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Die Wemlese.
Ein verspäteter Gewitterguß hatte den schweren Boden gründlich ausgcweicht. Ani einem Feldivege, der unkern der Gleise der Süddahn zu beit südlichen Nachbarorten der Hauptstadt iuhrte, hastete mühsam ein junger Bursche dahin, da er bei jedem Schritt im Lehmboden ausglitt und einzusiuken drohie. Ter Rucksack hing ihm schwer auf deut Rücken und der Regen hatte die Spielhahn- sedcr seines Hutes, die sonst gar keck in die Welt zu streben pflegte, arg mitgenommen. Ganz geheuer war deut Weidingcr-Franzl auch nicht zu Mut, denn er wußte nicht-, welchen Empfang er ivohl zu Hause finden wiirde. Er hatte ja geschrieben, daß er mit der Eisenbahn kommen würde, aber da hatte er gestern noch einige Partien „Schnäpselt" mitgemacht und dabei hatten ihm scme Partner die lebten paar Kronen abgenommen, so daß es nicht mehr auss Fahrgeld gelangt halte. So mußte er stolz zu Fuß seinen Entzug halten ... ,
„Jessas, der Franzl," hatte seine Mutter ausgerufen, als erden Hof betreten hatte.
Der Franzl," hatte ihn der alte Wetdmger von oben ins rutiett gemustert, „na — all's was recht is: schaust mir nit aus als wcnn's in der-Fremd zu woas gebracht hätt'si, aber kommst grad recht zur Weinlcs', doa ivern's alle Hand gebraucht. Aitt derer Schlamperei und dem Sumsen ist's oaber vorbei für ewige Zeiten."
Und nun hatte-es saure Wochen gegeben und noch kein einziges frohes Fest. Das war dem Franzl sehr unwillkommen gewesen, denn so ein scharfer „Sumfer" ging ihm doch über alles.. Aber da er wußte, daß .nach dieser Richtung mit dem Vater nicht z>i spaßen war, hielt er hübsch still niis in der Hoffimng, daß er nächsten. Sonntag das Versälimte wohl nachholen werde.
Diese Hoffnung täuschte ihn otid) nicht, denn der Sonntag brachte die erste Kostprobe des „Heurigen". Ter Most halte liebliche Blume, schmeckte süfsig und floß „ivie Oel". Franzl fühlte sich ganz in seinem Element und erzählte Wunderdinge, von seinen Reifen, so daß ihm die Dorfbewohner staunend zuhörten. "lud) sein Vater staunte mib knurrte ingrimmig vor sich hin: „Schön gewirtschaft't hat er mit mein' Geld. Dös i den Franzl nock) mal in die Welt ziehen laß, dös gibt's nit mehr. Ter niiiß dahoam bleiben imb heiraten."
Am nächsten Morgen erwachte Franzl mit einem so „dahmischen"
Die Treppen zur neuen Wohnung waren nämlich „provisorisch noch mit Brettern beschlagen und die Treppenge ander fehlten überhaupt noch gänzlich. So ivas kam aber schließlich bet jebem Neu-
Weniger angenehm war cS schon, als sich in der ersten Nacht von der Decke des Schlafzimmers ein Stuck von dem schlecht ange- aipstcn Sluck loslöste und mit Tonnergepolter neben dem Bett bc^ tlcinen Emil niederstürzte, der darob ein großes Geheulethob und sich weigerte weiter zu fchlafen, weil er sich vor Gespenster fürchtete/ Es bedurfte der ganzen Ueberrediingskunst des guten Muttchens, um den „lieben Sohn" mich nur einigermaßen wieder zli t Cg(l^8sg^tter» rjc; §ert Schrotmann, als er Mittags hungrig nach" Sause kam, „da ist ja wohl die Milch übergelausen, dieser Geruch versetzt einem ja ordentlich den Atem. Wer hat denn da wieder einmal nicht ausgepaßt?" . ~ . , ,
„Hat sich was mit Auspassen», wehklagte seine Frau, da hab ich mich den ganzen Vormittag abgeplagt und abgehetzt, aber ich kriege die Kochmaschine nicht in Gang. Als ich zum ^opterineister schickte, ließ der mir sagen, das könne wohl vorkonunen, denn <• ct„> sei nur eine provisorische Maschine . . . ."
So so," knurrte Herr Schrotmaiin, „na daiin gib mir vor- läufia mal ein Glas Wasser, ich habe Durst."
Wasser — Wasser?" dehnte die Frau, „vom Brunnen kannst dii niclchcs kriegen, aber ich rveiß nicht, ob das gerade sehr bekömmlich sein wird." ■ , r , r ,
„WaS schickst du denn erst zum Bruunen runter, gib doch ivelches aus der Leitung," tadelte Herr Schrotmann. .
„’ne Leitung ist allerdings vorhanden, aber die sunktiomert noch nicht" die ist mir provisorisch," erklärte seine Frau.
„Na, da laß doch Minna mal den HauShnlter holen, tch will mit dem tucocn der Leitung sprechen," befahl Herr Schrolmann.
