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Wohnung kennen lernen. Nachher kannst Du mit mir in den Grünen Banin kommen und meine Sachen abholen helfen. ."
Frau Jmhosf-Lobedanz nahm, auf festen Füßen schreitend, Besitz von der Wohnung. Sie ivar eine praktische Gebieterin. Sie ordnete an; sie befahl. Eine Scheuersrau sollte kommen; zunächst muhte einmal gründlich rein gemacht iverden. Dann nahm sie die Bilder der beiden ersten Frauen Imhoffs von der Wand; die Mutter Ninas kam über deren Bett, die andere verschivand ganz. „Claudius, Du sollst wieder Deine Ordnung haben," sagte sie.
9iiim war glücklich über die Abwechselung. Sie räumte mit umher und lachte über die gute Laune ihrer Stiefmutter. Nun kam doch wieder Leben in das Haus. Sie entsann sich: es ivar früher so hübsch gewesen. Es war immer Gesell-- frT iv da: Kollegen und Kolleginnen, die sangen, psiffen und schioutzien, und dann wurden Picknicks arrangiert, und man zog zur Sommerzeit hinaus in den Gruneivald und gab hübsche kleine Soupers und wurde hierhin und dahin einge- laden. Erst als die Stiefmutter davongegangen, war es still geworden im Hanse.
Auch Imhoff war sehr froh. Er wußte kaum, wie das kam. Er hatte seine Laura eigentlich nicht entbehrt; und nun war ihm doch so, als sei eine Lücke in seinem Leben ans- getüllt worden. Er schmunzelte, als er ihre helle Stimme hörte und ging ivieder in bas Bureau. Der Diener hatte ihn geholt; man wartete aus ihn.
Serben und Rafaöli saßen noch auf ihren Plätzen. Rasaßli unterhandelte mit einem großen und starken Mann, einem Bassisten aus der Provinz, während Herr von Serben soeben em schmächtiges Herrchen mit gebranntem Haar verabschiedete. Aiif Imhoff wartete ein junges Mädchen, das mit einer Empfehlung von dem Baumeister Hammer kam und darum bat, sie mit dem Rollenabschreiben zu beschäftigen. „Liebes Fräulein," erividerte Imhoff höflich, „das wird bei uns auf dem Theaterbureau gemacht . . „Mein Herr," sagte Rasasli, „ich kann Ihnen nur wiederholen, wir haben bereits einen vorzüglichen Baß . . „Aber ich bin der tiefste, den es gibt," antwortete der Bassist, „ich bitte, mich anzuhören . . ." „Die Oberregie leite ich selbst," vernahm man die Stimme des Herrn von Sechen, „dazu habe ich drei Hilfskräfte; das genügt uns vorderhand . . „Ich schreibe auch nach Diktat," sagte das junge Mädchen, das von Hammer empfohlen war. „Plein Herr," bemerkte Rafaßlr, „ich habe zu viel anderes zu tun, als mir von einem Sänger etwas vorsingen zu lassen, den ich doch nicht engagieren kann . . ." „Es geht nicht," sagte Imhoff, „ich kann keine Verpflichtungen eingehen . ♦ ." „Quälen &ie mich nicht weiter," rief Seebeu, „vielleicht finden Sie bei Direktor Valentin Engagement . . „Einen Baß, wie ich bin, können Sie sich suchen," brummte die tiefe Stimme . . . „Ich stenographiere auch," sagte das Fräulein und schaute Imhoff bittend an.
. kiefern Augenblick brachte der Diener eine Depesche für Imhoff. Der riß sie auf und las:
„Litta Engers, erstklassige Anstandsdame vom Stadttheater in Zürich ist frei. Soll ich sie nehmen? Giesecke." , Imhoff schrieb die Antwort auf: „Eagers nicht eaga- Jnchoff' ?C{)On Anstandsdame gesorgt. Primaprima.
Dann gab er das Telegramm bein Diener und wandte sich an das Fräulein zurück. „Sprechen Sie noch einmal ”or' En wlr erst weiter sind, Fräulein. So etwa im März. Vielleicht findet sich dann etwas für Sie . .
^»Alio, Sie wollen mich überhaupt nicht hören?" fragte der Bastist drohend. „Nein," schrie Rafasli heftig und schlug mV,cc auf den Tisich . . . „Ich werde es in die patter bringen, wie man hier behandelt wird," sagte der Opernregisseur mit den gebrannten Haaren lind empfahl
• »Ich habe das Recht, gehört z>, werben,"' rief
Bassist, schon an der Tür; „ich habe die tiefste A»s- oehmiiig nach unten, ich werde mich beim Vorstand der Ge- nosimschatt beschweren„Ich empfehle mich," sagte das Fraulein und ging. J
Eine halbe Minute lang herrichte Ruhe in dein Bureau.
„Dio mio," stöhnte Nafasli.
„Es ist um auf die Wände zu klettern," meinte Herr von Seebeu.
Aber >zinhosf lächelte. Er dachte an seine neue An- standsdame.
