Ausgabe 
7.3.1906
 
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Hauptanfahrt nach der Behrenstraße verlegt worden, um auf dem großen Boulevard etwaige Verkehrsstockungen zu ver­hindern ; aber für die zu Fuße Ankommenden hatte man das Portal nach den Linden geöffnet, und zudem wuchs die Schar der Neugierigen, die den breiten Promenadenweg füllten, von Minute zu Minute. An der hellen und stolzen Front des Theaters brannten die Kandelaber und Laternen, und über der Mosaik der Inschrift in der Portalwölbung leuchtete ein Halbkreis von elektrischen Lichtern. Ungeheuer war das Ge­dränge an der rückwärtigen Anfahrt. In langer Reihe, von der Friedrichs- bis zur Wilhclmsstraße hinab, hielten die Wagen: meist glänzende Equipagen, viele offen, denn der Herbstabend war schön und milde geworden, aber auch zahlreiche Droschken, und langsam rückten die Gefährte vor bis zu dem dreigeteilten Eingangstor vor dem Kaffenvestibül, wo zwei Huissiers mit dem Bären von Berlin auf dem Silber der Galonierung Wache hielten. Die Menge ergoß sich in breitem Stroni über die Treppen; aber die meisten waren früh genug gekommen, um vor Beginn der Vorstellung noch den vielgerühmten Restaurationslokalitäten einen Besuch ab- stattcn zu können. In der Tat hatte Hammer sich auch hier als ein origineller und schöpferischer Kopf erwiesen. Der große Speisesaal mit seiner Paneelierung aus hellem, rosa geädertem Marmor und die anschließenden Gemächer: die Ratstrinkstube, das Kurfürsten- und Schiffszimmer, der so­genannte Köllnische Saal mit den Ansichten von Alt-Kölln an der Spree, wie auch die behaglich eingerichteten Bier­stuben: das alles zeugte von spielendem Erfindungsreichtum, gutem Geschmack und hervorragendem architektonischem Können. Es lag eine gewisse Stimmung in jedem einzelnen dieser Zimmer. Hier konnte sich der Reichtum zu Tisch setzen, der den Glanz der Umgebung und die Pracht des Services liebt; nebenan wieder, in der Ratstrinkstube mit ihren dunklen Boiserien, der stillvergnügliche Rheinweinzccher, der gern in bacchischer Andacht hinter seinem grünen Römer weilt; im Schiffszinuner, das die Form einer großen Kajüte hatte, von deren gewölbter Decke zahlreiche Schiffsmodelle herabhingen, mochten die Liebhaber schwererer Getränke sich zusammen- sindcn, während in dem lichten und heiteren Kurfürstensaal die Traube vom Moselstrand gut munden mußte. In jeder dieser Räumlichkeiten hatte man das Gefühl des Gerne- Verweilens; cs war nirgends ein feierliches Stilgepränge, aber auch in dem luxuriösesten dieser Gemächer eine geivisse trauliche Harmonie, wie man sie gerade in Speisezimmern nicht vermissen möchte.

Aus dem Erdgeschoß flutete die Menge wieder empor zu den oberen Räumen. Man bewunderte die Couloirs mit dem hübsch erdachten Arrangement der elektrischen Leuchten innerhalb der Kassetten der Decke und den originellen Relief­friesen die Wandgemälde im Foyer, das Fest der Jugend im Dianentempel zu Ephesus darstellend, mit dem Signet einer Münchener Berühmtheit die große Wandelhalle mit den sieben Statuen Goethes, Schillers, Lessings, Kleists, Mozarts, Webers und Wagners und dem riesigen Medaillon aus Erz, Apoll und den Musen gewidmet, das die Halle nach Norden abschloß, und von dem man erzählte, Hammer habe es von dem Künstler unter der Bedingung erworben, daß die Form vernichtet werde, um jede Möglichkeit einer Nachbildung zu verhindern. Dies ganze Haus sprach eine beredte Sprache. Es war ein Musenheim von einziger Schön­heit, es war ein Werk der Kunst für die Kunst. Ein ver­schwenderischer Geist hatte es geschaffen und auch eine ver­schwenderische Hand. Wirklich: Hammer hatte nicht gespart. Die geringfügigsten Einzelheiten waren erlesene Kostbarkeiten. Es hat diesem leichtsinnigen Baumeister nicht genügt, die großen achtkantigen Säulen am Haupteingang zum ersten Rang mit Lapislazuliplatten belegen zu lassen: über den Säulenflächen war auch noch in scheinbar willkürlicher An­ordnung eine Anzahl von Metallplaketten verstreut, antike Tanzszenen darstellend, von denen jede einzelne ein Kunst­werk war.

(Fortsetzung folgt.)

Der Wille als Mittel das Leben z« verlängern.

