/räumte. Tas konnte doch nicht Wirklichkeit sein, daß sie, die eben alle Phasen menschlichen Seelenschinerzes allein durchkämpft hatte, in solch köstlicher Geborgenheit an der Brust des heißgeliebten Mannes ruhte, daß sie sein Herz stürmisch an das ihre pochen fühlte?
Und nun die wohlbekannte, sympathische Männerstimme, die leise mahnte:
„Ruth!"
Da stahl ihr Arm sich scheu hingebend um seinen gebeugten Nacken.
„Ich gehöre Dir ja lange, lange I" hauchte sie, ihr glutübergossenes Gesicht zu ihm einporrichtend und in einer schönen echt weiblichen Regung fügte sie innig hinzu: „Und ich hab Dir so vieles abzubitten."
Er verschloß ihre Lippen mit dem ersten bräutlichen Kusse.
„Nichts inehr von der Vergangenheit!" sagte er glückstrahlend, „jetzt gehören wir uns für alle Zeiten und vertrauen uns rückhaltlos, nicht wahr, mein süßes, angebetetes Weib?"
Sie nickte, mit ihren Blicken an seinem braunen, so schmerzlich entbehrten Gesicht hängend. Ihre Augen verrieten trotz ihres Glückscheins noch etwas von der Verzweiflung, die heut darin gebrannt hatte.
Er strich fast scheu zärtlich über ihre weiße Stirn, die vor Erregung brennenden Wangen.
Ein heißes Erbarmen durchflutete ihn, zugleich das beseligende Bewußtsein, daß er fortan alles, was in seine Macht gegeben, tun konnte, dem geliebten Weibe das Leben sonnig und froh zu gestalten.
Er wollte sie entschädigen für all diese Jahre voll Entbehrung und Qual.
„Komm!" bat er, sie zu dem steifen, grünen Plüschsofa führend, „nun setzen wir uns hin und ich ivill versuchen, ein Weilchen vernünftig zu sein und von ernsten Dingen mit Dir zu reden — schwer genug wird mirs ja fallen."
Er zog sie denn auch zuerst noch einmal, nachdem sie sich hingesetzt hatten, an sich und überschüttete sie mit leidenschaftlichen Liebkosungen, ehe er, sich zur Ruhe zwingend, sagte:
„Die Angelegenheit Deines Bruders, über die Walter mich bereits informiert, überläßt Du völlig mir, mein Herz — ganz still — keine Widerrede — ich fahre sofort nach dem Bankhause — Du sollst nichts mehr damit zu tun haben."
„Ach, Willy, cs ist zuviel Glück — auf einmal soll ich keine Sorgen mehr haben — ich faß cs noch nicht."
Er küßte bewegt die rauhen kleinen Mädchenhände, die sich unwillkürlich wie zum Gebet gefaltet hatten.
„Wie viel hast Du Acruiste gelitten! Wie schmal bist Du geworden!■ Aber warte, bald bist Du mein schönes, blühendes Weib — auf Händen will ich Dich tragen, ich will mit Dir reisen, wohin Dein Wunsch Dich zieht — zu- erst aber gchts nach Düsseldorf zu meinen Eltern — wird meine Mutter sich freuen, sie hat sich immer so eine Tochter gewünscht und bis jetzt hat keiner von uns beiden Brüdern ihr den Gefallen getan und ihr eine zugeführt."
„Werd ich ihr denn gefallen, Willy?" fragte Ruth angstvoll. —
Er lächelte beinahe amüsiert.
„Aber Herzenskind, sie wird entzückt von Dir sein — sie wird sogar bestiinmt behaupten, Du seiest für den Schlingel, ^den Willy, viel zu schade."
„Ach, Willy — wenn das von Heinz doch rauskoinmt — ich werde die Angst nicht los — ich könnte Deinen Eltern ja nicht in die Augen sehen."
Er runzelte leicht die dichten Brauen.
„Heinz wird klug genug sein, über das große Wasser zu gehen und hier im Lande sicher nichts mehr anstellen — er verspricht sich wie die meisten jungen Leute goldene Berge von dort „drüben" — er wird da beweisen können, ob er doch das Zeng zu einem tüchtigen Menschen in sich hat — und vielleicht kehrt er als gemachter Mann noch einmal
reuig zurück. So mußt Du die ganze Sache ausfassen, mein Lieb — Du darfst mir jetzt nicht mehr so schwarz sehen."
