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Das ist der Herkomerpress, der in das Eigentum desjenigen übergeht, der zweimal in drei aufeinanderfolgenden Konkurrenzen gesiegt hat. Also eine sehr schwer zu erringende Trophäe. Tritt aber dieser Fall zweimaligen Sieges nicht ein, so entscheidet unter den drei Siegern das Los. Aber noch ein übriges hat Herkomer geleistet: er malt das Konterfei des Siegers, ob es auch gar nichts malerisches an sich hat. Hierzu kamen im vergangenen Jahre noch etliche goldene und silberne Kostbarkeiten für die nächstbesten Wagen, die nach einem konrplizierten Punktsystem gewertet wurden. Sehr nobel war der Preis der Stadt München, und die Berliner haben ihn am neidischsten betrachtet, denn die deutsche Reichshauptstadt hat für derlei Zwecke nicht einen kupfernen Pfennig übrig. Kaum, daß sie sich bei solchen Anlässen herbeiläßt, einen alten Stadtvater mit goldener Amtskette gnädigst hiuzubeordern.
Der Erfolg der ersten Herkomertourenfahrt, die über die Strecke von 900 Kilometer ging, spornte zu weiterem Schaffen an, denn von den 79 Wagen, die vor den Toren Münchens sich auf die weite Reise machten, kamen 69 Wagen am Ziel in Schwabing an. In diesem Jahre wird den armen Autler noch schärfer auf dm Zahn (d. h. auf die Achsen und 'auf die immer zum Plagen aufgelegten Pneumatiks) gefühlt werden, denn der zu befahrende Kurs zieht sich 1600 lange Kilometer hin. Die Strecke geht von Frankfurt a. M. an und führt am ersten Tage durch den Spessart über Würzburg und Nürnberg nach München (400 Kilometer). Di« zweite Etappe umfaßt 290 Kilometer und führt von der bayerischen Hauptstadt über Salzburg nach Linz. Schon hier ist manche scharfe Steigung zu bewältigen, und je näher die schwarzgelben Grenzpfihle, desto schlechter wird die Straße. Die dritte Etappe Linz- Wien weist zahlreiche Kurven auf und ist sehr bergreich.
Die habsburgischen Nachbarn rüsten sich zu 'einem glänzenden Empfang und werden ihre Gäste zwei Tage bei sich beherbergen. An der schönen blauen Donau sollen die Wagen einen sogenannten Schönheitswettbewerb durchmachen. Ein Laie würde nämlich gar nicht glauben, was die Herren Automobilrichter alles schön finden, während die Nichtkenner achtlos vorübergehen und- sich nur die blank- geputzten Wagen mit seinem Polster auschauen. Es gibt Touristen, die ein ganzes Warenlager mit sich schleppen, in dem bis zum Tintenfaß und bis zum Sektkühler herunter nichts fehlt. Andere sind sparsamer und befreien ihren Wagen von unnötigem Ballast. Die vierte Etappe reicht von hier nach Klagenfurt, 316 Kilometer. Kurz hinter Wien werden die Bergsteiger geprüft, denn auf der elf Kilometer langen und recht serpentinenreichen Semmering strecke wird gewertet, welcher Wagen am schnellsten die Höhe hinauf zu klimmen vermag. Schon hier wird mancher Schiffbruch leiben und alle Hoffnungen sinken lassen müssen. Und daun erst die bergigen Schlängelwege in der grünen Steiermark! Die Automobilkavalkade steckt mitten in den Alpen und kostet alle Fährlichkeit einer Bergfahrt durch. Der fünfte Tag trägt die Autlerschar von. Klagenfurt nach Innsbruck (332 Km.). Hier ist mehr Muße zum Genießen der Zillertaler Alpen. Zu guter» letzt winkt das Ziel Innsbruck-München, eine Spaziertour von nur 140 Km., die reine Kinderspielerei, wenn nicht der verrufene steile Zirlerberg hatte genommen werden müssen.
Bor den Toren Münchens, im Forstenrieder Park, hat die ganze Garde, von Innsbruck kommend, im Schnelltempo zu rasen. Der Wagen, der in der Gesamtwertung die geringste Punktzahl aufzuweisen hat, ist Sieger. Aber auch noch dem zehntbesten Auto winkt ein Preis, sind doch von freundlichen Gönnern Gaben im Werte von rund 40 000 Mark neben der Herkomertrophäe gestiftet worden.
Ueber alle Maßen stark wird die automobilistische Heerschau ausfallen, denn gegen 160 Wagen werden auf die Reife gehen. Aus aller Herren Länder werden sie kommen: Aus England und Frankreich, Amerika und Belgien, Oesterreich und Deutschland, und alle „Märken" werden zur Stelle sein, und alle Arten von Pneumatiks. Der vornehmste Fahrer wird Prinz Heinrich 'von Preußen sein, und ein General, der Freiherr von Könitz, wird ihm als Kontrolleur dienen, denn jeder Wagen erhält einen Aufseher, der sorgsam alle Mucken des Wagens notiert. Der Prinz hat die Herkomertour populär gemacht, und sein
Start bewog Viele, auf die luette Reise mitzugehen. Denn so etwas ist schließlich im steifen Preußen noch nicht dagewesen. Im bongen Jahre, schon als Mann und Wagen in München bereit standen, hat der Prinz, wie noch erinnen lich sein wird, Hals über Kopf Fahrt Fahrt sein lassen und sich 'von dannen gemacht, da er dem Großfürsten Cyrill aus dem Wege gehen wollte.