9.
Hammer hatte nur einen gewaltigen Feind: das' war der Hofbaumeister Waldemar Henkel. Henkel hielt eines IageS emen Vortrag über „Stileinheit und Stilbefangenheit in der Architektur", in dem er Hammer heftig angriff und seine Baukunst eine Wirrung von dem guten Geschmack nannte. Da _ dieser Vortrag im Auszuge von den meisten Zeitungen wiedergegeben worden war, so beschloß Hammer, zu antworten. Er tat dies gleichfalls in Form eines Vor- trags, war aber anständig genug, die Persönlichkeit des Angreifenden dabei ganz ans dem Spiele zu lassen. Er begnügte sich damit, einen Ueberblick über die Entwicklung der Architektur im letzten ^ahrhundert zu geben und feine eigene Stellung zu den tektonischen Kunstfragen als einen Sieg der Sehnsucht zu präzisieren, sich aus den Fesseln der Stilgesichtspunkte zu goldener Freiheit durchzuringen. ~tefe Sehnsucht war da, als man sich aus den letzten Strudeln der Rokvkokuust zur antiken Fvrmenwelt hiu- nberrettete. Sie wurde stärker, je fester der griechische Klassizismus Fuß faßte; schon Garnier und Poelaert hielten in ihren Prachtbauten der Pariser Oper und des Brüsseler Justizpalastes nicht mehr an der „hellenistischen Offenbarung" fest, sondern gaben freieren künstlerischen cknschauungen Raum. Dieselbe Sehnsucht nach lebendiger Knust schuf als Gegenströmung zu dem griechischen Idealismus die romaiitische Bewegung, die Ren-Gotik, und ließ auch andere Stile wieder auftauchen: die italienische Re- naissanee, die Spätrenaissanee, Barock, Zopf und Empire. Es war ein Spiel mit den Stilarten, weniger aus mechanischer Nachahmungssucht, ais ans dem Bestreben heraus, neues zu geben, wenn es auch nur eine Wiederholung von Vergessenem war. Tie wachsende Sehnsucht zur Befreiung vom Schema mußte schließlich zum Bruch mit dem historischen Stile, mit der Ueberlieferung führen. Tie Tradition ist Befangenheit; die Loslösung ans ihren Banden bringt die Freiheit. Die alte fcunft kannte keinen Unterschied in der Anwendung ihrer Mittel; sie lebte in Formenstarrheit. Tie neue sucht die Bauten ihrer Bestimmung nach architektonisch zu charakterisieren; sie schafft für ein Fürstenschloß erhabene Majestät, gibt einem Landhause trauliche Ruhe, baut der ernsten Kunst einen Tempel und der heiteren Muse ein Heim voll Anmut und Grazie. Man will hinaus aus der Stilbesangenheit in eine fessellose, sich nur dem Sonder- bedürfnisse frei unpassende künstlerische Formengebung...
Ter Vortrag sand grogen Beifall und bei der Kritik sehr verschiedene Beurteilung. Sehr zufrieden war Imhoff: dieser Vortrag, ein „Bekenntilis des Meisters", war wieder einmal eine glänzende Reklame.
Und merkwürdig genug: die brauchte man.
Merkwürdig genug: der große Bau wuchs eben erst aus den Fundamenten hervor, auf halb geschenktem Areal, und schon wurden die Gelder knapp. Prinz Arenstein sollte recht behalten,
........... .. (Fortsetzung folgt.) '/-• jst RI
Aer deutsch? Anuer.
Ein Charakterbild von W. L e n n e nt a it n in der „Staatsh. Ztg.".
Der Charakter des deutschen Bauern im allgemeinen ist durch Geschichte und soziale Stellung desselben gebildet worden. In die Geschichte tritt der Bauer als solcher, als die Hofgenossen- schnst. sich die Anerkennung der Grundherren erworben hatte, als die Masse derGrundholden sich als einheitlichen Stand fühlten. Der Bauer jener Zeit ist durchaus arbeitstüchtig und schollenstolz, fromm und treu, selbstbewußt und freiheitsliebend. Seine Freiheitsliebe konnte sich zwar, da er seiner persönlichen Freiheit durch die Folgeerscheinung seiner Unterwerfung unter die Franken mehr oder weniger beraubt war, nur in dem Bestreben äußern, eigene Gerichtsbarkeit und Dorsverwaltung zu besitzen. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts stieg dann bnS Bewußtsein des eigenen Wertes immer mehr, da von allen Seiten seine Unentbehrlichkeit gefühlt wurde, die er sich wiederum insofern zunutze machte, als er sich zu möglichst großer, sozialer, politischer, ja wiederum fast persönlicher Freiheit durchrang, wozu nicht wenig die Gründung neuer Städte und Klöster und der neue Stand der Ritter beitrugen. — , Naturgemäß mußte der Bauer, der seinen Nutznießern nur tmniet.. 5DhtteI. zum Zweck, war. an Wert verlieren, sobald .<#.