Minna kam atemlos ivieder heraufgekeucht: Der Haushalter läßt melden, die Wasserleitung ging ihn gar nichts an. Er ist nur provisorisch angestellt, bis der Neubau fertig sein wird. Außerdem seh' ich nur das Elend in diesem Neubau nicht »tehr langer mit an- wäre ich doch bei einem Haar die provisorische Treppe ruutergestürzt und dabei hätte ich mir sicher provisorisch Hals und Beine gebrochen." . .. ~,
Als abends die Gasleituna komplett versagte und Herr Schrot- manu beim Zubettgehen im Scheine der Nachtlampe einen med- lichen Schiinmelpilz erblickte, der aus der Wand neben feinem Bett hervorzukriegen schien, blieb er noch ein Viertelstündchen wach und schrieb den/ Hauswirt einen Brief, in welchem er erklärte, daß er mit seiner Familie provisorisch in einem Hotel auf Kosten des Hauswirts Wohnung nehmen werde, solange, bis atis dem provisorischen ein definitiver Neubau geworden sei.
Kopf, daß er das Fenster seiner Schlafstube für ein Scheunentor ansah. Der Heurige lag ihm noch so stark in den Gliedern, daß seine Denkfähigkeit vollkoniinen ausgeschaltet zu sein schien. Und zum Ueberfluß erschien auch noch der „Alle" aus der Bildfläche, int Sonntagsstaat, die Familienringe an den Fingern.
„Franzl," erklärte er in jenem Tone, der keinen Widerspruch vertrug, „pack' dich z'samm. Ich mach' dem G'schwaudter einen Besuch und du beglei'st mich. Mit der Theres unterhälst du dich eine Weil', ich werd' mit dem G'schwandter reden und dann ist die G'schicht fertig, — die Theres ist deine Braut."
„Meine Braut?" staunte Franzl. Er wollte gegen diese Art von Brautiverbung protestieren, aber er verfügte heute auch ilicht über einen Funken von Energie, der Heurige hatte ihn vollkommen willenlos gemacht. So trottete er gehorsanr neben seinem Vater zum G'schwandter, lächelte Fräulein Theres verständnislos an, sagte mehrercntale „ja" und wurde dafür von seinem Vater auf dem Heimweg belobt: „Na, dös ist ganga wie g'schmiert. Hätt' mir's selber nit so leicht vorgestellt. Aber da du dich so brav gehalten hast, Franzl, gratulier ich dir hiermit zu deiner Verlobung."
Franzl sand kein Wort der Erwiderung. Wie traumverloren wankte er neben seinem Vater her: eine solche Wirkung hätte er dem Heurigen wirklich nicht zugetraut I
— M eher s G-roßes Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148 000 Artikel und Verweisungen auf über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) — Wir freuen uns, unfern Lesern heute wiederum einen neuen, den 14. Band vom „Großen Meyer" anzeigen zu können, der damit schon bis zum Stichwort „Ohmgeld" gediehen ist. Auch dem jüngsten Band ist die bereits bei seinen Vorgängern oft und gern hervorgehobene außerordentliche Sorgfalt in der Auswahl und Abfassung der Artikel, ihre meisterhafte Gruppierung, die Prägnanz der Ausdrucksweise und die geradezu glänzende Illustrierung in ganz hervorragender Weise eigen. Das zeigen uns z. V. die gerade in diesem Band stark vertretenen Artikel Aus dem Gebiet der Länder- und Städtekunde. Wir verweisen hier nur auf die eingehenden Monographien von München und Newhork sowie auf die umfangreichen Abhandlungen über die Niederlande mit ihren Kolonien, über Nordamerika, das Norddeutsche Tiefland und Norwegen — sämtlich mit erweiterten oder ganz neuen Karten und Plänen. Fragen von allgemeinem, gewerblichem und volkswirtschaftlichem Interesse behandeln sachgemäß die Artikel Möbel, Mode, Monopol, Münzwesen, Nahrungsmittel (mit einer tabellarischen und graphischen Darstellung ihrer chemischen Zusammensetzung), Nerven, Normalarbeitstag, Nutzhölzer, Obstbau und Obstverwertung. Durchaus in ob ent sind die durch instruktive Abbildungen veranschaulichten Artikel Motorboote und Motorwagen. Als eine willkommene Neuerung begrüßen wir die Uebersicht der wichtigsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen, und nicht unerwähnt bleiben sollen ferner die farbenprächtigen Tafeln der nearitischen und neotropischen Fauna sowie zwei sehr wohlgelungene Porträttafeln von bedeutenden Naturforschern aller Zeiten bis ans Haeckel. Damit kommen wir auf das biographisch-historische Gebiet, auf dem wir wohl- geluugenen Abschnitten über Moltke, Mozart, Mulden, Munkacsi, Nansen, Napoleon begegnen. Erwähnen wir noch, daß aus der Rechtspraxis Begriffe wie Moratorium, Mündelsicherheit, Musterschutz, Nachlaßansprüche, Nachlaßregulierung, Nachlaßverwaltung, Namensänderung, Nießbrauch, Oeffentlichkeit eine sehr durchsichtige Behandlung erfahren haben, so glauben wir in ausreichendem! Maße die erschöpfende Vielseitigkeit des neuesten Bandes an- gedeutet zu haben, der sich mit 72 bunten und schwarzen Tafeln, 16 Karten und. Plänen und 3 Beilagen würdig an seine Vorgänger anreiht, ______________
Arrthmogrrph.
Nachdruck verboten-
Ginen schönen Edelstein.
1 2 2 5 niederländischer Bildhauer.
2 112 landwirtschaftliches Gerät.
3 14 5 ein Tier.
4 2 3 5 Werkzeug.
2 5 4 2 deutscher Strom.
5 3 4 2 5 5 2 ein Insekt.
1 2 3 4 2 5 lyrischer Dichter.
(Auflösung in nächster Nummer.?
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: X Ruben, Rubin.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'lchen Universitäts-Buch- und Steindrtlckerei, R. Lange, Gießen.


