Ausgabe 
6.4.1906
 
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1906

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Mittellose Mädchen.

Roman von H. E h r Hard t.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) .

So entzückend hatte er Suse Mevidies ja gar nicht mehr in Gedanken gehabt, wie sie dort neben Leutnant Bittner saß, Boll übermütiger Laune hatte die jüngste Jugend am unteren Ende des Tische sich mit den Blumen der Tafeldekoration geschmückt. In das Gold Von Suses lose um den zierlichen Kopf gelegten Flechten schmiegten sich blutrote Nelken, zartblättrige Farren und ein gleicher Strauß glühte an dem kleinen Ausschnitt ihres schlichten, hellblauen Wollkleidchens. Ihre Wangen brannten, die strahlenden Blauangeii, die blühenden Lippen lachten. Ihre Erscheinnng wirkte wie ein Sommertag Voll Glut und Farben. Konnte man es ihrem Tischnachbarn verdenken, daß er nur Augen und Ohren für das lebensprühende, reizende Geschöpfchen neben sich hatte? Förmlich verklärt sah sein häßliches, sommersprossiges Gesicht aus. Auch Suse Me- ridies schien sich an ihrem Platze sehr wohl zu fühlen. So scharf auch Trautendorf aufpaßte, sie warf keinen Blick zu ihm hinüber. Er begann immer beharrlicher, ihr süßes Gesicht zu suchen. Schließlich geriet er in eine förmlich gereizte Stimmung und seine Unterhaltung bekam etwas so gezwungenes, daß seine Tischdame sich endlich be» leidigt ihrem anderen Nachbarn zuwandte, einem ältlichen Regierungsrat, der, wie man munkelte, ihrem Vater eilt weit willkommenerer Schwiegersohn sein würde, als der mittellose Leutnant.

Trautendorf, der nun ungestört seine Beobachtungen fortsetzen konnte, wurde von einem förmlich wütenden Trotz gepackt, daß er für das kleine Mädchen dort unten nicht zu existieren schien. Indem er laut Bittners Namen rief, hob er sein Glas dem Freunde entgegen. Mit diesem zu­gleich sah nun auch Suse auf. Ihre Augen tauchten in­einander.

Ein glückliches Strählen lag in dem Aufblick der ihren. So wie ein junges Wesen nur blicken kann, wenn das große Mysterinm der Liebe in ihr- Herz eingedrungeu ist. Warum engte sich ihm die Brust zusammen bei dem Ge­danke!!, daß nicht er es sein durfte, der ihr des Daseins höchste Wonne erschließen würde?

War's nur die verletzte Eitelkeit des Sieggewohnten? Oder war es ehrlicher Neid auf den anderen?

Nach Tisch trat er ganz plötzlich auf Suse Meridies zu.

Darf ich Sie für den Ball Samstag um den Tifch- walzer und die erste Quadrille bitten?"

Wieder war der glückliche Ausdruck, gemischt mit einer Art ungläubigen Staunens, in ihrem erglühenden Gesicht.

Oh, gern, sehr gern!" stammelte sie verwirrt, von einem rasenden Herzklopfen befallen, das die unerwartete Bevorzugung des bewunderten Offiziers ihr verursachte, Er neigte seine hohe, schlanke Gestalt zu ihr nieder.

, Sehr gern?" wiederholte er fragend, sich in die Reize ihrer holden Erscheinung immer tiefer verstrickend,ist das lauterste Wahrheit?" .

Sie hatte sich schon ein wenig gefaßt.

Sie scheinen gar nicht eitel zu sein, da Sie an meiner Freude, mit Ihnen tanzen zu können, zweifeln", gab sw schlagfertig zurück und setzte naiv aufrichtig hinzu:aber es ist wahr, ich werde sehr gern mit Ihnen tanzen.'

Aber so gern wie mit Leutnant Bittner doch gewiß nicht?"

Schon schwebte ihr eine lebhafte Versicherung desGegeu- teils auf der Zunge, da regte sich die schlaue Evastochter in ihr, die den Kampf der bedingungslosen Hingabe vorzog.

Den kenne ich dafür auch schon viel besser, als Sie, Herr Oberleutnant", ivich sie geschickt aus. Ihr halbes Zu- geben, das vielsagende Lächeln dabei stachelten seine Eitel- kett auf. r

Bis Samstag habe ich noch vier Tage Zeit, lange genug, um mich Ihnen völlig zu erkennen zu geben. Viel­leicht tanzen Sie dann doch noch lieber mit mir, ich Will ja versuchen, mich Ihnen von meiner günstigsten Seite zu

" Ihre Augenlider hatten sich gesenkt und um die Mund-, winkel legte sich ein trotziger Zug.

Warum taten Sie's nicht eher?" fragte |te kühl, sich mit aller Macht gegen eine sie jäh überstürzende Hoffnung, wehrend. Sie war nun lauge genug in N., um zu wissen,, wie wenig Bedeutung man einer Huldigung von seitM Trautendorfs beilegen durfte. Und doch konnte fie nicht hindern, daß ihr Herz in Wdiiue zitterte, als er nut halb­lauter Stimme sagte: ,

Ich wüßte nicht, welch Versäumnis ich tu meinem Leben aufrichtiger bedauerte, nicht was ich darum gäbe, es noch einmal' gut machen zil können."

Sie wurde so verlegen, daß sie vergebens nach einer Antwort suchte, und es war wirklich ein erleichtertes Auf­atmen, mit dem sie das Erscheinen des langen, rotblonden- Offiziers begrüßte, der mit einem sehr vergnügten Lächeln,, den Freund auf die Schulter.klopfend, meldete:

Die Kommaudeuse befiehlt, Trautendorf." , Verwünschter Sklavendienst!" murmelte der, die -stor- ung durch die hübsche blonde Frau zum erstenmal ver­wünschend und empört über den Freudenschein, der bet Bittners Auftauchen das süße Gesicht Safes übcrsonnt hatte. Er klappte die Hacken zusammeii. _

Sie sehen, mein gnädiges Fräulein, die Ausführung meiner guten Vorsätze wird mir mif höheren Befehl hin gleich von Anfang an erschwert. Nun, Sie werden mich ja nicht vermissen."

Und fort war er. , c .. r

Später, als die Jugend in dem mit verschwenderischem Luxus ausgestatteten Boudoir der schönen Elfriede kind­liche Pfänderspiele arrangierte, tauchte er wieder auf und - zwängte sich mit der ihm eigenen Unverfrorenheit auf einem