Ausgabe 
6.4.1906
 
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Gedichtes flog durch ihr erregtes Köpfchen, ihrem tiefsten Empfinden Ausdruck gebend:

Besser, Laß daS Herz Dir bricht,

Von dein Kuß der Rose, Als Du kennst die Liebe nicht, Unb stirbst liebelose." .

Sie war so in selige Träumerei versunken, daß |is gar nicht merkte, wie eigentümlich gepreßt, fast zornig der Gute­nachtgruß des Hauptmanns klang und mit welcher Befriedi­gung Frau Meta sie fixierte.

(Fortsetzung folgt.)

LienhardsWege nach Weimar".

Von Friedrich Wiegershaus.

-Seit kurzen: gibt Fritz Lienhard unter dem TitelWege nach Weimar" (Verlag von Greiner und Pfeiffer, Stuttgart) sehr gehaltvolle Monatsblätter von ausgesprochen persönlichem Ge­präge heraus Die eingehenden, sorgfältigen Betrachtungen, die in den bisher erschienenen ersten drei Heften enthalten find, stammen ausschließlich aus Lienhards eigener Feder. Indem er alle großen Persönlichkeiten, deren Lebensbilder gebracht werde», den Lesern selber vorstcllt, entfaltet, offenbart sich feine eigene Persönlichkeit. Kein praktisch betrachtet, wird fick das uniteresse au dieser stilleren, persönlicheren Form von Zeitlchrist jedenfalls außerordentlich schwer wach erhalten lassen. Ich glaube jedoch, daß dieWege nach Weimar" gerade in unserer Zeit, in der man vielfach nach neuen PersonlichkeitMerten ringt, einer unbewußten Sehnsucht entgegenlommeu..

Ich persönlich freue mich jedenfalls sehr, daß Lienhard in die Welt der Großen aus Weimars Mutezeit tiefer eindrmgen, daß er die Werte, die jene großen Männer geschaften Haben, schöpferisch fassen und dadurch an die erhabenen Kulturideale unserer Klassiker vertiefend anknüpfen will. Dem gegenwärtigen Geschlecht, das durch die Pflege des Materialismus innerlich kalt geworden ist, möchte Lienhard neue innerliche Wärme mitteilen. Er wird von dem Wunsche getragen, daß vor allem die unheilvolle nörgelnde Kritik in eine unbefangene Betrachtung auswachsen möge. In den Kämpfen, die gegenwärtig auf dem Gebiete der Literatur uitb auch anderswo ausgefochten werden, glaubt er menschlich-große Gesichtspunkte nicht wahrzunehmen. Deshalb sckant er nach Weimar hinüber, wo er bei geistesgefnnden und geistesgewaltigen Persönlichkeiten große, ewiggittige Maßstäbe findet. Hub diese Persönlichkeiten will er uns. geistig näherrüSen, damit wir uns an ihnen bilden und erheben können. Er ist zu der ganz richtigen Erkenntnis gelangt, daß sich unser klein­liches, verzagtes (^schlecht nicht ohne Vorteil mit großen Per­sönlichkeiten beschäftigen würde; denn in unV allen werden edle Kräfte angeregt, wenn wir das zündende, durchgeistigte Wort wahrhaft großer Persönlichkeiten unmittelbar auf uns wirken lassen. Nicht um das Wort und auch nicht um den Ort ist es Lienhard bei seinen Bestrebungen zu tun. Das eigentlich Wert­volle ist für ihn vielmehr Weimars Wirkung. Für ihn erhält das Wort Weimar wie die WorteWartburg",Concvrd", Hellas" erst dann Leben und Sinn, wenn es in jedem von uns ähnliche Kräfte erzeugt, Ivie sie dort lebendig gewesen. Und so bedeutet denn dies magische Wort ein Berständigungs- zeichen für einen feincrmenschlichen Zustand: und zu diesem den Ausweg zu versuchen, ist der wahre Weg nach "Weimar.

