Ausgabe 
6.6.1906
 
Einzelbild herunterladen

322

blasse Majorsfrau geärgert,das dunune Ding wird doch nicht so töricht sein, wegen so eines Flirts ihr Glück mit Füßen zu treten."

Gleich darauf beschlich sie eine nagende heimliche Unruhe. Ja, war diese Heirat denn wirklich ein Glück für sie?

Ihre forschenden Augen hefteten sich an das bildhübsche, blühende Mädchengesicht, wanderten weiter zu bei» jungen, lebensfrischen, kraftvollen Offizier und statt dessen dachte sie sich an Snses Seite den alternden Mann mit dem kahlen Schädel, dem häßlichen, verlebten Gesicht nnd der mühsam vorgetäuschten Jugendkraft, die nach dec Hochzeit zusammen­brechen würde. Und der heimliche, selige Lstolz fiel ihr ein, mit dem sie selbst sich noch heute an der siaitlichen Schönheit ihres Gatten freute.

War es nicht eigentlich ein Verbrechen, wenn sie alle sich so um das Zustandekommen dieser Ehe bemühten?. Aber andernfalls? War Suse gefestigt genug für eine Ehe in be­scheidenem Rahmen? Sie, die immer nur von Glanz und Reichtum für sich träumie?

In leichter Berstimmung suchte Meta Ablenkung an dem bunten Bilde, das sich, beständig wechselnd, vor ihnen aufrollte.

An ihrem Tische vorüber wogte der Strom der Gäste, elegante Herren im Frack, die von irgend einer Festlichkeit kamen, Provinzler im leichten, hellen Anzug, die auf der Durchreise in die Seebäder hier erst einmal Großstadtluft atmen wollten, die Damen in der Minderzahl, da die holde Weiblichkeit Berlins sich längst vor der drückenden Hitze nach See und Gebirge geflüchtet hatte die wenigen jedoch in der ganzen Eleganz duftigster Sommertoiletten, wahre Blumen­gärten auf den unschön aufgebauschten Frisuren.

Eben trat wieder eine Dame durch den Haupteinaang in den lichtstrahlenden, überhitzten Raum, gefolgt von drei Herren, die unverkennbar der vornehmen Lebewelt angehörten und sich durch die Art ihres Auftretens und ihre Begrüßung mit den Kellnern als häufige Gäste verrieten. Im Vorwärtsschreiten unterhielten die Vier sich eifrig und ungeniert. Die Dame lachte einmal laut auf und versetzte dem jungen Mann hinter sich, dec ein Monokle im Ange und eine rote Riesennelke im Knopfloch seines Smokings trug, einen derbe» Schlag mit dem kostbaren schwarzen Federfächer. Sie war eine über­schlanke Erscheinung mit schlangenhaft schmiegsamen Beweg­ungen des weichlinige» Körpers, sehr blond, mit offenbar gefärbtem, ihr Sonbrettengefichtchen breit begrenzende», Haar, stärkt geschminkt, bis auf die rosig hervorschimmernden, dia- niantengeschmückten Ohrläppchen. Durch den dünnen Stoff ihrer aus Spitzen und Chiffon gefertigten Bluse leuchteten Nacken und Arme blendendweiß. Das Parfüm der Halb­welt umgab sie wie eine betäubende Wolke, untrennbar davon das leise Knister» und Rausche» seidener Unterkleidung.

Dicht vor Ruth Meridies blieb sie einen Moment stehen, weil sich ihrem Weitergehcn irgend ein Hindernis entgegen­stellte. Ihr leichtsinniges blaues Auge traf in das stolze dunkle des Mädchens, der Patchonliduft wehte aufdringlich. Ein starker Widerwillen, eine physische Uebelkeit ließ Ruths Züge hochmütig versteinern.

Ihr Blick glitt verächtlich von ihr hinweg. Die hübsche Blonde zuckte spöttisch lächelnd mit den vollen roten Lippen. Dann rauschten ihre kostbaren Seidenröcke weiter. Sie ver­schwand mit ihre» Begleitern in der Richtung der separierten Zimmer.

Am Nebentisch hatte sich ein Herr erhoben, nm zu grüßen, war aber nicht beachtet worden. Nun setzte er sich wieder hin und sagte zu seinem Gegenüber, welcher der pikanten Er­scheinung mit einen, amüsiert vieldeutigen Lächeln nachgesehen hatte:

Es war die Lora vom Apollotheater, ach, Du kennst sie ja auch. Weißt Du aber, da Du seit Monate» vo» hier wegwarst, daß sie uns Berlinern schnöde den Rücken kehrt, Mm nach Wien zu gehen?"

Ne, ist mit neu. Was wird da der tolle Hammer dazu sagen?"

