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Sich über ihr schönes Gesicht neigend, drückte er einen säst scheuen, ehrerbietigen Kuh auf ihre weiße Stirn.
Es ivar gleich einem stillen, heiligen Gelöbnis.
Ueber ihnen lächelten die schönen, blauen Augen der verklärten Mutter segnend auf die Tochter herab, die nach so schwerem Kampfe endlich den sicheren Hafen gefunden hatte.
157 Hage korsischer Raubmörder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a u n.
(Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)
Eines Tages wurde die Uniform des ChLfs des Gefängnisses ans unseren, Kinderhose von den leichteren Gefangenen gereinigt. Einer davon mußte den Waffenrock, der einer dunkelblauen Hufarenuuiform mit hellgelben Paspeln ähnelt, auziehen, während ein anderer ihn mit der Bürste bearbeitete. Freudestrahlend rief mir der Gc- fchmückte zu: „Ah, ich biu schon Wärterchef geworden."
Am 25. März wurden fünf Araber aus Constantine aus dem Zuchthaus von Chtavari auf der Durchreise zu uns gesperrt. Sie mochten wegen Raub in jenem Zuchthaus sitzen. Bei der Bestellung der Zuchthausländereien hatten sie sich gezankt. Der eine von. ihnen hatte einen, andern mit der Schippe eins versetzt. 'Außer dem, der in Ajaccio neu abzuurteilen war, hatten vier andere als Zeugen diesen Ausflug mitmachen muffen. Sie trugen lederne tzalbschuhe mit Holzsohlen, braune Mützen, Röcke, Westen und Mäntel, welche Zuchthausuniform mau mir auch geliehen hatte, als mein „verdächtiger" Anzug zur gerichtsärztlichen Untersuchung mir ausgezogeu und die ganze Zeit vorenthalten wurde. Welche Schmach, in solchem Mtzuge dem einen Zeugen, einem französischen Kapitän, vorgeführt zu werden! Als ich in der Schwurgerichtssitzung in meinem einfachen schwarzen Rock, weißer Wäsche, Hellem Schlips, die goldene Brille auf der Nase, dem französischen Kapitän wieder gegenüber stand, machte letzterer große Augen und glaubte nicht mehr daran, daß der angehende deutsche „Professor" der fürchterliche Raubmörder oder Spion gewesen sei.
Doch zurück zu den Arabern. Jeden Abend bei Sonnenuntergang breiteten sie ihre Mäntel aus, zogen ihre Stiefel aus und'verrichteten, „ach der Gegend gewendet, wo ihre heiligen Stätten liegen, andächtig ihre Gebete. Es tat mir leid, wie sie hierbei höhnisch nachgeahmt wurden von den anderen Gefangenen, darunter von einem rothaarigen fr nm zösischei, Seemann, der weder schreiben noch lesen konnte und dennoch arabisch, italienisch, französisch und englisch sprach. Er war mir sehr zuwider; trotzdem hatte ich ihn, gegen ei» Geschwür Salbe gegeben, die ich mit auf die Reise genommen hatte. Der neuerdings verurteilte Araber blieb, nachdem die anderen wieder abgeschoben worden waren, längere Zeit bei uns und vertrieb sich die Zeit meistens damit, daß er ein eintöniges Allah-il-Allah vor fiel) hiubetete. Ich hatte zu dieser Zeit gerade vom Berlags- buchhäudler Kretschmann, Magdeburg, außer anderen Büchern G. Richelmanns „Meine Erlebnisse in der Wiß- mann-Truppe" dediziert erhalten. Dieses Buch schildert sehr lebendig die deutschen Kämpfe gegen Makauda und Bu- fchiri. Es wimmelt darin von arabischen Brocken: Pombe, Hirsebier, Ternbo, Palmenwein, Mtama und Schirokko (Hülseufrüchte), die ich alle getreulich au den Mann, d. h. an den Araber, brachte, der in Gedanken an frühere leibliche Genüsse solche im Geist sich wieder hervorzauberte. Kam ich ihm mit einem (kwa heri" (Wien), „Bumbaffu we" (du Schafskopf), „Kirangosi wapi?" (wo ist der Führer?), „Bukr inschallah" (morgen, so Gott will), „jambo bibi" (guten Tag, gnädige Frau), „Jambo Bana, jambo fana" (guten Tag, Herr, sehr guten Tag), „Jambo Hali gani" (wie geht's?), „leie mftnga leie" (bringt die Kanone, bringt sie!), dann freute er sich, mit dem ganzen Gesicht grinsend, über den Bana mfurt, den süßen oder gütigen Herrn. Er klagte häufig darüber, daß das Essen in, Ajaccioer Ge- sänguis schlechter wäre, als im Zuchthaus in Chiavari und, als er endlich dorthin sortschwamm, war er ziemlich zusammen gefallen.
Da ich bei dem Lichte des Nachtlichtschimmers schlecht schlafen konnte, hatte ich zur Abkürzung der Brenndauer ein sehr probates Mittel gefunden. Wem, alles zur Ruhe
Ivar, holte ich mir das Oelglas herunter und rieb mit dem auf Watte aus ihm entnommenen Oele meine Stiefel ein, die die ganze Zeit über nicht geputzt wurden und fo wenige ftens einigermaßen geschmeidig blieben.
