1906
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MiLLetlose Mädchen.
Nonmn von H. E h r Hard t, (Nachdruck verboten.) (Schluß.)
6.
In feinem Zimmer fuhr Walter von dem Buche, das er sich zur Zerstreuung vorgenommen, empor. War das nicht ein Schrei gewesen? Er horchte angestrengt. Alles blieb still — aber nun wieder — das klang wie Stöhnen eines zu Tode verwundeten Menschen. Mit schlotternden Knieen schleppte er sich zur Tür. Ruth? War das altes Weh oder neuer Schmerz?
Dem Knaben zog sich das Herz zusammen vor Grauen. Er konnte das Leid der geliebten Schwester nicht mehr mit ansehen.
Während er noch zögerte, ob er zu Ruth eilen oder ruhig hier bleiben sollte, klang draußen die Entreeglocke.
Er stürzte förmlich, zur Tür, wie erlöst.
Ein Mensch wenigstens — vielleicht einer von der Bank, vielleicht nur der Postbote — egal — es war doch eine Unterbrechung dieses qualvollen Alleinseins.
Vorsichtig lugte er erst durch einen Spalt des Vorhanges — dann klirrte die Sicherheitskette unter seiner hastig zu» greifenden Hand — die Tür flog auf.
Ein halberstickter Erlösungsruf drang von Walters Lippen, feine bebenden Finger klammerten sich um den Arm des vor ihm stehenden Mannes, der erschrocken in das verweinte, entstellte Knabengesicht sah.
„Herr Hammer, ach, Herr Hammer!" stotterte Walter, den Besucher ins Entree hineinziehend, „nun wird alles gut werden — nicht wahr, Sie werden Ruth helfen,"
Seine Tränen begannen erneut zu rinnen und Willy Hammer, der tätlich erschrocken zusammengeznckt war, packte ihn an den Schultern, und forderte:
„Sprich, Junge, um Gottes willen, ist Deiner Schwester etivas zugestoßen? Wo ist sie?"
Stockend, aber doch ziemlich genau, gab Walter Auskunft — er dachte nicht mehr, daß er mit Ruth die Sache hatte allein tragen wollen — fein junges Herz ahnte in dem gespannt zuhörenden Manne den Retter aus aller Rot.
„Hier, in dem Zimmer ist sie", endete er, auf eine Tür weisend, „und ich iveiß nicht — ich hab' sie schreien hören rind dann stöhnen — ich habe so Angst, daß noch etwas schlimmeres passiert."
Willy Hammer ließ ihn nicht ausreden — er stand schon vor der bezeichneten Tür.
„Bleib!" sagte er rauh, zu dem Knaben gewandt, dann stieß er, ohne anzuklopfen, die Tür auf.
Ruth saß zusammengesunken auf dem zierlichen Stuhl vor dem Schreibtisch, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. —
Ein tränenloses Schluchzen schüttelte wie ein Kampf den schlanken Mädchenkörper.
Das Klingeln draußen, die sprechenden Stimmen schienen nicht bis zu ihrem Gehör gedrungen zu sein — bei dem geräuschvollen Oeffnen der Tür aber schnellte sie von ihrem Sitz cinpor, dem Eintretenden ein verstörtes, totenbleiches Gesicht zmvendend.
Als sie ihn erkannte, taumelte sie zurück, wie von einem Schlage getroffen.
Die Rechte auf die grüne Schreibtischplatte stemmend, streckte sie in verzweifelter Abwehr die linke Hand gegen den auf' sie zueilenden Manu aus. Ehe er sprechen konnte, rief sie schon, sinnlos in ihrem Schmerz:
„Gehen Sie fort — mein Gott — Sie dürfen jetzt nicht zu mir sprechen."
Er umfing mit festem Griff ihre Gestalt.
„Ruth, aber Ruth!" flüsterte er, bis ins Innerste erschüttert.
Sie bemühte sich, van ihm frei zu kommen.
„Ich darf Sie nicht anhören!" schrie sie auf, aus seinem innigen Blick sein ganzes Fühlen herauZlesend, „ich darf Sie nicht in mein Elend hineinzerren — mein Bruder ist ein Dieb, ein Ehrloser — er nahm mir auch noch die Möglichkeit, die Ehre unseres Namens zu retten,” sie wies auf die verstreuten leeren Schachteln, auf das weiße Blatt, dessen Worte er raschen Blickes erfaßte, „alles fort — morgen geht unsere Schande steckbrieflich durch die Welt — lassen Sie mich los.”
Aber er zog sie nur noch fester an sich.
„Nie mehr, Ruth!" sagte er tief aufatmend, „ich lasse
Dich nicht, nun ich Dich erst habe. Denkst Du, ich habe
mich deshalb ein halbes Jahr halb tot nach Dir gesehnt, um
mich jetzt durch eine solche Bagatelle — verzeih mir den
Ausdruck, ober für mich ist es nur das — von Dir trennen zu lassen?"
Er fühlte, wie das Widerstreben in dem zitternden Mädchenkörper schwand, daß der dunkle Kopf matt und willenlos an seine Brust sank, und sich tief zu ihr niederneigend, flüsterte er dringend:
„Werde ruhig, mein armer Liebling, vergiß mal einen Moment das Häßliche — sieh — ich lechze doch danach, von Dir zu hören, ob Du mich so lieb haft, wie ich Dich habe, so über alle Maßen lieb, ob Du mein Weib werden willst?"
Sie antwortete nicht gleich. Es war ihr, als ob sie


