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zweiter Abgeordneter und Topft jenem1 ersten auf die Unger, Vielmehr auf den Mund: jener habe ivohl nicht „majorenn sagen wollen, sondern vermutlich souverän — er freilich glaube, die „Souveränetät" der Kammer gehe nicht so weit, dass sie sich über die Bestimmungen ihrer eigenen Geschäftsordnung hinWeg- setzen könne. ,®er Sitzungsbericht verzeichnet „Heiterkeit" bei vieser sprachlichen Zurechtweisung. Aber „große Heiterkeit entsteht, als der nächste Redner seine beiden Vordermänner und die Kammer iinb alle Deutschen dahin aufllärt, jener erste „Kollege habe Wohl gar nicht sagen wollen, das Haus sei „marorenu", und er habe gar nicht sagen dürfen, das Haus fei „souverän , sondern er habe gut deutsch sagen Müssen, das Haus sei durchaus kompetent!! Hätte der erste Redner einfach gesagt, das Haus der Abgeordneteii sei ganz wohl „befugt" oder sei „berechtigt oder es sei „im Recht", das oder das zu tun, so Ware ieme Meinung klar gewesen, und sein „Bildungs"-L>tandpunkt wäre Nicht augezweifelt worden. Aber Fremdwörter müssen es sein um jebcit $Teis'!
* Der Orden vom weihen Hirschen, dessen Kapitel der Kaiser neulich beim Fürsten Pleß beiwohnte, wurde 1859 zum Besten des Weidwerks vom verstorbenen Prinzen Friedrich Karl gestiftet und vom Kaiser 1889 sanktioniert. Um in den „sehr edlen Orden" aufgeuommen zu Werden, muh der die Ausnahme Begehrende vor allem nachweisen, daß er, wie es im Statut heißt: „sich des Weidwerks stets eifrig angenommen hat, und für einen guten Jäger gilt." Bei Beginn der Auf- imhmefeier verliest der Kanzler das Aufnahmegesuch und richtet an den Aufzunehmenden die Frage, ob er geloben Wolle, sich zu halten, Wie cs .die Statuten von einem guten Jäger verlangen. Nachdem das Gelöbnis gegeben ist. Wird der Aufzunehmende durch Erteilung der drei Pfunde (Schläge auf die Schulter) zum Ritter geschlagen. Jeder Ritter erhält ein kunstvoll aus- gefertigtcs Diplom. Der Kaiser sowie die Ordensmitglieder tragen bei der Feier die Hofjagduniform. Als Schmuck ziert den Käiser und den Großmeister ein zwei Zoll breites, dunkelgrünes gewässertes Band mit darauf gestickter Goldschrift: „Bive le Roy et ses chasseurs!" Dieser Wahlspruch war die Devise des alten Ftzldjägerkorps unter Friedrich dem Großen. In der Mitte des Wahlspruchs, an der unteren Kante des Bandes, sieht man einen Bruch von drei goldenen Eichenblättern, auf dem mittleren einen Tropfen „Schweiß" durch einen Rubin dargestellt, darunter zwei Hirschhaken mit darauf liegenden silbernen Eicheln. Hieran geschloffen hängt die königliche Krone über einem silbernen Edelhirsch jnüt -einem Geweih von zwölf Enden, der zwischen dem Geweih bas aufrecht stehende Kreuz und auf dem Rücken einen Hirschhauer trägt.