Sie schuiicgte sich an ihn.
„Du liebster Mann, ich muß inich erst allinählich ans Licht gewöhnen."
Ein leises Geräusch im Nebenzinuner erinnerte Ruth an die Anwesenheit des jüngsten Bruders. Sie richtete sich aus Willys Armen empor.
„Walter!"
Er schien nur auf diesen Ruf gewartet zu haben, denn im nächsten Moment schon stürmte er ins Zimmer und flog jubelnd auf die Schwester an Hammers Seite zu.
„Ruth, liebe Ruth! Nicht wahr, Herr Hammer hat geholfen, ich wußte es ja gleich", schrie er entzückt, in ihre freudig bewegten Züge blickend.
Willy Hammer zog ihn zu sich heran und faßte nach seinen Händen.
„Ich bin nicht mehr Herr Hammer, sondern Schwager Willy für Dich, mein Junge!" erklärte er warm.
lieber das verweinte Knabengesicht huschte eine wahre Glückseligkeit.
„Mein Schwager? Und Ruth wird also Ihre Fran?"
Mit einem plötzlichen Wehegefühl umfaßte Ruths Blick den jungen Bruder, den sie vom ersten Atemzug an behütet hatte, dessen Wohl ihr stets vor allem am Herzen gelegen. Ihr Glück trieb den Ahnungslosen jetzt unter fremde Leute, in bezahlte Hände. Wie hätte sie ihn in ihre junge Ehe mitnehmen können?
Das war ganz unmöglich — schon deshalb, weil sie sicher viel auf Reisen sein würden — und in eine Ehe gehört auch kein Drittes.
Schon wieder senkte sich ein lastender Druck auf ihre Brust — sie empfand den stürmischen Jubel Walters wie ein unrecht erworbenes Gut.
Als der Knabe einen Moment das Zimmer verließ und Hammer sich leidenschaftlich über Ruths Antlitz neigte, siel ihm der Schatten in ihren Augen sofort auf.
„Was drückt Dich noch, meine Ruth?" forschte er, vertrau' cs mir — ich hclf cs Dir tragen."
„Was wird aus Walter?" fragte sie voll ehrlichen Zutrauens, „er ist so an Liebe gewöhnt."
„Das hab' ich mir alles schon überlegt, Liebling, Du wirst den Meister loben — Walter kommt zu meinen Eltern — Düsseldorf wird in jeder Beziehung günstiger auf ihn wirken, als die Großstadt — und meine Mutter, die zwei ivilde Jungen erzogen, wird solch einen guten Kerl gern als Dritten an ihr Herz nehmen — daran ist überhaupt kein Zweifel — in wenigen Tagen beginnen die Osterferien — da fahren wir alle drei an den schönen Rhein — wir müssen ja ohnedies eine Garde haben — nun, was meinst Du zu meinen: Plan?"
Ruth vermochte kein Wort hervorzubringen, in ihre Augen stieg cs heiß. Endlich kamen die erlösenden Tränen, die den Druck von ihrer Brust hinwegschwemmtcn — Freudentränen. Es waren die ersten derartigen, die sie weinte.
An des geliebten Mannes Brust geschmiegt, versank vor ihr die Misöre ihres Lebens für ewig in das Meer der Vergangenheit.
Es stieg ein neues, lichtvolles Dasein herauf, das verzweifelte Kämpfen war zu Ende, der Sieg gehörte ihr, mit ihm das Glück.
Und die einst so scheue, stolze Ruth schlang leidenschaftlich die Arme um den Hals des tiefbewegten Mannes, dessen Augen glückstrnnkcn in ihre tränenvollen und doch liebe- strahlenden tauchten, und sagte in schrankenloser Hingebung:
„Du guter, Du unser aller Retter in höchster Not — jede Stunde meines Lebens soll meine Liebe Dir für das danken, ivas Du an mir und den meinen tust."
„Als ob Du mir nicht viel, viel mehr gäbest," flüsterte er heiß, von der reinen, innigen Glut, die durch ihre Worte klang, überwältigt.