Wir modernen Menschen leben eigentlich nur in denAußen- dingcn", von denen wir uns mit gewaltigem Ruck befreien müssen, wenn die in uns schlummernden Werte zur völligen Entfaltung gelangen sollen. Wir überschätzen gewöhnlich das rein Gegen­ständliche, vernachlässigen aber das eigentliche Wesen der Dinge. Aus diesem Grunde müssen wir uns in einemfeinen Abstand­nehmen von der Körperlichkeit der Erscheinungswelt" üben, durch das wir ganz allein zu einer seelisch-vornehmenAnteilnahme am Ergehen, und Wesen der Mitmenschen und an dem bunten Spiel der Schöpsungskräste" "gelangen können. Daher betont Lienhard auch gerade jene Kraft, die von innen baut, die überwältigende Kraft des deutschen Gemütes, vder mit einem anderen Worte: die innere Linie. Unter ganz beson­derer Berücksichtigung dieser inneren Linie rückt er uns in den ersten drei Heften die fympatW Persönlichkeit Heinrich v. Steins geistig näher, dessen ernstes, männliches Ringen er uns liebevoll schildert. Gleichzeitig vermittelt er uns einen tiefen Einblick in die geistige Werkstatt diesesletzten Idealisten des 19. Jahr­hunderts". Zu einem derartigen Vermittler ist gerade Lienhard der wahrhaft Berufene: denn auch er hat sich "aus der Erschein­ungen Flmlit den ruhenden Pol gerettet, o. h. ans" der Unrast der Zeit zu einer einheitlichen Persönlichkeit hinaufgeläutert. Das, was man Einfühlungstalent nennt, besitzt gerade er in reichstem Maße. Gleichzeitig verfügt er, weil er eben auf einer menschlich "hohen Warte steht, über eine großzügige Betrachtungs­weise. Der Persönlichkeit und Lebensarbeit Heinrich "v. Steins ist er jedenfalls vollauf gereckt geworden. Auch zu Emerson, dem die drei nächsten Hefte gewidmet werden, wird er, das darf ich bestimmt voranssetzen, in ein richtiges Verhältnis treten. Auch hier wM cr zweifellos den ganzen lebensvollen Menschen hergus-

stelien". Sobald er uns auch diesen großen Erzieher neu wieder­geben hat, wird er in bei» eigentlich klassischen Kreis' Vordringen.

Bon ganz besonderem Interesse ist das denWegen nach Weimar" angehängteTagebuch", in dessen Spalten der Hcraus- geber unter ausdrücklicher Vermeidung aller häßlichen Polemik zur Schaffung aufbauender Werte Wesentliches beiträgt. Sehr bemerkenswert ist vor allem die Bemerkung, daß in die modernen Formenechter Geist von Weimar", d. h. neue Gedanken- und Gcmütskräfte einströmen müßten. In einer Zeit, wie der unsrigen, verdient folgende Aeußerung jedenfalls unterstrichen zu werden: Wenn unsere Ueberlieserung, ihrem Gehalte nach, herangezvge» würde und in unserer Moderne zu wirken begönne? dann wäre Anschluß an das große Erbe gefunden. Dann würde die ganze triebkräftige Volksseele zur Mitarbeit angeregt werden. Und das, was bis jetzt "Literatur ist, würde zu einer Herzenssache des ganzen Volkes. Schöpferische Geheimkräste würden befruchtet und ausgerührt; und aus tiefen Quellen würden die Erftiller aus­steigen, die der ganzen Nation das rechte Wort zu sagen haben". Um das hinterlassene große Erbe unserer Klassiker vertiefend ausbauen zn können, muß man vor allen Dingen eine gesunde, starke Persönlichkeit sein. Deshalb werden wir alle zu einer ernsten, charaktervollen Selbsterziehung schreiten müssen, zu der uns dieWege nach Weimar" den rechten Weg weisen.

