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feilte Külturaufgabe der Kolonisation gelöst hatte, sobald man seiner Dienste en irrt tat konnte. Das geschah im Westen gegen Anfang des 14. Jahrhunderts, als der Boden durchweg in festen Händen Mar, die Städte den ärm eren Einwanderer zum Proletariat verdammten, die Produktenwerte infolge besserer Zufuhren und Verbindungen sanken und die Bauernhöfe selbst mangels Unterkommens ihrer Abkömmlinge vielfach geteilt wurden. Der Bauer wurde arm, die herrschaftlichen Anforderungen an ihn aber wieder höher; so wurde er geknechtet und unterdrückt, ja so tief erniedrigt, daß seine Abhängigkeitsstelluug in manchen Distrikten an Sklaverei grenzte. Doch hat das nunmehrige Gebundenseiu an die Scholle — die Freizügigkeit wurd den Insassen genommen ।— durch Jahrhunderte hindurch seine große Liebe zur Heimat, fein zähes Festhalten a m Alten, Hergebrachten, sein zum Teil berechtigtes Mißtraueu gegen alles Neue und auch wohl die Treue zu seinem Oberhaupte in ihm großgezogen, die einzigen Vorteile, die diese traurigen Jahrhunderte ihm gebracht haben. Durch die niedere soziale Stellung jedoch und durch seine völlige Verrohung durch den Bauern- und den Dreißigjährigen Krieg wurde alles Menschliche der Außenwelt gegenüber in ihm erstickt: wurde er von den Städtern und Grundherren doch fast dem Vieh gleichgestellt. Sein Mißtrauen gegen die anderen Stände, sein zugeknöpftes Wesen, ebenso seine Filzigkeit, seine teilweise Sittenlosigkeit, sein Dünkel, es dem Ritter gleichzutun, und seine Arbeitslässigkeit dürsten im Mittelalter in ihm großgezogen worden sein und, da er von Gerichtsbarkeit und Dorfvenvaltung ausgeschlossen wurde, sein Aufgehen in Kleinigkeitskrämerei, das Verschwinden der besseren und Auftauchen niederer Gewohnheiten: die Völlerei bei Kirch- weihen, Taufen und Hochzeiten, feine Rauf- und Prozeßsucht! Der Hang zum Aberglauben mußte, da dem Bauern jegliche geistige Nahrung fehlte, sich weit ausbreiten, obwohl gerade er ein Zeugnis für den tief-religiösen Zug des Bauern ist.
Jedoch haben sich diese minder guten Eigenschaften des Bauern mit Beginn der Aufklärung schon zum Teil und toeitei seit Anfang des 19. Jahrhunderts nach den Steirischen Reformen wesentlich gebessert; ein Teil derselben aber scheint sich erhalten und wie eine schmutzige Decke über das im Grunde reine Gewand der Bauernseele gelegt zu haben. Doch darf man wohl sagen, daß der Bauerncharakter sich in den letzten 100 Jahren in durchaus aufsteigender Linie entwickelt hat. Der Bauer ist im großen und ganzen selbständiger und sel b st b ewu ß t e r, wo hl- hab end er und einsichtiger geworden, denn in seinen besten Zeiten des 11., 12. nrib auch noch 13. Jahrhunderts.
