Ausgabe 
6.4.1906
 
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ivtnztgen vergoldeten Stühlchen zwischeil die beidenUn­zertrennlichen", wie er Suse und Bittner ingrimmig nannte.

Frechheit, Tein Raine ist Trautendorf!" staunte der so plötzlich Verdrängte, nicht gerade liebenswürdig drcin- sehend. Verlegen rückte Suse ein wenig beiseite. Ihre Blanaugen konnten den Jubel nicht zurückdämmen, der aus ihnen ans Licht drängte. Trautendorf verstand gut iu Frauenaugen zu lesen, er konnte nicht int Zweifel sein, daß sie Freude empfand über seineFrechheit", ititb das Be­wußtsein liest auch seine Blicke nnsflaimneu. Sie sahen sich an einen Herzschlag lang. Eine ungeahnte Glück- felrgkeit durchfchauerte sie' beide.

Sie waren sehr nuaufmerksant beim Spiel, obgleich sie wenig miteinander sprachen.

Suse träumte zuweilen vor sich hiik und Trautendorf ueckte sich in ausgelassenster Laune mit bcn anderen jungen Mädchen.

Beint Auslösen der Pfänder machte er sich wie stets unnütz. Er wußte alle möglichen Knuststückchen, welche die armen Pfandbesitzer, die den Kniff dabei nicht kannten, in die lächerlichsten Situationen brachten und verstand es dabei geschickt, Suse Meridies aus der Klemme zu helfen, wenn das Los sie als Opfer ausersah. Zum Schluß er hatte gut aufgepastt und wußte, daß art Suses Hund der schmale Goldreif mit dern Bergißmeinnicht aus Türkisen noch fehlte schlug er vor:

Wem dieses Pfand gehört, der soll mir einen Kuß geben."

Tie Herrerr entrüstetcrt sich in dem Gedanken, daß es eine Dame seirt könnte und protestierten lebhaft, die schöne Haustochter uteinte hochmütig:Warum gerade Ihnen?" und die Mädchen kicherten, iut stillen bedauernd, daß ihre Pfänder schon ausgelost waren.

Srise allein saß wie auf Kohlen, die leere Stelle an ihrem Ringfinger brannte sie förmlich.

Während die Gesellschaft sich lachend über die Zulässig­keit dieser Pfandauslösung stritt, flüsterte Trautendorf, sich zu dem rosigen Mädchenohr neben sich neigend:

Wenn das Pfand Ihnen gehörte, mein gnädiges Fräulein, würden Sie mir den Kuß geben?"

Sie waffnete sich mit übermütiger Keckheit.

.Warum soll gerade ich für meine Unachtsamkeit beint Spiel so hart bestraft werden?" fragte sie, einen gut ge» spielten Borwurfstou in ihre Worte legend.

Er knickte zusammen wie ein Taschenmesser, daß sie wirklich erschrak, so geschickt machte er's, und dann jam­merte er ganz laut aus:

Jesses na, sein's barmherzig, ich bin ein geschlagner Manu. Kester, ich nehme meinen Vorschlag zurück, für ein Strafgericht, wie Fräulein Meridies das aufsaßt, sind mir meine Küsse gu schade."

lind dann ließ er die Arme schlaff Mrabsinken, legte den Kopf zur Seite und saß da, wie ein zu Tode getroffener! Mensch.

Man lachte sehr über ihn und klatschte der erröteten Suse lebhaft Beifall, der sich noch steigerte, da wirklich als letztes Pfand ihr Ring zum Vorschein kam. Man hatte ihr eine, sehr milde Aufgabe gestellt. Sie mußte ein kleines Gedicht aufsagen, und da sie vor nicht zu langer Zeit noch die Schulbank gedrückt hatte, sprach sie auch ohne Ziererei mit der ganzen leidenschaftlichen Auffassung, die dazu nötig, die erschütternden Worte des GedichtesDie Trompete von Gravelotte."

In der fast durchweg militärischen Gesellschaft erntete sie damit reichen Beifall.

Als sie ihren Platz neben Trautendorf ivicder einge­nommen hatte, drehte dieser den kleinen Türkisenring, den er, Suse zuvorkommend, Leutnant Kester abgenommen, spielend zwischen den Fingern. Das junge Mädchen sahs und streckte ihm die geöffnete Hand hin:

Meinen Ning, bitte."