Der Sprecher dachte augenscheinlich gar nicht daran.

irgend eine Indiskretion zu begehen die Sache wußte ja tout Berlin.

Der andere lachte cynisch.

Na, Sie wissen ja, wie er ist, EdderS, der tröstet sich ebenso schnell, wie sie sich tröste» wird. Ich weite, der hat längst im stillen für einen Ersatz gesorgt er heißt doch nicht umsonst Donnerwetter!" unterbrach er sich,ist ja sonderbar manchmal. Lupus in tabula.

Ruth Meridies, deren Unterhaltung mit dem Major durch das kleine Intermezzo vorher unterbrochen worden ivar, und die wider Willen jedes Wort der Unterhaltung mit angehört hatte, wandte mechanisch den Kopf nach der Richtung, nach der die Blicke der Herren wiesen.

Dort bahnte Willy Hammer sich einen Weg durch die dicht besetzte» Tische. Er halte den helle» Sommerüberzieher über die Schultern gehängt, sodaß der tadellose schwarze Salonanzug darunter zum Vorschein kam. I» dem schonungs- lose» Glanze der elektrischen Lichtbirnen zeigten sich in feinem eigenartigen Gesicht deutlicher als am Tage die Spuren einer tollen Vergangenheit. Nebenbei machte er einen stark ermüdeten, abgehetzten Eindruck, und Ruth kannte ihn genau genug, um ihm anzusehen, daß er äußerst gereizter Stimmung ivar.

Es lag etwas schroffes, ablehnendes in dem Gruß, de» er hier und da zu geben genötigt war und sehr viel Hoch­mut in der Handbewegung, mit der er einen ihm wohl eine Bestellung zuflüsternden Kellner abfertigte. Das lachende, frischgerötete Gesicht seines zierlichen Begleiters, sein kordial liebenswürdiger Griiß flache!, förmlich wohltuend gegen den erkältenden Ernst des bekannten Künillers ab, der sich aus der Beachtung, die man seinem Erscheinen widmete, wenig zu machen schien.

Keine innere Stimme sagte ihm, daß nur wenige Schritte von ihm entfernt ein stolzes Mädchenherz sich feinehuegeii in Todesqualen wand. Ruth saß regungslos gleich einer Bild­säule, als die beiden Herren längst verschwunden waren. Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen und horchte doch, wie ei» Mensch, der magnetisch angezogeii, auch immer wieder irgend einen grausigen Anblick sucht, auf die jetzt leiser ge­führte Unterhaltung am Nebentische. Nach einer wegwerfenden Bemerkung über HammersProtzendünkel" erzählten die Herren sich pikante Einzelheiten ans seinem Verhältnis z» der blonden Lora, die Gottlob nur bruchstückweise verständlich waren.

Niemand von der übrigen Gesellschaft hatte von all beut etwas gemerkt, auch kannte nur Suse den Male,r persönlich unb die saß so, daß sie ihm den Rücken zugekehrt hatte. So blieb es Ruth wenigstens erspart, daß eine seis auch harm­lose Indiskretion Gift in die brennende Wunde ihres Herzens träufelte. Ströme von Blut schienen ihr dieser Wunde zu entfließen, unaufhörlich, unaufhaltsam, wie glühende Tränen.

Ein Ersatz für eine Lora! Also das ivar sie ihm ge- ivesen! Nicht die Frau feiner Liebe, sondern nur der Gegenstand eines häßlichen, sie tätlich beleidigenden Be­gehrens.

Und gerade sie, die sich vor so etwas immer so grenzen­los geekelt hatte, die schon von Klansens ehelicher Zärtlich­keit angewidert ivordeii ivar. Ihr schiens, als ob eine schmutzige Welle an sie herangespült wäre unb ekle, untilg­bare Spuren an ihr zurückgelassen hätte. Sie glaubte ans einmal eine Erklärung zu haben für bas instinktive Miß­trauen, des heimlich empörte Auflehnen, mit dem sie sich zuerst gegen biesen Mann gewehrt hatte.

Es war bie stolze Reinheit ihrer Seele geiuefen, bie ben Schmutz gefühlt, ohne von ihm zu ivissen. Unb doch war sie unterlegen, hatte biesen Mann lieben gelernt. Ja, sie liebte ihn in dieser Stunde noch, da ihr Stolz verlangte, daß sie ihn verachten sollte. Das war der Stachel in der blutenden Wunde! Sie, bie stolze, reine, halte ihr bestes, höchstes Empfinben vergeubet an einen Unwürdigen. Es ivar so ungeheuerlich, daß sie fast lächeln konnte darüber. Ein wehes, schneidendes Lächeln!

(Fortsetzung folgt.)