* Eine Enoch Arden-Geschichte kam wieder einmal im Londoner Ehescheidungsgerichtshof an den Tag. Kapitän Burrdws hatte vor 17 Jahren eine Forschungsreise nach- Zentral-Afrika angetreten. Drei Jahre später brachte ein französisches Blatt die Meldung, daß er ernt' oberen Kongo von den .Eingeborenen ermordet und nach 'her landesüblichen Weise auf- aezehrt worden sei. Frau Burrow legte Trauerkleider an und beweinte ihren so schrecklich dem Dasein entrissenen Gatten vierzehn Jahre lang. Dann aber erschien in der Gestalt eines Herrn Bokiugs, eines reichen Kunsthändlers, ein Tröster, der die Noch immer hübsche und anmutige WitWe veranlaßte, ihm ihre Hand zu reichen. Drei Jahre gingen so im glücklichen Ehebunde hin, als eines Abends, Während sich die beiden in einer Gesellschaft befanden, ein Bote Herrn Bolings ein Schreiben überreichte, das die Meldung enthielt, Kapitän Burrows sei nicht tot, sondern in Paris angelangt und verlange nun seine Frau zurück. Diese Wollte daran nicht glauben, Kapitän Burrows aber fand sich ein und Frau Bolings mußte, als er seinen Arm entblößte, der tätowiert war, zugestehen, daß er es wirklich sei. Herr Bokiugs Wollte seine Frau nicht aufgeben und Burrows wollte sie zurück haben, da er sie als seine Frau betrachtete. Der Gegeitstand des,Besitzstreites selbst schwankte und wußte nicht, was zu tun; schließlich überließ sie die Entscheidung dem Gerichte und dieses erkannte, daß die zweite Ehe uugiltig und daß sie daher nicht Ftau Bolings, sondern Frau BmroWs sei.
LrteVKmschss.
— Thomas Carlyle, Die französische R e v o l u - Hon. Neue illustrierte Ausgabe. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. Mit fast 500 szenischen Bildern, Porträts, Karikaturen, Handschristen usw. nach zeitgenössischen Vorlagen. Erscheint in 40, Lieferungen, Lexikonsormat, a 50 Pfg. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. — Die erste Lieferung des' Werkes setzt mit gewaltiger Wucht ein, — die Kapitel über den Tod Ludwigs XV. smd gleichsam ein ergreifendes Borfpiel zu dem erschütternden historischen Drama, das die Meisterhand Carlyles vor nutz auf- Mlt. In großen Linien, aber in gleichzeitig genialer Detail- malerei wird uns' der Zusammenbruch des königlichen Ansehens geschildert, das seinen ärgsten Zerstörer in dem fünfzehnten Ludwig selbst hatte, der durch Maitressenwirtschaft, Günstliugs- leglment und uusinnige Kriege dem Staate eine ungeheure Schuldenlast aufbürdete. Einem Zeitalter, das nach dem Pompadonr-
wdrt „Nach uns die Sündflut" lebte, enter Regierung Un deren Spitze ein „toi fainsant" stand, ein „König Nichtstuer", der ein königlicher Führer sein sollte, aber höchstens noch —, „seine Jäger und Piqueure führte", — einem solchen Regiment konnte nichts folgen als eine alles verschlingende Sündflut. Und es ist uns bei der packenden Schilderung Carlyles, als ob Wir mit starkem Unterklang schon das ferne Rauschen einer Revolution hörten, denn die ausgehungerten und ausgepreßten Massen imtrden unruhig. Während des" Königs Ratgeber sozialpolitisch kein anderes Rezept kannten — als Bastille oder den Galgen. Der König' liegt todkrank an seiner Blatternkrankheit darnieder; das Triumvirat d'Aiguillon, Maupeou und die Dubarry samt ihren Kreaturen halten für Wenige Tage noch die Staatsgewalt in ihren Händen. „Wird er sterben?" ist die große Frage und '— die Hoffnung Frankreichs. Und doch: dieser König galt einst als „der Vielgeliebte!" Es Ist Wunderbar, wie Carlyle die Dinge sieht, wie er sie schildert und meistert. Das ist keine trockene historische Darstellung, das ist eine seltene Schreibkunst, fesselnd in jeder Zeile, voller Größe und sittlichen Ernstes und dennoch durchtränkt