IN der Januarnummer derRevue" veröffentlicht Jean öutot eine lesenswerte psychologische Studie über ein Mittel, das menschliche Leben zu verlängern: dieses Mittel wäre nach ihm der menschllche Wille. Wenn man sich vergegenwärtigt, schreibt er, daß der Zustand der Seele auf den Zustand des Körpers einen unbestreitbaren Einfluß hat, wird Man leicht einsehen, daß die Natur uns gewisse wirksame Mittel zur Herbeiführung irdischen Glückes zur Verfügung gestellt hat. Wir befinden uns gewisser­maßen tn der Lage eines Mannes, der Grund und Boden besitzt, dessen Tiefen reiche Goldadern bergen. Was tvurden wir von einem solchen Manne sagen, wenn er sich weigerte, feinen Reich­tum auszubeuten ? Und doch ist das der Fall fast aller Menschen. Wir wissen, wie leicht zu handhaben, wie sicher wirksam die uns von der Natur zur Verfügung gestelltenmoralischer: Instrumente" sind, aber wie wenige wissen sich ihrer zu bedienen! Die gut an­gewandten Kräfte unserer Seele rannen uns bei dem Streben nach Verlängerung unseres Lebens wichtige Dienste leisten. Wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben, vergiften wir uns selbst mit dem Gedanken an das nabe Ende. Wir verlieren den Glauben an unsere Kräfte, und diese verlassen uns. Unter dem Vorwande, daß das Älter Misere Schnltern drücke, nehmen wir «seßhafte Gewohnheiten" an und hören auf, unseren Beschästig- ungeii mit Eifer uachzugehen. Nach und nach öfsiien unser durch den Müßiggang dickflüssig gewordenes Blut und die mangelhaft erneuten Gewebe allen Krankheiten Tür und Tor. Ein frühes Alter, nimmt ti'on uns Besitz, und wir erliegen infolge einer! schädlichen Autosuggestion früher, als es hätte sein müssen.

Versuchen wir doch durch Autosuggestion zu leben, anstatt daran zu sterben! Halten wir uns die zahlreichen Beispiele von gesunder und kräftiger Langlebigkeit vor Augen. Lassen wiv uns Don dem Gedanken an die Möglichkeit über hundert Jahre alt zu werden, durchdringen. Goethe hat sehr richtig gesagt: Der Mensch kann der Natur gebieten, aus seinem Sein alle fremden Elemente, die ihm Leiden und Kraiikheit bringen, zu entfernen." Die negative Tätigkeit genügt aber noch nicht. Man muß zu einer positiven Arbeit schreiten. Man niuß in seinem Dirn wohltuende, heitere und stärkende Suggestioilen anffpeichern. Wir bilden uns ein, daß mit 60 Jahren und manchmal sogar noch früher das Ruhealter begonnen hat. Deshalb geben wir von dieser Zeit an Misere Beschäftigungen und unsere Vergnügungett auf. Wir ziehen uns vom Leben zurück, das sich dann natürlich auch von uns zurückzieht. Die Physiologie beweist uns aber, daß unser Organismus auch dann noch alle physiologischen Funk­tionen der frühereii Lebensperiode erfüllen könnte. Wenn die Verdauung oder eine andere Funktion geschwächt oder paralysiert ist, soll man nicht die Jahre anklagen, sondern dm schlechten Gebrauch, ben man von ihnen gemacht hat.

Was ist denn eigentlich Senilität? Es ist die Zeit des Le­bens. in welcher der Organismus des Menschen so verbraucht ist, daß er das' ihm von' der Natur gesetzte Endziel erreicht hat. Diese Grenze, die theoretisch bis zu 150 oder selbst bis zu 20Q Jähren hinausgeschoben werden könnte, liegt auch in Wirklich- keit weit ferner,, als wir zu glauben wagen. Zum Beweise dient mir eine Reihe von statistischen Tabellen, die in Paris elf Jahre laug von dem Doktor A. Bloch geführt worden sind. Aus diesm Tabellen ergibt sich, daß, selbst in Paris, das auf die Geftmdheit und die Langlebigkeit der Menschen einen so unheilvollen Einfluß ausübt, die Smilität, so wie wir sie definiert haben, häufig erst zwischen dem 80. und dem 85. Lebenswahre eintritt, manch­mal sogar erst einige Jahre später. Bloch kommt durch Ver­gleichung seiner zahlreichen Zahlen zu dem scheinbar paradoxen Schluß, daß vom 80. Lebensjahre ab die Krankheit über den Greis desto weniger Gewalt hat, je älter er ist. Mit anderen Worten: wenn er das kritische Alter überschritten hat, hat der Mensch weit mehr Chancen, die natürliche Lebensgreiize, d. h. etwa die Hundert zu erreichen. Und der Grund dafür? Er ist sehr einfach. Der Mensch braucht oft 80 Jahre Erfahrung, nm seinen Organismus richtig behandeln zu lassen. Wichtiger für uns ist die Tatsache, daß der Tod infolge von Pnmmouie, Herz­krankheit, Schlagfiuß nach dem 60. Lebensjahre durchaus nicht so häufig ist, wie man gemeiniglich annimmt. Mit anderen Worten: die AtmUngs-, Blutkreislaufs- und Verdauungsorgane funktionieren weiter und haben keinen besonderen Grund, nicht zu funktionieren. In keinem' Falle aber ist es die Senilität, die uns ihres Gebrauches beraubt, sondern alle Arten zufälliger Ursachen. Wenn wir mit unseren Organen rationell wirtschaften, können wir uns ihren Gebrauch länger als hundert Jahre erhalten. Man brauchte sich diese Wahrheit nur recht früh einznprägen, um eine recht lange Lebensstrecke zurücklegen zu können.

» Vermischtes.

* Ue6er ein köstliches sprachliches Zwischen­spiel in der Zweiten badischen Kammer erhält die Zeitschr. d. Allg. d. Sprachvereins'" folgende Mitteilung: In der Sitzuirg vom' 31. Januar d. I. handelte es sich um die An­fechtung und etwaige Ungiltiakeitserklärung einer Wahl. Da meinte ein Abgeordneter, die Kummer könne sich hinsichtlich eines besonderen Punktes ganz wohl für majorenn erllären und könne die oder jene Erhebungen anstellen Men. Alsbald kommt