Das sind die Charakterzüge, die den Bauer im allgemeinen kennzeichnen, hinzn treten die durch Stammesärt und Landwirtschaft bedingten. Auf all die einzelnen Gaue kann ich hier natürlich nicht eingehen, das würde zu weit führen, nur die besonders unterschiedlichen Merkmale möchte ich heranziehen. — Da sind zunächst große Wesensverschiedenheiten zwischen norddeutschen und mitteldeutschen Bauern, besonders niedersächsischen und thüringischen. Der anmutige Wechsel zwischen Berg und Tal, zwischen Höhen- und Flußlandschaft, mußte in den südlicheren Landesteilen zwischen Elbe und Weser manches Starre und Trotzige paralysieren, während der Norden mit seinen Nebeln und grauen Tagen, seiner strengen und herben Landschaft, seinen weiten Heiden und stillen Mooren den Hang zur Verschlossenheit noch verstärkte. Hier nährte die Landschaft bie alte Äauernkraft, dort zehrte sie an ihr. Die .wilden FreiheiMämpfe der Stedinger, Wurster Buren und der Dithmarschen, deren Widerstandskraft allerdings auch noch durch die steten Kämpfe mit Meer und Sturm gestählt war, sind ein beredtes Zeugnis für dieselbe. — Die Thüringer aber sind in den Bauernkriegen die kraftlosesten gewesen. Hieran trägt jedoch auch die Kleinstaaterei Schuld, sie sog die Kraft des Landes zugunsten des höfischen Lebens auf. — Die Anmut der lieblichen Täler aber bildete in den Bewohnern jene Leichtlebigkeit und Fröhlichkeit und Liebe zur Musik ans, die sie mit den rheinischen Landsleuten teilen, vielleicht daß diese sogar noch eine Dosis Redseligkeit und Keckheit mehr erhalten haben. Der Bauer des Vogels'oerges Ivie in der Eifel dagegen wird von dem Ernste der Landschaft und der Schwere des. Tagewerks zu stark beeinflußt; er ist schweigsam und gemessen. — Den Thüringern ver- wandt sind die Schlesier, da ihr Land fast durchweg von Thü- ringern kolonisiert wurde. Aus demselben Grunde zeigen Mecklenburger, Pommeraner, Hannoveraner und Westfalen gewisse gemeinsame Merkmale. Gerade in den östlichen Provinzen, wo bte Hörigkeit die strengsten Formen aunahm und sich in den Bauern, erne gewisse Arbeitslässigkeit und Weichgiltigkeit zeigte, I , btefe Eigenschaften noch nicht völlig ausgestorben; doch haben fte sich zur Langsamkeit und einer besonderen Art von Schwerfälligkeit gemildert, und merkwürdig, als ob in den vergangenen Jahrhunderten aller tiefe Gemütssinn in ihnen Zinsen und Zmseszmsen getragen habe: der Mecklenburger besitzt den goldigsten! Humor. Biel wird hierzu auch die Vev- mxngung mit slawischem Blut beigetrageu haben. Der lebenst- tsbhe Onta Bräslg und der besonnene Havermaun sind die klassischen Vertreter dieser beiden Spezies. Ihre niedersächsischen Verwandten rot Westen besitzen diesen behaglichen Frohsinn nicht, «ce find schweigsam, und sagen nicht mehr, als durchaus not- wendig ist, und mit ihnen der Friese, und dieser — wieder im schroffen Gegensatz zu dyn sonnigen Thüringer — non cantcft. —
In, den niedersächsischen Länderrt westlich der Elbe sind die hörigen Bauern selbst in ihrer schlimmsten Periode niemals mit Skorpionen gezüchtigt worden; deshalb blieb das ganze Gebiet auch von beit Stürmen der Bauernkriege verschont. So verharrte in seinen Bauern aber auch der ungebrochene Stolz Der tzerrenstolz der Dithmarschen ist ja bekannt. Er sieht geringschätzig auf den Geestbewohner herab; doch „toi sind van de Geest!" sagt er und wirft sich in die Brust. Ueberhaupt der Geestbauer, der Heidjer! Ter kärgliche Boden nötigt ihn zu n i m m e r m ü d e m F l e i ß e, zu ä u ß erst er P f l i ch t e r s ü l l- u n g. So wird dem Bauer erworben Geld und Gut zum Gradmesser für die Tüchtigkeit und den Fleiß seines Besitzers. Besonderer körperlicher Ktaft bedarf der Heidebodeii im Gegensatz zu den GebirgSäckern Oberbayerus oder der Alpenländer ja nicht. Die überschäumeude Naturkraft fehlt dem Heidjer, in ihm ist alles gedämpft — still und ruhig wie bie blau ver- dämmernben Hügelketten seiner Heide. — In den Bergländern aber sind wiederum sprühende Kraft und wilde Juchzer, die dem, Charakter der Landschaft harmonisch sich anschließenden seelischen Ausflüsse seiner Bewohner. — Doch gibt es auch innerhalb des niedersächsischen Stammes große Verschiedenheiten. Die beiden Extreme bilden Hannoveraner und Westfale. Dieser besitzt den Superlativ des Sachsenstolzes: „Mein Geschlecht ist älter als alle Königreiche!" sagte einst ein westfälischer Hofschulze einem durchreisenden höheren Verwaltungsbeamten. Auch ist er der Aufrichtigste; seine Aufrichtigkeit geht bekanntlich bis zur Grobheit. Seine Verschlossenheit den Fremden gegenüber steigert sich bis zur Feindseligkeit. Der Hannoveraner dagegen ist galant und höflich. Und wollte ich nun noch bie gemeinsamen Bauerntugeuben aller Niebersachseu aufzählen, die sie sogar ganz allein für sieh in Anspruch nehmen, so wären dies: Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und schlichte Treuherzigkeit. Ja, diese kann in ihrer Naivität so weit gehen, daß sich einst in Ärambostel zwei Bauern hartnäckig um dcu Besitz einer wertvollen Grenzeiche stritten. Keiner wollte sie als sein Eigentum anerkennen und jeder Versuch des eilten, sie dem andern zuzusprechen, wurde vvu diesem als Beleidigung aufgefaßt.
