1906
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Mittellose Mädchen.
Noman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck tierboten.) (Fortsetzung.)
Froh, den auf sie einstürmeuden Empfindungen litt- geftört nachhängen zu können, schmiegte sie sich endlich in die weichen Kissen ihres Lagers. Und in halbem Hinüber-- schlummern kam ihr plötzlich das traumhafte Bewußtsein, daß der kleine Ring an ihrem Finger noch immer fehlte. Ta lächelte sie glücklich. Und mit diesem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein. $
Am nächsten Tage war sie unter der vergnügten Gesellschaft, die sich bei den Klängen der vom Oberst liebens- würdig befohlenen Regimentskapelle auf dem Eise tummelte, der vergnügtesten eine, trotzdem Trautendorf wirklich nicht erschienen war. Ihr leichter Sinn, der sich durch tausend Kleinigkeiten ablenken und zerstreuen ließ, kam schnell über eine Enttäuschung hinweg und der Wintertag war so wunderbar schön, die Sonne sank in so strahlendem, fast wärmenden Glanze hinter den entlaubten, reifglitzeru- deu Bäumen der ehemaligen Festuugswälle hernieder, die Musik spielte so weiche, schmeichelnde Melodien, auf der spiegelglatten Eisbahn lief's sich so herrlich, daß Suse alles andere vergaß und nur dem Augenblick lebte. Ihr von Kälte und raschem Lauf gerötetes Gesicht unter dem dunklen Pelzmützchen wirkte durch seinen temperamentvollen Ausdruck von Lebensfreude und unbewußter Leidenschaft wieder bezaubernd und sie war immer von Herren umringt, die ihre Kunst auf dem Eise aufrichtig bewunderten und nie geglaubt hatten, daß eine Dame mit so viel Grazie allerlei Wendungen laufen könnte, an die sonst nur Herren sich ivagten. Schließlich entstand ein förmlicher Wetteifer unter der ganzen Gesellschaft, im Schlittschuhlauf ihr möglichstes zu leisten, und Suse fand eine Menge gelehriger Schüler, die ihrerseits das Erlernte wieder liebenswürdig den jungen Damen beibrachtcn.
lieber Bittners mißglückte Versuche, eine Acht zu fahren, wollte Suse sich halbtöt lachen.
Er verrenkte seine langen Gliedmaßen dabei so unsagbar komisch und war so haarsträubend ungeschickt — er war im übrigen seit Jahren nicht mehr auf dem Eise gewesen und nur Suse zuliebe gekommen — daß diese sich köstlich amüsierte.
Als er sich plötzlich bei einem neuen energischen Anlauf nach hinten überschlug und in seiner ganzen Länge hinfiel, mußte die übermütige Suse derart lachen, daß sie selbst das Gleichgewicht verlor und unfehlbar ebenfalls gefallen wäre, hätte sich nicht ein kräftiger Arm fron rückwärts um ihre junge, geschmeidige Gestalt gelegt und sie stützend mit- saugen. "Mit einem leicht erschreckten: „Oh, danke sehr!" aber immer noch lachend, wandte sie sich um und sah geradewegs in Trautendorfs blitzende Augen.
„Nun, stehen Sie fest?" fragte er, ihre Gestalt zögernd freigebend und auf ihr bejahendes Kopfnicken hin setzte er in seiner, wie die Damenwelt es nannte, „entzückend unverschämten" Art hinzu:
„Sie scheinen sich ja wieder famos ohne mich zu amüsieren, mein gnädiges Fräulein."
Sie hob kampfbereit das hübsche Köpfchen.
„Ja, warum denn nicht?"
Uuterdeß hatte der verunglückte Bittner sich wieder aufgerichtet und fie glitt zu ihm hin, lächelte ihn tröstend an, begann mit ihrem Muff den ihm reichlich anhaftenden Schnee abzustäuben, was der junge Offizier sich verlegen und doch beglückt gefallen lieh.
Beim Herankommen des Kameraden verfinsterte sich sein Gesicht.
„Wo kommst Du denn her? Ich denke, Du hast Dienst?" meinte er mißtrauisch.
„Hab' ich auch gehabt. Komme direkt aus der Kaserne. Dir paßt ivohl mein Hiersein nicht, alter Freund? Ich stör' Dich wohl in Deinen Künsten? Freilich, wenn f fan eine solche Lehrmeisterin darin hat."
„Ach, laß doch die dummen Witze."
Suse sah erstauut von einem zum anderen.
Sie begriff alles. Aber sie heuchelte totale Berstäudnis- lösigkeit, als Trautendorf, nachdem er den Freund durch einen Hinweis auf sein schneemannartiges Aussehen vermocht hatte, zum Abbürsten nach dem Reslauratiouspavillon zu fahren, ihm uachblickend, sagte:
„Der arme Kerl."
„Meinen Sie, daß er sich sehr weh getan hat?" fragte sie reizend naiv, „und ich habe so gelacht."
„Rein, das meinte ich nicht; ihn quälen ganz ändere, heimliche Schmerzen, die zu stillen ganz allein in Ihre Macht gegeben ist. lind für mein Leben gern möcht' ich wissen, ob Sie von dieser Ihrer Macht Gebrauch machen werden, Fräulein Suse!" seine gefährlichen Äugen ruhten fascinierend auf ihrem Gesicht, „werden Sie's tun?"
Tas entschiedene „Nein", auf das er gerechnet hatte, kam nicht. Sie war, wie um sich zu sammeln, einen großen Bogen um ihn herum gefahren. Nun blieb sie dicht vor ihm stehen, halb trotzig, halb verlegen zu ihm aufsehend.
„Was Sie für komische Fragen stellen, Herr Oberleutnant! Wie kann ich heimliche Schmerzen stillen, ehe jemand- mich darum bittet. Vielleicht täte ich's, ich habe ein mitleidiges Herz."
Er lächelte cigeutümlich vor sich hin.
„Wissen Sie, daß Sie ein kleiner Schlaukopf sind, Fräulein Meridies!" sagte er fast zärtlich, „aber all Ihr Sträuben wird Ihnen zuletzt doch nichts nützen."
Sie sand keine Antwort, sie war wie gelähmt von der Bedeutung, dem leidenschaftlichen Ton seiner letzten Worte. Stand denn wirklich das Glück schon neben ihr so greifbar- nahe, daß sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um


