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Ist er anstellig und klug?" -
®cv ganze Stolz einer Muller strahlte ans ihren Zeigen, als sie schnell antwortete: „Gewiß; aber so ganz anders wie Werner." r f
Marian niekle zerstreut und fuhr fort: „Hch habe micy unter der Hand über Dr. Cloths Institut erkimdigt und horte, daß es zioei Stipendien an dieser Anstalt gibt. Wenn Werner eines bekonunen u>id daraiifhiir zur Universität gehen könnte, so wäre das etwas Großes für ihn, und zugleich könnten die Leute danir iricht mehr so arg darüber sprechen. In beut Falle werde ich ihm anonym alles schicken, was er auf der Hochschule nötig hat. Denken Sie daran, Kate, ei- soll ihm an nichts fehlen. Ich habe ein großes Vermögen, wie Sie wissen, und ich würde cs ganz und gar darauf verwenden, daß das Geheimnis meiner Schwester gewahrt und für den Knaben gesorgt wkrh. Nun habe ich alles ge-
Eiu neues Schesielbuch.
Briefe hervorragender Menschen gelten mit Recht als interessante Dokumente für die Beurteilung chrer Mer^ iaiier Im Verlage von Georg Merseburger m Leipzig SfcFSl 3»M wi< ► Sch-N« x>- -R Karl Schwanttz. (Nebst Briesen der Mutter schessrls.) 1845—1886. Meis Mk.. 4.—< ■ > ■ **
-n zerstören; ivirklich, ich fürchtete, ihr zu sagen, das Kind | lebe, so sehr war ihr ganzes Gemüt von der Tatsache semes Todes erfüllt und durchdrungen. Ich iveiß," fuhr Nuß West I schneller fort, „daß Sie mich tadeln werden^ aber cs gefchah, I um sic zu retten, und ich tats — Gott iveiß es m bester | Absicht. Die Wahrheit ist also, meine Schwester, weiß nicht, I daß ihr Sohn lebt — und sie darf es auch nie erfahren. । Sie hören das, Kate? Es wäre sicherer Tod für sie, und vielleicht für mehr als für sic allein." |
Kate Jefferies behäbiges Gesicht war blaß geworden.
„Ich darf Ihnen sagen," fuhr Miß West fort, „daß sie | setzt eine große Dame ist, daß sie einen Gemahl hat, der sie liebt, und Kinder, auf die jede Mutter stolz wäre. Wenn I sie dies jemals erführe, Kate, sie würde verrückt oder stürbe. Wir haben ihr Geheimnis nun diese langen Jahre her be- wahrt — wir müssen es ferner bewahren."
„Armer, lieber kleiner Werner," sagte Kate mit Tranen i in den Augen. |
„Aber er ist doch glücklich und zufrieden," unterbrach Marian schnell, „er hat alles, ivas er braucht, und ich iverde natürlich für ihn sorgen, besser, ivie selbst seine Mutter es 1 könnte." ■ ,
„Eine Mutter in der Welt und am Leben zu haben I und es nicht zu wissen, sie nie zu sehen, sie nie sprechen zu I hören, scheint mir doch sehr hart." r I
„Er wird sie nicht vermissen, weil er sie nie gekannt hat," versetzte sic. „Es soll ihm an nichts fehlen. Hsih ivill 1 ihn in den Stand setzen, jedem Berufe, den er erwählt, zu I folgen; er soll nie in Verlegenheit kommen, und wenn er etwas alter ist, ivill ich einige Staatspapiere, die ich habe, I zu Gelbe machen, unb ihm durch meinen Rechtsbeistand, dem ich vertrauen kann, eine jährliche Rente von dreihiindert Pfund auswersen, so daß er sorgenfrei leben kann."
„Ich sehe nicht ein, wie das alles noch gehen soll", sagte । Kate nachdenklich."
„Wir iiiüssen unS in dieser Beziehung em wenig ans das Kapitel der Zufälle verlassen," versetzte Miß West. „st,ch glaube, Sie meinen, die Leute würden neugierig werben, da sie glauben, es sei Ihr eigener Sohn, unb würden sich^ver- wundern und darüber aushälten, wie Sie dies und biw für ihn leisten könnten?"
„Ja, das meine ich; sie sprechen schon letzt darüber, daß ich ihn auf Dr. Cloths Schule schicke. Mein eigener Sohn ist auch oft neugierig; er verwundert sich oft, ivarum Werner das und das bekommt und er nicht."
