott mt eine Neigtmg seinerseits zu glauben und die ersten bangen Zweifel schlichen sich vergiftend in ihre kindliche Zuversicht. Unwillkürlich wandte sie sich öfter Leutnant Bittner zu, der sich mit seiner Partnerin, der niedlichen, schwarzäugigen Braut eines zur Kriegsschule abkommandierten Kameraden, an ihre rechte Seite geschlängelt hatte, ruhig, beharrlich, ivie es in seiner phlegmatischen Natur lag, abivartend, bis feine Angebetete sich wieder seiner erinnern würde. ' Und als sie's tat, strahlte er. Sie aber durchforschte ernster als sonst seine guten, hellblauen Augen und dachte:
„Die können gemiy nicht lügen."
Ihr lebhaftes Gesichtchen spiegelte so deutlich ihr Em- psinden wieder, daß der junge Offizier nicht im Irrtum war, luemt er sich einbildete, es spräche ivarme Sympathie für ihn aus diesen schönen Augett. Und es war ein Triumph, den seine Bescheidenheit nie gekannt, der ihn bei deut Gedanken durchströmte, daß er int ganzen Regiment der einzige ivar, der sich auf Grund eines alten, ihn vergötternden Erbonkels hin den Luxus einer armen Frau gestatten könnte.
Fast zur selben Sckmtde ging durch den blonden Mädchen- kopf neben ihm derselbe Gedanke, aber an ihn knüpfte sich, leise, leise die bangen Zweifel hinweg schmeichelnd, die Erinnerung mt das heiß erflehte Versprechen, das sie vor einer Viertelstunde einen: anderen gegeben.
Daß dies Versprechen nichts als eine süße Torheit gewesen, sah sie nicht nur selbst ein, nein, auch Frau von Brockhaus, schnell aufmerksam geworden, wies immer wieder mit versteckten Anspielungen auf das aussichtslose dieser Courmacherei hin. Sie ärgerte sich, daß Trauteudorf ihre schönen Pläne durchkreuzen konnte, wenn der schwerfällige Bittner sich nicht möglichst rasch erklärte. , .
Suse mußte jetzt oft der Kusine standhalten, die ihr die Vorteile einer Heirat mit Bittner in rosigsten Farben malte und nebenbei scheinbar unabsichtlich eingeflochtene Bemerl- tmgeit über Trautendorf hören, die auf die Lebensauffassung des hübschen Offiziers kein günstiges Licht ivarfeit, aber es machte einen bedauerlich geringen Eindruck auf ihr leichtherziges Gemüt. Sie ivollte ja gar nicht geheiratet, \ve wollte nur glücklich fein, diese paar Wochen voll und unge»


