— 138 —
wesen! Und danach sehne ich mich. Das würde ein mächtiges Hans werden, Fräulein Agnes, aber durchaus schlicht in bcn. Formen, mit Tausenden von Plätzen, jeder gleich gut und reoer zum gleichen Preise. Keine Logen, keine Ränge, überhaupt fort mit dem mißverstandenen Schema der alten Renaissancebühne! Die Bühne selbst muß sich wieder loslösen von dem sinnfälligen Ausstattungszauber. Der Geist soll wirken und das Wort und nicht die bemalte Leinivand. Mir schwebt eine große Idee vor. Wir haben kein Nationaltheater, kein Spielhaus für das deutsche Drama, in dem das Wesentliche über das Aeußerliche triumphiert; das Aeußer- liche gilt uns immer noch alles; wir stecken doch noch allzu sehr in romanischen Einflüssen. Ein wahrhaft deutsches Theater möchte ich einmal bauen! Meinen Sie, daß man verständige Leute dafür gewinnen könnte?"
Nun lachte Agnes nicht mehr. Sie nickte ruhig und entgegnete gleichmütig: „Sie werden noch viel bauen in Ihrem Leben, Sie werden noch Großes und Herrliches schaffen. Aber, lieber Freund, heute keine Galoppsprünge in die Zukunft hinein, heut hält uns die Gegenwart fest. Ich will nach Hause, mich umkleiden, daniit ich rechtzeitig ,zur Stelle bin, wenn man meinem Baumeister Ehre erweist. Ich werde Sie im Theater kaum sehen können — oder nein, sehen gewiß — aber ich werde Ihnen nicht die Hand reichen dürfen. Da möcht' ich es vorher tun. Herr Baumeister, kann man an solchem Tage etwas Besseres wünschen als: mit Gott und glückanf — ?"
Sie hielt seine Hand. Es ging ein zitterndes Schwanken durch ihre Stimme. Er sah in ihr feines, liebes Gesicht und in ihre blauen Augen, die ihm tiefer schienen als sonst, und sie waren doch wie verschleiert. Das mußte er ja, daß ihn ein eigenes herzliches Empfinden zu diesem Mädchen hinzog ■— daß er sie nicht hätte missen mögen, und daß es gleichsam leerer in ihm wurde, wenn er sie einmal tagsüber nicht sehen konnte. Der sinnliche Zauber, den die kleine Nina mit ihrem hübschen Gamingeficht und dem lockenden Brand ihrer Augen auf ihn ausgeübt hatte, war verflogen, seit er Agnes kennen gelernt hatte. Sie glich gewissermaßen der Inkarnation eines reinen und guten Gedankens, der so stark in der Seele wird, daß alles Niedrige und Unwürdige verblaßt und verflüchtet.
Er küßte ihre Hand und sie ließ es sich gefallen. „Mit Gott und glückauf", wiederholte er. „Ein Segensspruch und eni Bergmannswunsch: Fräulein Agnes, ich kann alle guten Wünsche gebrauchen. Denn dieser heutige sogenannte Ehren- abcnd ist doch nur eine Etappe zu höheren Zielen. Ob ich sie je erreichen werde? Auch das beste Wollen tut es nicht immer. Aber es könnte meinen Ehrgeiz beflügeln, wüßte ich, daß ich eine Genossin neben mir habe, die meine Wünsche und Hoffnungen teilt und die mich mit liebendem Herzen tröstet, wenn die schwarzen Gedanken des lZweifels ° wach werden wollen ..." 1
ne'9^e sie den Kopf, und über ihre Wangen tropften die Tränen. Er zog sie an sich und küßte sie auf den Mund. Es stieg ein heller Glanz in seiner Seele önf, als er fühlte, wie sie sich innig an ihn schmiegte, eme große Weichheit, fern aller Sentimentalität, denn sie 'n.11«6 "nd heiter. „Agnes," sagte er, „ich war
emft stolz auf die Einsamkeit, die ich um mich schuf. In ihr allem glaubte ich meine künstlerische Freiheit zu finden. Ich dachte nicht daran, daß ich im Grunde genommen doch nur ein herzlich schwacher Charakter bin und daß meine fröhliche
ost mit der Mutlosigkeit mischte. Ich kannte mich selbst nicht. Du wirst fein bequemes Leben an meiner Seite haben. Wir törichten Künstler sind rote Blätter im
Sturm treibt sie hoch in die blaue Luft und sulcht sie auch wieder in den Schmutz der Erde. Wir sind das Geschlecht der Ruhelosen und der ewig Suchenden. Aber so Gott will, wirst Du auch Glück finden neben mir. Nicht nur in ^der Herzlichkeit meiner Liebe, auch in unserein gemein» famen streben und Hoffen — und ich denke, es wird Dich chon froh machen, wenn Du fühlst, daß Deines Wesens sonnige Klarheit meine Unrast lindern hilft. Gerade, weil wir
i so grundverschieden sind, ich meine, gerade deshalb passen wir gut zueinander. Ist es so, Agnes? . . ."