Miß West sah ungeduldig auf. , „ ,
„Ich habe Ihnen gesagt, daß Geld keine Rolle für mich spielt — die Bewahrung meines Geheimnisses ist alles. Lassen Sie Ihren Sohn alles haben, ivas er nötig hat, ich komme dafür auf; aber iratürlich so, daß er nicht anders weiß, am daß Sie für ihn sorgen. Wenn die Zeit für mich kommt, ihm zu helfen, so werde ich es tun, so daß keine Verantwortlichkeit auf Ihnen lastet." ~
„Ich möchte auch iiicht gern, daß xyiet argwöhnisch würde und miet) mit Fragen quälte," sagte Kate JesscrieS.
„Gewiß nicht. Wenn Sie mir sagen wollten, welchen Lebensberuf Ihr Sohn erwählt, so werde ich für ihn sorgen.
von Trauer und Stolz.
„Kate", sagte sie leise, „ich habe nuch getauscht Lagen Sie ihm nie etwas dagegen. Der Knabe ist ein Dichter und ein Genie. Ich — ich möchte ihn wohl sehen, ohne daß er es gewahr wird, wenn eS geht." , ,
Kate Jefferies schlich sich leise in bie kleine Kammer; beide Knaben schliefen fest.
„Sie können ihn sehen", sagte sie ziirückkehrend, „ganz ohne Gefahr." ' (
Marian West ging sachte in das Znnmerchen. Er lag da, die goldbraunen Locken auf dem Kissen, das schone Gesicht vom Schlnminer gerötet, die süßen Lippen halb geöffnet, die eine Hand, weiß nnb schlank, wie bie eines jungen Prinzen, lag auf der Bettdecke. Als Marian so auf ihn blickte, fliegen ihr bie Tränen in bie Augen.
Kam ihr eine Erinnerung an beit anderen Sohn ihrer Schwester, der ans seinem. Daunenkissen lag und schlief, >n dem dem Erben von Kenninghall zugeiviescnen fürstlichen Schlafgemache? Sah sie, wie das schöne Gesicht ihrer Schwester sich über diesen andern Sohn neigte, wie sie ihn liebkoste und ihm zärtliche Worte zuflüsterte? ,
Es mußte wohl so gcivesen sein, denn sie wandte sich mit schwerem Herzen ab, und nicht mehr zii unterdrückende Tränen rollten zu Boden.
„Ist er nicht schön?" fragte Kate stolz, als sie ivieder in der kleinen Küche standen.
„Zu schön und zii begabt, um namenlos durch die Welt zu gehen", erwiderte sie trübe. „Leben Sie wohl, Kate. Tun Sie getreulich Ihre Pflicht, und ich will S,e anständig belohnen dafür, daß Sie unser Geheimnis wahren.
I (Fortsetzung folgt)
recielt, weshalb ich gekommen. Vergessen Sie nicht, daß mir Ihre Treue verpfändet ist. Sie müssen eher des Todes sterben, als sich unser Geheimnis entreißen lassen wollen,
So tapfer, starkmütig und voll Selbstvertrauen sah sie aus, daß von dem in ihren Augen leuchtenden Geiste etwas auf Kate Jefferies überging. ,
„Ich bin Ihnen bis jetzt so treu wie Gold gewißen , sagte sie, „und ich ivill Ihnen treu sein, bis ich sterbe." ,
„Ich glaube Ihnen", sagte Marian West und druck e die braune, schwielige Hand in der ihren. „Es war eine gute Stilnde, die Sie mir zugeführt." . ,
Sie sind sehr gut gegen mich gewesen , fuhr Kats Jefferies dankbar fort. „Mein nettes Häuschen, mein ruhiges, gemächliches Leben und die ganze gute Erziehung meines Sohnes, alles verdanke ich Ihnen."
Miß West erhob sich von ihrem Sitze.
„Ich muß gehen", sagte sie; „es wird spat. Kate, ich möchte wohl etwas sehen, was der Junge geschrieben har, einige von seinen Gedichten, ehe ich gehe. Es ist ja natiir- lich alles Unsinn, und Sie müssen ihn nicht darin ermutigen, aber ich möchte sie doch 'mal gern sehen." . ..
Ich will seine Schreibbücher holen", sagte Kate dienst- fertig, „sie sind im schrank vorn nn Flur. „ „
Baid kam sie mit einem Pack Hefte in der Hand zurua, schlug eins davon auf und reichte es Miß West.
Das war sein erstes", sagte sie. „Ich glaube, _ Sie hätten ihn leiden mögen, wenn Sie ihn bloß ge,egen hätten, wie er mir's vorlas, so stolz, so scheu, so schon sah Ct ^Marian West las das Gedicht. Es war das in Worte gekleidete Abcndlicd des Vögelchens — voll sonniger stpmi- Frühiichkeit und -Schönheit. Als sie es las kam «n merkwürdiger Zug über ihr Gesicht - eine seltsame Mischung