Aber er legte ihn nicht hinein, er probierte ihn an seine Finger, pachte und meinte:

Was müssen Sie für ein Kinderhändchen haben. Zeigen Sies mal näher. Ja, kann denn das überhaupt etwas fest­halten im Leben?"

o....® k°cE) I" sie nickte so energisch, daß die goldblonden Löckchen um ihre weiße Kinderstirn webten,ic6 werde es

schon können. Aber erst muß ich etwas haben. Warten werde ich sicher nicht mit den Händen im Schoß, bis das Glück mir seine Blüten freiwillig hinwirft, ich ivcrde ihm nachlaufen und mit beiden Händen zugreifen und festhaltcn, oh, so fest"

Zwischen den roten, vollen Lippen blitzten ihre iveißen Zähnchen, von einem Lächeln übermütigster Zuversicht ent­hüllt. Dieses Lächeln zauberte eine kühne Glückshoffnung auch in sein Herz. Am liebsten hätte er ihr sofort die Hand hingestreckt und freudig gesagt:

Hier, halte sie fest und mit ihr Dein und mein Lebcns- glück"

Aber er fühlte doch, daß, selbst wenn die Anwesenheit der klebrigen ihn nicht daran verhindert hätte, es noch nicht an der Zeit war, solch entscheidende Worte zu sprechen. Es war ihm ja selbst noch so seltsam und neu, daß er im Ernst daran dachte, sich dieses kleine Mädchen, um das er sich vor einer Stunde noch nicht gekümmert hatte, fürs ganze Leben zu gewinnen, er, der Allerweltscourmacher, der bis dahin jeder Fessel gespottet hatte. Vielleicht täuschte er sich noch in seinem eigenen Empfinden. Daher begnügte er sich, dem jungen Mädchen ein scherzendes:Recht so, gnädiges Fräu­lein, immer fest zugreifen!" zu erwidern und beide ivandtem ihre Aufmerksamkeit dem allgemeinen Gespräch zu, mit dem die Gesellschaft, im Begriff anfzubrechen, für den nächsten Tag ein Zusammentreffen auf dem Eise verabredete.

Suse, die noch nicht dort gewesen war, da ihre Zeit durch die nötigen Besuche völlig beansprucht tvordcn war, hoffte, sich dieses Mal auch einsinden zu können.

Es muß sich wundervoll hier laufen!" sagte sie strahlenden Auges zu Bittner, der sich hartnäckig an ihrer Seite hielt, während Trautendorf an die schöne brünette Haustochter hcrangetreten war, vielleicht um sie zum Ab­schied zu versöhnen,ich bin neulich mit meiner Cousine ein­mal vorbeigegangen und das Herz tat mir ordentlich weh, daß ich keine Schlittschuhe an den Füßen hatte. In L. kommen wir nie zu einer anständigen Bahn und es ist ein Wunder, daß ich mir dort nicht schon Hals und Beine ge­brochen habe. Also auf morgen! Sie kommen doch auch, Herr Leutnant?"

Ich komme!"

Es klang so ernst, fast wie ein Schwur, und in den kleinen, viel zu hellblauen Augen, die sich auf Suses un­befangenes Gesicht hefteten, lag eine ehrliche, warme Zärt­lichkeit.

Das Mädchen verstand, was den Mann vor ihr bewegte und ihr eitles kleines Herz klopfte höher im Rausche des Triumphes. Ein herziges Lächeln begleitete den Händedruck, den sie beim Auseinandergehen mit dem jungen Offizier tauschte. Es war die halb unbeiöußte Koketterie der Frau, die eine Huldigung nicht abweisen mag, weil sie ihrer Eitel­keit schmeichelt, ohne ihr Herz zu berühren. Daß sie Un­recht damit tut, darüber wird sie sich erst klar, wenn der arme Betrogene sein vermeintliches Recht von ihr fordert und sie beschämt gestehen muß, daß sie ihm Gegenliebe nur geheuchelt hat.

Suse Meridies wäre erstaunt gewesen, hätte sie geahnt, welche Hoffnungen ihr Abschiedslächeln in einem jungen, ehrlichen Herzen geweckt hatte. Sie dachte schon nicht mehr an Bittner, als ein paar dunkle, feurige Münneraugen sich tief in die ihren senkten und eine weiche liebkosende Stimme flüsterte:

Ich bin trostlos, morgen nicht mit von der Partie sein zu können, ich habe Dienst, kann unmöglich fort" dann ein kurzer und doch so beredter Händedruck und sie schritt allein, wie von süßem Wein betäubt, neben ihren Verwandten durch die im bleichen Mondlicht schwimmenden, verschneiten Straßen.

Er liebte sie! Das allein klang deutlich wie himmlische Musik in ihre wirren Gedanken. Und wenn er mich auch nicht heiratet, spann ihr Sehnen sich weiter, wenn er mich nur eine, kurze Svanne Zeit liebt, lind die Strophe eines