In den bisher erschienenen Kesten hat mir Lienhard viel wert­volle Anregung gegeben, und gern werde ich ihm auf seinen Wegen nach Weimar auch fernerhin folgen. Nur sollte cr in seiner Ein­samkeit nicht vergessen, daß auch ihm die harte Wirklichkeit ernste, heilige Pflichten auferlegt. Ost scheint cr sich von diesem guten Kampsboden der Wirklichkeit etwas zu weit zu entfernen. Ma» entbehrt in seinen Monatsblättern den harten, männlichen Stahl nur an einigen Stellen wie imHeldenpaar auf dem Remi- stieg" leuchtet er ans, der uns in seinen früheren Werken wiederholt mit elementarer Gewalt fortgerisscn hat. ,Diesen Stahl wird Lienhard in der Glut der Wirklichkeit wieder schmieden und zu der feelenvvllen Wärme hinzunehmen müssen, wenn seine Monatsblätter eine wahrhaft bezwingende Wirkung-ansüben sollen. Ich wollte, daß in Lienhard der alte Manneszorn, ober auch der ehrliche deutsche Haß von neuem geweckt, würde, mit den» wir in unserer anschauungslüsternen Zeit vieles ganz allein überwinden. Den harten, männlichen Stahl wird Lienhard wieder schmieden, wenn er zu den geistigen Kämpfen der Gegenwart in ein innigeres, herzlicheres Verhältnis treten wird, denn der Er­kenntnis sollte er sich nicht entziehen, daß in unserer Zeit neben allem kleinlichen, niederdrückeuden Gezänks auch große, wahrhaft erhebende Kämpfe ausgefochten werden. Diese Kämpfe verlangen eindringlich nach großen Persönlichkeiten, vor allem fordert der gegenwärtige Kampf um eine nationale Weltanschau­ung bas Eintreten ganzer Männer. Es sollte mich daher freuen, wenn Lienhard die neu erwachte Nationalität mit seinen großi- zügigen Anschauungen nachdrücklicher befruchten wollte. Der heimlicke Segen, der seinen Monatsblättern entströmt, tvürde ganz zweifellos von noch nachhaltigerer Wirkung sein, wenn er seine eigene Persönlichkeit noch kräftiger Herausstellen, wenn ev die christliche Zartheit und Innerlichkeit mit der elementaren deutschen Kraft verbinden wollte. Well ich dieses zu erkennen glaube, deshalb fühle ich mich aus der Freude an seinem Schaffen heraus zn der ernsten, eindringlichen Mahnung gedrungen: Lienhard werde hart.

Cm Abenteuer der Zariu.

Der jungen Zarin ist jüngst im Park von Zarskoje Selo ein Abenteuer passiert. Der große Park ist für das Publikum last voll­ständig geöffnet. Nur ein kleiner Teil wird als direkt zum kaiser­lichen Schloß gehörig betrachtet und ist iür jeden Fremden ge­schlossen. Vor einigen Tagen mm machte ein Artillerie- leutnant, der sich in Zarskoje für die Kriegsschule vorbereitet, einen Spazierritt im Volkspark. Die mit Schnee bedeckten breiten Wege tagen- einsam da. Plötzlich bemerkte der Ossizier in der Sache des kaiserlichen Privatparkes einen offenen Landauer; »eben dem Kutscher, der den Wagen lenkt, saß kein Mensch, nnd im Wagen saß nur eine schlicht gekleidete Dame. Der junge Leutnant, der erst seit kurzem in Zarskoje weilte, hatte den Zaren und die Zarin noch nicht gesehen. Wenn ihm ein Zweifel aufgestiegen, wäre, Halle er ihn zilrückgeiviefeu, beim die Möglichkeit, daß in diesen Zeiten die Bärin ohne jede Begleitung in einem öffentlichen Park spazieren fahre, kam ihm nicht in den Sinn. Kurz, der Opizler glaubte altes andere eher, als daß die Dame die Kaperm wäre; find da die Danie jung und hübsch anssah, begann er ihr den Hof zu maeheii natürlich nur diskret: nut Bticken ohne Worte. Die Zarin ronr natürlich höchst überrascht. Der Mfijier ritt immer neben dem Wageii her, ohne auf die Abmehrzeichen des Kntfchers zu achte!:; der Rosselenker sah ihn bittend und ängst­lich an, mehr aber ivagie er z>ir Klärung der öituatwn nicht zu tun. Das dauerte fo lange, als die Spazierfahrt der Kaiserin dauerte. Der Kutscher ivar froh, als die Zarin ihn umkegren lieg. In beschleunigtem Tempo fuhr er zurück, und als er zu der Mauer kam, die den 'Privatpart von dem öffentlichen Park fremd, rief er dem Posten zu, daß er rafch die Torflügel offnen möge. Der Posten tat es und präfentierle dann das Gewehr. Der Ostizier aber ritt ruhig mit hinein und folgte dem kaiserlichen Wagen. Als