Sie hatte ihre Arine um seinen Hals geschlungen, als wolle sie ihn nicht mehr freigeben, und ihr ganzes Gesicht war ! tränenüberströmt.
„Liebster," antwortete sie, „was frage ich, ob Dein Charakter so beschaffen ist und anders der meine, ob Du Launen hast und Künstlerstolz, und ich nichts habe als eine gute Handschrift und einen klaren Kopf — ich weiß nicht, ob wir zueinander paffen, ich iveiß nur, daß wir zusammen- gehören, und weiß, daß ich Dich unaussprechlich lieb habe. Ach, Urban . . ," sie lächelte unter seligen Tränen . . . „Urban —- den Namen habe ich mir hundertmal heimlich vorgesprochen, um mich an ihn zu gewöhnen, denn ich fand ihn häßlich und herbe, und er hat mich immer an einen Papst erinnert, der sehr unheilig gelebt haben soll . . Urban, sieh , ich habe viel Elend durchkosten müssen und die Sonnenseite des Lebens habe ich kaum je kennen gelernt. Vielleicht kommt es daher, daß ich mich nun so unsäglich glücklich fühle und aller „ruhigen Abgeklärtheit" zum Trotz wie eine Wilds durchs Zintmer tanzen könnte. Du fagst, Du gehörest nicht zu den Bequemen. Ach, täusche Dich nur nicht in mir. Aber w schadet ein Sturm I Fährt er einmal auf, wir ivissen ja, daß die Sonne wiederkehrt. Nur eins bedrückt mich. Ich bin ein armes Mädchen, bin ärmer, als Du ahnst, Urban, beim ich mußte auch den letzten Notgroschen opfern, um eine Ehrenschuld meines Vaters wett zu machen. Nimmst Du mich, so kann ich Dir nichts geben — als nur mich."
Hammer schlang ihre Arme noch fester um seinen Hals. Ihm war, als höre er ihr Herz pochen, und er fühlte die Wärme ihrer Brust.
„Du hast mir schon viel gegeben, Kind," sagte er, „Du tjaji sogar das Unmögliche möglich gemacht und hast eine gewisse Ordnung in meine Finanzen gebracht. Ich weiß jetzt, wo die quittierten Rechnungen liegen; ich rechne sogar zuweilen selbst, und geht mit das Geld auf die Neige, so kann ich mir ordentlich Vorwürfe machen. Du bist eine so vorzügliche Wirtschafterin, daß ich gewiß bin, wir werden alljährlich bedeutende Ersparnisse zurücklegen; Du bist übrigens auch selber reich. Du hast veilchenblaue Augen zu dunklem Haar, das ist eine Rarität sondergleichen, und Du hast ein entzückendes Näschen, ein Näschen, das mich schon in Be- wunderung versetzt hat, als ich es zum ersten Male genauer betrachtete. Du hast ferner . . . aber nein, laß uns ernst reden! Laß uns einmal sehr ernst reden. Bringe mir Deine Papiere, aus denen ersichtlich ist, daß Du geboren worden bist, denn das verlangt der Standesbeamte. Ich melde uns morgen an . . und ich denke, so etwa in vierzehn Tagen, da werden wir heiraten . .
Nun schrie jemand auf; das war aber nicht Agnes, sondern Genoveva, deren Klopfen überhört roorbe; war, und die jetzt, voll Klugheit die Situation überschauend, schluchzend in der Zimmertür stand. Da rief Hammer: „Landgräsin, heule nur! Es ist aus mit Deiner Allmacht und Deine Tyrannei ist zu Ende! Ich habe Dir immer gedroht, daß ich einmal sehr plötzlich heiraten würde, und siehst Du, so geschieht es Dir recht: in vierzehn Tagen wird Hochzeit ge- macht. Krümme Dich wie ein Wurm: es geschieht!"
Die Landgräsin weinte laut und vernehmlich. Sie war sehr gerührt, küßte Agnes die Hände und dann Hammer und erging sich in unbekannten Segenssprüchen, nicht deutsch, son- dem im Dialekt von Umbrien, und zahlreiche Heilige ivurden dabei angerufen. Zuletzt beschwor sie, wiederum bei vielen heiligen Männern und Frauen: bas hätte sie gleich gewußt, baß aus bem Fristen und ihrem geliebten Urbano einmal ein Paar werben würde.
Da aber schlug die Uhr im Speisezimmer an und mahnte, baß auch das Glück seine Stunde habe. Man trennte sich; doch es war eine heitere Trennung. Frohen Herzens fuhr Hammer nach dem Theater, wo die Menge Gericht über seine Schöpfung halten sollte. —
Unter den Linden sah es aus, als erwarte man einen Festeinzug. Zwar war polizeilicher Vorschrift zufolge di«