Neben dem Prinzen sind noch zahlreiche andere Notablen sichere Herkomerfahrer. Da ist der Herzog von Arenberg-Nordkircheu, der Lord Montagne of Beaulieu, der Erbprinz zu Erbach-Schönberg, Baron Adrien de Türkheim der ehemalige deutsche Reunreiter v. Eynard, und eine Anzahl von Automobilisten, die kein Prädikat, aber eine Portion Ansdauer und eine kleine Dosis Mut besitzen, um sechs Tage lang, vom ersten Morgengrauen an, die schwere Partie über Berg und Tal sich zu leisten. Aber schließlich gilt das alles nicht dem Sport, sondern der Vervollkommnung des jüngsten Verkehrsmittels. Tom.
VSVMisMSK.
Eine Vorlesu ng über das Kochen. In Wien fand kürzlich eine Frauenversammlung statt, die nach dem „Neuen Wiener Tageblatt" im- gewöhulich zahlreich besucht war. Der Direktor der Erste» Wiener Bürger- kochschule, Herr Hcitz, sprach über Kochen und Backen, über Braten und Rösten, über Kaffee und Tee, über Mark und Fett: Butter und Margarine, Kunerol und Gansfett ließ er Revue passieren und dann kam ein. aktuelles Kapitel: das Fleisch, das sündhaft teure Fleisch und — der Ersatz dafür. Einen solchen bieten z. B. die wohlfeilen Seefische, und mit besonderem Interesse verfolgte das Auditorium den Borgang, wie Herr Heitz aus dem billigen Kabeljau aus der Ascania-Glasplatte sehr appetitliche panierte Filets berertete. Für die eingefleischten Fleischesser — wenn man so sagen darf — oder vielmehr für ihre Gattinnen sorgte der Redner, indem er, schneidend und klopfend, bewies, daß man selbst aus dem flachsendurchzogeneu Fleische der Kalbsstelze schöne Naturschnitzel bereiten könne. Ach, welche Lust, den teueren Schlegel in der Fleischbank hängen laffen zu können! Die Verbesserung der Suppe wurde auch nicht außer acht gelassen — Stückchen Fleisch saschieren, sieden, die Brühe mit Eiweiß klären und zur Suppe gießen — ein veritables Hendel wurde dressiert, gebraten, kunstgerecht tranchiert — und als es in drei verschiedenen Arten graziös angerichtet war, zur näheren Besichtigung ausgeboten. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", und so besprach der Redner auch die Kompott- und Geleebereitung, das Gesrorene, die Verwendung von Rosenblättern und das nimmer versiegende Thema der Jourbäckereien, der Sandwichs, Kanapees, marmorierten Wecken usw.
— Eine Frau mit sechs lebenden Gatten. Mrs. Ida May Knapp Spivey hat sich in ein paar Jahren sechsmal verheiratet, hat immer schon nach kurzer Zeit ihre Galten verlassen und sich ihrer vielen Heiraten stolz gerühmt. Als aber eine Anklage wegen Bigamie in Hamilton gegen sie erhoben wurde, entfloh sie ihrer Strafe. Es stellte sich heraus, daß sie zuerst einen Bergmann, dann einen Schuhputzer, dann einen Bremser, dann einen Droschkenkutscher und zuletzt nacheiiiairder zivei Brüder, Spivey, geheiratet hatte, die alle noch leben. Der Schivager dieser Brüder, Edward Bacon, stellte nun ihre verschiedeneir Berehelichimgen lest und erhob daralif gegen sie Airklage.
* Sie waren noch nicht lange verheiratet und das seelenvolle Vertrauen, das junge Eheleute zu einander haben, ivar noch nicht geschwunden. Aber eines Morgens bemerkte sein Weibchen zärtlich: „Ich habe gestern abend, als du zu Belt gegangen warst, das Loch in deiner Hosentasche zugenäht, lieber John. Nun, bin ich nicht eine aufmerksame kleine Frau?" Gatte (langsam): „Ja — äh — allerdings — du bist sehr aufmerksam, Schatz. Aber wie zum Henker, bist du dahinter gekommen, daß da ein Loch in meiner Tasche war?"
Kunst.
— Beit Stoß, dem großen Nürnberger Bildschnitzer, ist der 81. Band der Künstler-Monographien (Preis 3 Mk., Verlag von Velhageu u. Klasing, Bielefeld und Leipzig! gewidniet. Berthold Daun, der Verfasser dieses Bandes, hat es verstanden, einGesamt- bild der Tätigkeit vo>r Veit Stoß z» geben, und man staunt doch über den gewaltigen Ilinsang des Schaffens des fleißigen Aieisters, das wir hier in Wort und Bild (der Band bringt 100 Abbildungen) verfolgen können. Ein Schaffen, welches auch dadurch inlereßäiit ist, weil es sich auf zwei hent so ganz ivesensverschiedene örtliche Gebiete verteilt: auf Krakau und Nürnberg mit seiner engcrn und weitern Umgebung. Man köimte sich nach der Lektüre dieses Buches wohl vorstülen, daß ein Dichter Beit Stoß in den Mittelpunkt eines Künstlerroinans des 15. Jahrhunderts stellen dürfte.
Logogriph.
Nachdruck verboten.
Bald bin in Büchern ich, häng' an den Wänden bald;
Mit einem andern Kopfe leb' ich in dein Wald. m. Auflösung tu nächster Nummer.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der BrLbl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, GirßerU


