Ausgabe 
6.8.1906
 
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1906

Montag den 6. August

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Der Stern.

xx.v t Vornan von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Nicht ein leisester Zng verriet, wie diese naiven Aeußer- nngen auf ihn wirkten, während eine Blutwelle-purpurn in Dellas bleiches Antlitz stieg. Aber jäh, wie sie kam, zer­rann sie auch wieder. Sein scharfes, beobachtendes Auge hatte es Wohl bemerkt.

O, Herr Kantor, wer wird von solchen Dingen reden?! Ich darf Ihre Anerkennung gar nicht annehmen. Ihr Fräulein Tochter in dem unterweisen zu dürfen, !vas ihrer prachtvollen Beanlagung zum künstlerischen 'Ausdruck verhalf, ihrer göttlichen Stimme zum dramatischen Relief wurde,- war für mich selbst die größte Freude!" So überaus verbindlich und wohlwollend klang das, fast banal. Sie blickte ihn an. Ein höfliches Lächeln umspielte seinen Mund, der sonst so bestimmt und herrisch zu sprechen war. Er erwiderte ihren Blick mit voller Gleichgiltigkeit. Aber gerade das rief eine Erregung in ihr hervor.

Ja, aber, geehrter Herr, deshalb bleibt es von Ihnen doch . . . wirklich sehr, sehr freundlich . . . Ihre kostbare Zeit. . . und ich weiß, daß, wenn Sie Stunden geben wollten, man Sie Ihnen teuer bezahlen würde .. . mit Gold aufwiegen, schrieb meine Schwägerin Hannchen. Und nun widmeten Sie Dellchen Ihre Zeit und nehmen sie so ganz in Ihren Schutz, und was sie von Jh-neN gelernt haben soll! In allen Rezensionen stand cs ja immer, daß eine solche Ausbildung, wie sie sie empfangen, dir einzig würdige sei, um dieser herrlichen Stimme die Weihen zu geben... Wir haben alles gelesen in Bernstadt, meine Frau und ich . . . . wir kennen die Rezensionen fast auswendig. Vom Schloß schickte uns Graf Guido immer alle Zeitungen 'runter, wo was drin stand. Blau und rot angestrichen. Die französischen konnte meine Frau noch ganz gut über­setzen . . . und die italienischen aus Mailand, die ersten, die hatte die Fürstin Testi selbst übersetzt und meiner Frau geschickt. Meine Frau war nämlich ihre Bonne gewesen. Ja, und überall dasselbe. Tanzoni und Wittelsbach! Der große Italiener und her geniale deutsche Künstler . . ."

Absichtlich hatte er ihn nicht unterbrochen und ließ seinen Dankbarkeitsgefühlen freien Lauf. Innerlich be­lustigt von dieser kleinlichen Auffassung der Dinge, hörte er mit beinahe feierlicher Miene zu. Nur bei Erwähnung der vom Grafen Guido gesandten Zeitungen schaute er auf. Sein Blick traf Della. Kühl und fremd. Aber einen Moment hatten ihre Augen ineinander gehangen, und sie fühlten in erhöhtem Maße die innere Unruhe, die sie während der ganzen Unterredung beherrschte.

Er sprach jetzt mild und heiter:Sie überschätzen das, verehrter Herr, ganz unbedingt. Sie überschätzen uns. Das ist der reine Egoismus! Denken Sie, wenn mein alter Freund Ranzoni und ich einmal ein Material in die Hand

bekommen, wie es in Ihrem Fräulein Tochter ruhte, so ist das für uns das Besondere. Der richtige Egoismus! Wann kommt das vor? Sie viel wird gesungen und ge­mimt . . . Wann begegnet man einmal dem kongenialen Talente? Ranzoni und ich hatten das Glück, Ihrem Kinde zu begegnen! Das zu wecken, was da innen schlummerte^ das emporblühen zu sehen zum Licht, das ausreifen zu lassen im Sonnenglanz. . . das war ein Göttergenuß!" Seine Stimme hätte sich gehoben, und mit jenem hinreißen­den Wohllaut, mit jenem wunderbaren Schmelz, der ihm von der Bühne herab alle Herzen gewann, hatte er ge­sprochen. Mit leichtem Pathos fast und dann doch wieder so einfach und natürlich. Darauf beruhte seine Wirkung. Er wußte cs, die große Kunst, natürlich zu scheinen. Adele zitterte. Seine Art zu sprechen, hatte für sie etwas Sugge­stives. Und, ohne daß er sie ansah, fühlte er sie wieder! in seiner Macht und fuhr fort:Wenn Sie Ihre Tochter hören werden, dann werden Sie alles begreifen . . . dann! werden Sie verstehen, daß wir Ihnen zu danken haben, nicht Sie mir! Wenn Sie sie sehen werden, ganz hingegeben ihrer Kunst, ganz entrückt der Mtäglichkeit, wie eine Göttin, wie eine Priesterin des Schönen, des Erhabenen, wie eilte Verkörperung aller Harmonien, und wenn Sie fühlen werden, wie alle Welt im Vanne dieses Zaubers liegt, wie man atemlos diesen Tönen lauscht, die die Erde zu eutsündigen scheinen, die alle Dunkelheiten auslöschen und wonniges Licht, süße Wärme auSstrahlen, dann werden Sie erkennen, daß wir uns glücklich schätzen dürfen, mitgewirkt zu haben an der Befruchtung der edlen, herrlichen Keime."

Der alte Kantor war ganz eingeschüchtert von dieser schwungvollen Beredsamkeit und dem blühenden Ausdruck seiner Begeisterung. Und Della saß da, wie in hypnotischen Schlaf versenkt.

Du . . . du . . . sagst du gar nichts, Dellchen, zu diesem Lobe? Weißt du, das ist ja noch mehr, als in den Zeitungen stand." Sie versuchte sich aufzuraffen.

O, ich ..."

Gott, Kind, du bist ja ganz blaß! Bist du nicht wohl? Oder macht dich dies Lob verlegen, drückt dich? Ich . . . ich kann es mir ja denken! Zuviel beschämt." Er war aufgestanden.

Unbesorgt, bester Herr Kantor, diese Schwäche ist die Größe und Kraft der Künstlerseele . . ." Leicht und heiter kamen die Worte:Sie wissen gar nicht, wieviel Lob wir; vertragen können. Nicht wahr, Fräulein Della?"

Zum ersten Male heut' hätte er ihren Namen genannt. Nachdrücklich, stark, sie kannte diesen Ton. Er weckte sie gleichsam und gab ihr das Gleichgewicht wieder.

Della! Freut es Sie, daß ich nun doch hergekommen bin? Freut, es dich?"

Der Vater, der inzwischen seinen Blick neugierig und etwas beklommen durch das Zimmer gleiten ließ, hatte die letzte Frage nicht vernommen, die, mehr auf den Lippen ruhend als gesprochen, dennoch deutlich ih-r Ohr beriihrte.