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Er Minderte sich innerlich über die Schauspieler und den Glanz und den Luxus, mit dem sie sich umgaben. Erst seine Tochter und hier dieser Wittelsbach! Laut aber sagte er: „Natürlich freut sie sich. Wie sollte sie diese Aufmerksamkeit nicht freuen? Nicht wahr, Dcllchen? Sie hat wirk- lich Glück. Denken Sie nur, Herr Wittelsbach, unser Gras Guido ist auch hergekommen, um Della singen zu hören. Mit seiner Frau. Er hat Geschäfte hier und hat es so eingerichtet, daß er in diesen Tagen hier ist — überhaupt alle Welt. . lachte er kinderfroh.—„Grafen und Künstler und meine Schwägerin Hannchen! Die hätten Sie sehen sollen heute nachmittag! Die Hände wollte sie Teilchen küssen . . ."
„Aber Papa . . ." wehrte diese ab.
„Ja, ja . . lachte er in naiver Lustigkeit . . . „So ist's! Jetzt glaub' ich's! Erst Tante Hannchen! Mit Tränen in den Augen, Della, mein Engel! Unser Star . . . Stern am Himmel der Kunst. . . hab' ich's nicht immer gesagt, Schwager? Ein Star... ein Star! Unsere Della, meine Della! . . ." Eine übermütige Stimmung hatte des alten Herrn sich bemächtigt. „Und dann die wundervolle Rede des Herrn Wittelsbach! Ja, jetzt glaub' ich's! Also ein Star! Ein Star ist Kantors Della! Ach, wenn doch Muttchen hier wäre", fiel er aus der Fröhlichkeit in Sentinientalität, „ja, das hätte Mutti mit anhören müssen!"
„Wir fahren zu Mama, bald nach der Aufführung", suchte sie den Erregten zu beruhigen. Eine Furcht überkam sie, daß der alte Mann, ungewohnt jeder Anstrengung und Gemütsbewegung, diesen verschiedenartigen Eindrücken, diesem Fremden, Außergewöhnlichen unterliegen könnte.
„Ja, Della! Das tust du! Tu komnist endlich einmal auf einige Wochen nach Haus!"
„Gewiß, Papa! Zwischen Berlin und meinem nächsten Engagement habe ich mehrere Wochen Zeit."
„Und die wollen Sie in Ihrer Heimat verbringen?" Zweifel und Zorn kämpften in seiner Stimme.
„Ja!"
„Davon sagten Sie mir aber nichts vor Ihrer Abreise tum Wien."
„Es ist hier zum Entschlüsse geworden."
„So!"
Nichts weiter. Und doch so vielsagend und inhaltsreich war dieser eine Ausruf, daß sie darauf glaubte antworten zu müssen.
„Ich will ausruhen. Ich bin müde, nervös! Ich fühle es erst jetzt." 1 '
„Und der Aufenthalt in dem stillen Elternhaufe wird ihr ganz gut tun."
„Ach ja!" Wie ein Schrei nach Erlösung klang es.
„Wenn sie es auch nicht so nobel hat, wie wo anders, in den großen Hotels, wo sie jetzt wohnt — aber zu Haus ist sie! . . . Und der November kann bei uns noch sehr schön sein. So ein Spätherbst im Gebirge. Bevor's dann gründlich Winter wird und echte, weiße Weihnachten. Sollten sich das auch einmal ansehen, Herr Wittelsbach! Würden uns sehr freuen über die Ehre."
„Papa!"
„Wer weiß, Herr Kantor, ob ich Sie nicht beim Wort nehme?"
Fest heftete sich sein Auge aus Dellas Antlitz. Etwas Bohrendes, Drohendes lag in seinem Blick.
Die Uhr aus dem Kaminsims schlug sieben.
„Herr Gott, Della, schon sieben Uhr. Wir müssen fort.
Ter Graf erwartet uns."
„Es ist im selben Hause, Papa! Es eilt nicht so sehr . ... es kommt nicht auf einige Minuten an." Sie hatte das Gefühl, als müßte sie auf die plötzliche Mitteilung von vorhin ihm etwas Angenehmes, Versöhnliches sagen.
„O doch, mein Fräulein, es eilt sehr! Zum Diner muß nmn^pünktlich sein! Und Pünktlichkeit ist die Höflichkeit
Er hatte ihr den Umhang umgegeben, den sie bei ihrem Eintritt auf einen Stuhl gelegt hatte.
Der weiße Straußenfedernbesatz umrahmte ihr bleiches Antlitz. Etwas Leidendes, Gequältes lag darin.
. -,Auf Wiedersehen, Herr Kantor, auf Wiedersehen, Fräu- lern Brandt! Ich suche Sie morgen in Ihrem Hotel auf." In vollster weltmännischer Höflichkeit sagte er das. Nicht erne Spur von Verletztheit, aber auch nicht von Vertraw- lichkert.
.Adieu!" saate sie leise. (Forts. folgt.)
Die Ml her Schlachtfelder.