Wir waren rechtzeitig benachrichtigt ivorden, daß wir am 12. Mai nach Bastia, wo das Schwurgericht tagt, gebracht werden sollten.
Als die Gendarmen im Gefängnis eintrateu, waren wir fix und fertig. Der Brigadier erhielt unfere restlichen Guthaben, deren Größe uns nngefagt wurde, und unsere Efsekten. Als mein Nachbar. an meine Kette geschlossen wurde, blickte ihm der Brigadier scharf in die Augen. „Ah, Sie find mir schon bekannt." Er schloß die Kette daher sehr scharf, sodaß dagegen protestiert wurde. Ms wir, umgebe,, von Gendarmen, uns dem Bahnhof näherten, drängten in wildem Tumult sich von allen Seiten Verwandte, Freunde und Bekannte heran, um den Gefangenen noch irgend eine Wegzehrung ober Liebesgabe an Tabak, Zigaretten ober Wein auszuhändigen. Dies mußten die Gendarmei, der Ordnung wegen zurücklveisen, was mit Flüchen, Drohungen und Verlvünfchuiigei, beantwortet wurde. Eingedenk der Worte des Gardien-Chefs von Ajaccio, daß die Guten zu- fammenhalten müßten, ermahnte ich meinen Ketteugeuosseit, ruhig zu fein. Die Gendarmen würden sicherlich alles tun, was gestattet märe. Wie gefährlich Ware es für mich gewesen, wenn mein viel stärkeres Kettenglied im Knäuel feiner Genossen mich fortgeriffen hätte. Ich hatte keine Lust, pour la majeure gloire de la Corse einige blaue Re- volverbohneii zu schlucken. Gott fei Dank landeten wir sicher in dem uns reservierte,, Eisenbahnwagen 3. Klasse.
An diesem Transporte am Himmelfahrtstage kam Brigadier Frechinos auch auf die „Emser Depesche um die Geschichtsfälschung Bismarcks" zu sprechen. Obgleick _ ich über diesen Gegenstand im August 1898 in der bibliotl segne universelle et reime Suisse, Lausanne, einen sehr i iter- effauten Artikel gelesen hatte und gut orientiert war, ließ ich Freund Frechiiws ruhig sich ergehen, da es thöricht gewesen wäre, bar ein zu reden. Aehnlich, wie ich es von anderen antideutschen Ländern gehört hatte, goß er seine Wut über Bismarck aus. „Was ist Bismarck; Bismarck „einte ich meinen Hund usw." Ich habe dabei im Stillen an das scheußliche Gedenkblatt gedacht, daß „Le Petit Journal" am 14. April 1895 mit der Unterschrift „Apres la feie" zum anniversaire du Prince Bismarck heraustzegeben hatte. Bismarck ein altersgebrochener Rotte mit rotgeränderten Migen, die krampfigteu Finger vom Blut an einem Laken reinigend, im Lehnstuhl, hinter ihm der Knochenmann, der ihn mit seiner Rechten an die Schulter packt, davor ein Blutmeer, in den, tote Franzosen und Deutsche schwimmen, int Hintergründe Illumination, Fahnen, be geisterte Studente,, in Wichs usw.
(Fortsetzung folgt.)
Der Bochusöerg Sei Ringen am Rhein.
Von August Ammann.
Originalartikel der Gießener Fanülieiiblätter.
Im Osten der uralten, noch in die Keltcnzeit hinabrcichen- deu Rheinstadt Bingen erhebt sich ein Berg geringen Umfangs, aber von nnvergleichiich schöner Lage, die schon Goethe auf seiner int Jahre 1814 unternommenen Rheinreise in begeisterten Worten gepriesen hat. Er heißt der Rochusberg und gehört zu den reizvollsten Aussichtspunkten des ganzen Rheintales. In der Mannigfaltigkeit einer Gegend liegt eine Hauptbeding- ung landschaftlicher Schönheit: dies zeigt sich hier in vollem Maße. Nach allen Seiten hin wird das Ange durch stets wechselnde Bilder gefesselt. Rheinaufwärls bewundern wir die fast seeartig erscheinende, gewaltige Wasserfläche des Stromes, die durch die grünen Auen liebliche Unterbrechungen erhält. Rheinabwärts steigen die Gebirge, zwischen denen der Rhein verschwindet, mächtig empor und verleihen der Gegend einen ganz anderen, hochromantischen Charakter. Nach Süden verliert sich der Blick in den Windungen der schimmernden Gewässer der Nahe und in den gesegneten Fluren des Landes der Hessen. Jenseits des Rheines sehen wir rechts die doppeltürmige Kirche von Geisenheim und hinter diesem freundlich gelegenen Städtchen iuinfen uns aus der Höhe die hell glänzenden Mauern des weiuberühmten Schlosses Johannisberg. Dem Rochnsberg gegenüber erhebt sich in überraschender Symmetrie der herrliche Niederwald mit seinem stolzen Denkmal, ein großartiges Bild, das durch die Weihe historischer. Bedeutung in verklärtem Lichte erscheint. An der Biegung des Berges ruht die Ruine Ehrenfels, und ans der Tiefe schaut träumerisch der Mänfeturm zu uns empor. Wild und drohend rauschen um ihn die Fluten, als ob sie den,