Mit dieser kleinen Anekdote möchte ich die Aufzeichnungen schließen; sie geben, in großen Umrissen zwar, ein ziemlich getreues Charakterbild des deutschen Bauern. Wir sehen, er ist eine durchaus Achtung gebietende Erscheinung, mag er nun Nord- ober Süddeutscher sein; Vorzüge und Mängel wird man bei jedem Stamme sestsetzen können. Er zeigt in der Neuzeit ein freudiges Bestreben zur Veredelung s e i n e s I ch; mag auch manches Glied von der städtischen Kultur zerfressen werden, seine Hauptmasse ist ein Faktor geworden, bettln deutschen Geistesleben eine Rolle spielt und genügend Macht besitzt, wohl beachtet zu werden So wollen auch wir über ihn nicht geringschätzig die Achsel zucken, sondern ihn ehren als den treuesten Träger und Erben deutscher Kultur uud d e u t s ch e r A r t.
Ein neues Jagdivild in Deutschland.
Reh, Hase und Rebhuhn sind bie deutschen Jagdliere, tvelche überall, teilweise in großen Mengen, Vorkommen und bereit Nutzen beit Schaden, welchen sie verursachen, bedeutend überwiegt. Sie bedürfen keiner Pflege, liefern durch ihr Fleisch große Werte für die Bolkseruührung und sind demnach mit Recht als Nutzwild zu bezeichnen.
Neben diesen drei Wildarten kommt in Schlesien auf den dortigen Herrschaften in großer Menge der Fasan vor. Wild im eigentlichen Sinne ist er jedoch nicht, weil er zahm aufgezogen wird und dadurch mehr Kosten verursacht, als Nutzen gewährt. Er dient dazu, auf beit dortigen großen Jagden die Zahl deS erlegten Wildes ttmlichst hoch zu bringen; man kann ihn deshalb nur als Luxuswild bezeichnen.
Seit 50 Jahren hat die Fasauenzucht in Böhmen, dem Heimat- lande des Fasans, eine ganz andere Richtung angenommen, man zieht die Fusanen dort nicht mehr künstlich aus, sondern überläßt sie in der Freiheit sich selbst; nur im Winter bebürf-n sie der Fütterung. Dadurch ist der Fasan dort zu einem Nutzwi.de geworden und vermehrt sich sogar besser, als bei zahmer Aufzucht. Der Fasan ist heutzutage in Böhmen genau so ein Jagdtier wie das Rebhuhn und von gleicher Widerstandskraft gegen die Unbilden des Winters.
Seit zwanzig Jahren sind in Deutschland vielfach Versuche mit Einbürgerung des Fasans gemacht worden, die jedoch meist sehl schlugen, weil als Zuchttiere Fasane von z-ahmer Aufzucht verwendet wurden.
Vor 12 Jahren machte der Wnigl. Oberförster a. D. Nitzschs zu Dresden aus Grund in Böhmen gesammelter Erfahrungen darauf aufmerksam, daß die einzig rationelle Methode zur Gründung eiueS Fafauengeheges die Aussetzung wilder Zuchttiere wäre und daß bie böhmischen Fasanen als solche die besten seien, weil dort vom Dezember ab bie Fasanen nicht mehr geschossen, sonbern nur gefangen werden und eS somit ein leichtes ist, die zur Zucht geeigneten Tiere auszusucheu. Oberförster Ritzsche hat dann mit einer großen Anzahl böhmischer Domänen Verträge abgeschlossen, wonach diese sich verpflichten, ZuchÄ- .fasanen an die v?n ihm aufgegebenen Besteller sofort nach dem