Um den Besucher der Schlachtfelder in den Gang der Ereignisse einzuführen, ist im folgenden zunächst mit wenigen Strichen ein Bild von den Schlachten selber entworfen. Daran schließen sich Wanderungen über die Schlachtfelder von verschiedener Zeitdauer, zu Fuß und zu Wagen, damit jedem Geschmack und Bedürfnis Rechnung getragen werde. Eingehender, als es hier geschehen kann, sind die Schlachtfelder in dem „Kurzer Führer zum Besuch der Schlachtfelder um Metz" (Verlag R. Lupus, 25 Pfg.) behandelt und am ausführlichsten, zugleich mit Angabe sämtlicher Inschriften der Gräber und Denkmäler, in dem Führer von Bußler „Die Kriegerdenkmäler um Metz" (Verlag P. Müller, 1,20 Mk.). Beide können bestens empfohlen werden. Ms Karte leistet die Tenkmäler-Karte von G. Scriba (1 Mk.) gute Dienste.
Die Schlachten.
Colombeh-Noisse-Bille (14. Aug.). Am 6. August hatten die Franzosen bei Spichern eine so empfindliche Niederlage erlitten, daß sie sich auf Metz zurückzogen. Von hier wollte Bazaine die Armee nach CHLlons führen, um sich mit Mac-Mahou zu vereinigen. Diese Vereinigung suchten die Deutschen zu verhindern. Ms sie daher am 14. August, nachmittags 3y2 Uhr, bei Colombey auf den Feind stießen, gingen sie zum Angriff vor. Das 7. Korps kämpfte besonders heiß um den Wald von Colombey und die sogen. Totenallee, das 1. Korps weiter nördlich um Montoy, Noisseville und Nouilly. Der Erfolg des Tages war, daß nicht nur die in den Kampf verwickelten französischen Truppenteile in ihrem Marsche ausgehalten wurden, sondern auch noch andere Teile wieder über die Mosel zurückgingen.
Vionville-Mars-la-Tour (16. Aug.). Die übrigen deutschen Korps suchten unterdessen in Eilmärschen die Moselübergänge oberhalb Metz zu gewinnen, um den Franzosen den Weg nach Chälons zu verlegen. Am 16. August, morgens 5 Uhr, brach ' das 3. Korps von Gorze auf, weiter westwärts marschierte das 10. Korps. Auf der Höhe von Tron- ville wurde um 9 Uhr die Schlacht von der deutschen Kavallerie und Artillerie eröffnet. Das 3. Korps stand stundenlang einer großen Uebcrmacht gegenüber, und es bedurfte der heldenhaftesten Zähigkeit, um den einmal eingenommenen Standpunkt festzuhalten. Mehrmals warf sich die Kavallerie dem Feinde entgegen, um der Infanterie Lust zu machen: die Husaren 16 und 3 (Zielen) vom Plateau aus über Flavigny hin, die Brigade Bredow (7. Kürassiere und 16. Ulanen) von Bionville aus gegen die Mte Römerstraße. Letzterer Angriff ist unter dem Namen „Todesritt" bekannt und von Freiligrath „Die Trompete von Bionville") besungen. In der höchsten Not, um 3 Uhr erscheinen die Spitzen des 10. Korps auf dem Schlachtfelds und kommen sofort dem am meisten bedrängten linken Flügel zu Hülfe. Die Regimenter 16 und 57 steigen die Schlucht tioft Mars-la-Tour hinauf, müssen aber zurück, und werden durch den Opfermut der Garde-Dragoner vor völliger Vernichtung bewahrt. Nach kurzer Pause wird östlich von Mars-la-Tour der größte Reiterkampf des ganzen Krieges ausgefochten, in dem die Franzosen unterliegen. Die, Nacht machte dem blutigen Ringen auf der ganzen Linie ein Ende. Der Zweck der Deutschen aber war erreicht: die Straße nach Verdun war gesperrt.
Gravelotte-St. Privat (18. Aug.) Bazaine zog sich nun auf die Höhen zwischen Point du jour und St. Privat, die noch durch Feldbefestigungen verstärkt wurden, zurück. Diese für uneinnehmbar gehaltene Stellung galt es am 18. August zu nehmen. Die Schlacht wurde um mittag durch die Artillerie des 9. Korps bei Vernsville eröffnet. Bald darauf ging auch das 8. Korps, Gravelotte besetzend, gegen den lmken Flügel der Franzosen vor. Beide Korps hatten lange mörderische Kämpfe zu bestehen. Doch gelang es dem 9. Korps, sich in Gemeinschaft mit den tapferen Hessen zu behaupten; und dem 8. Korps fiel in der 5. Nachmittags- stunde bei erneutem Sturm St. Hubert in die Hände, das ll.un~ej*ten festen Stützpunkt für die weiteren Kämpfe gegen dre Hohen und Höfe bildete. Im Norden wurden um 3 Uhr ©te. Marie-aux-Chenes von den Sachsen und der Garde genommen. Um 5 Uhr schritt die Garde unter ungeheuren Verlusten zum Sturm auf St. Privat, konnte aber lange keme Fortschritte machen. Erst als die Sachsen Roncourt genommen hatten und mit der Garde zusammen St. Privat stürmten, fiel dieses nach hartnäckigster Verteidigung. Bei