von jenem souveränen Humor, der Carlyles Schreibweise einen so eigenen Charakter gibt, daß man sich gar nicht Wieder von seinen Büchern trennen kann. Hat doch der große Gelehrte John Stuart Mill, dem Carlyle den ersten Band seiner französischen Revolution in erster, noch säst feuchter Niederschrift ins Haus sandte, eine ganze Nacht lesend damit zugebracht, Weil es ihm unmöglich wär, wieder aufzuhören. Die vorliegende Lieferungsausgabe von Carlyles Revolutionswerk erscheint in würdiger und vornehmer Ausstattung und Wirt einen’ außerordentlichen Bilderreichtum bringen. Unter den vielen iuter- efsanten Porträts und Beigaben zur ersten Lieferung befindet sich auch die Wiedergabe eines sehr seltenen Blattes mit der Unterschrift DaUwns, eine Verfügung, die er als Justizminister erließ! Auch die Kunstblätter „Der zehnte August 1792", nach eurem Gemälde Thoffanys gestochen von Earlom, und „Die Eröffnung der Reichsstände am 5. Mai 1789 nach einem Gemälde von Couder sind in vollendeter Reproduktion als Künstbeilagen beigefügt. Die vielen, teilweise recht seltenen Porträts sind in vortrefflichen Autotypien reproduziert. Carlyle war ein aufrichtige« Freund Deutschlands. Er hat ja auch in Deutschland bereits eine große Gemeinde, und es erscheint uns gewiß, daß diese neue illustrierte Ausgabe seiner französischen Revolution, feines geschlossensten und vollendetsten Historienwerkes, die Würdigung und Aufnahme finden wird, die sie verdient.
— Bon der Anfang dieses' Jahres neuerschieuenen Wochenschrift „Das Blaubuch" liegen jetzt 5 Nummern vor. Es ist heute noch nicht möglich, über die Zeitschrift so kurz nach ihrem Enfftehen ein bündiges Urteil abzugeben. Soweit sich; aber eine Charakterisierung des Blaubuchs bisher bieten läßt, müssen wir mit Befriedigung konstatieren, daß, wenn die Herausgeber auf dem beschrittenen Wege weitergehen, das Blaubuch wohl dazu angetan ist, ein bedeutsames kulturelles Organ zu Werden. Der Artikel: „Verstaatlichung der Kunst" von Dr. Heinrich Jlgenstein in M. 4 ist scharf und schneidig, sachlich und einleuchtend. In der gleichen Nummer ist der Artikel von Keben: „Heilsarmee der Russenwerte" hervorzuheben, welcher die Schlappheit des deutschen Kapitals vor der russischen Despotie charakterisiert. Die fünfte Nummer des Blaubuchs bringt einen fesselnden Beitrag von Ellen Key: „Kulte des Ostens", eine kultur- psychologische Analyse der Religionen enthaltend, eine historische Novelle aus Neros Tagen: „Das wilde Tier" von August St rind berg. Ein Aufsatz: „Lebensrettung auf Aktien" deckt die Schäden des Krankenhauswesens in der deutschen Reichshaupt- stadt auf. _______________
Kunst.
— lieber1 Ferdinand Hodler, einen seltsamen und eigenwilligen Genfer Künstler, bringt die „Deutsche Kunst und Dekoration" (Alexander Koch in Darmstadt), ein Sonderheft mit 28 teilweise ganzseitigen Illustrationen nach den Haupte Werken dieses Meisters. Dieses Hodlerheft gibt zum ersten Male einen vortrefflichen und geschlossenen Ueberblick über das Leben und Schaffen des Schweizers; der Text, der Hodlers Wesensart darlegt, stammt aus der Feder Hans Rosenhagens. Das gleiche Heft bringt auch noch einen interessanten und reich illustrierten Aufsatz über die Ausstellung zur Hebung der Friedhofskunst in Wiesbaden.
Charade.
Nachdruck verboten.
Als Eins und Zwei Verderben bringend tobte,
Ta eilte eine wack're Schaar zur Dritten;
Ais Ganzes hat sie heldenhaft gestritten.
Wie heißt die Schaar, die kämpf- und siegerprobte? — Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume.
Ret-aktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Vertan der Brühl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


