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Wie kam Priestap auf die Idee des Theaterbaus? . . . . I Hammer setzte sich auf den frei gewordenen Stuhl und strich sich über die Stirn. Tie schwüle, heiße Luft mit ihrem Keilchcnparsüm war form lief) bedrückend. Auch der helle Frühlingsschnnmer verblich: es mußten Wolken über die Sonne ziehen. Es wurde aus einmal dämmrig im Zimmer. Ter Stuhl Hammers, ein schwerer Fauteuil mit Gobelin- Überzug, stand mitten in einem Wirrwar von Papieren, dem riesigen Himmelbett gegenüber, oas sich auf einem Podest erhob: einem Prachtstück slorentinischen Kunstgewerbes, mit gedrehten Ebenholzsäulen und girlandenschlingenden Putten. Auch aus den seidenen Pluineaux lagen aufgeschlagene Mappen und verstreute Kartons, auf denen Hammer zu seinem Erstaunen architektonische Zeichnungen erkannte...
Priestap hatte sich auf einen zweiten Stuhl niedergelassen. Hinter ihm stand Imhoff in der Theaterpose eines diensttuenden Kammerherrn.
Priestap zupfte an seinem Taschentuche; er schien nach Worten, nach einer geeigneten erklärenden Einleitung zu suchen.
„Herr Baumeister", begann er schließlich nach urehr- fachem Räuspern, „ich muß — muß eine kurze Erläuterung voraus schicken. Madame Perett. hat ein Testament hinterlassen. Ich bin der Vollstrecker. Das Testament ist allerdings so gefaßt, daß es gewissermaßen nur Wünsche ausspricht; aber ich habe die Absicht, diese Wünsche zu respektieren. Wenigstens nach Möglichkeit... Es war nun immer eine Lieblingsidee der Signora Peretti, ein neues Opernhaus zu schaffen. Dabei sprach Persönliches mit, aber doch auch ein starkes künstlerisches Interesse, wie benn überhaupt diese — diese seltene Frau eine große Künstlerseele besaß ... Ja, wirklich — sie war eine jeltene Frau..."
Tas zweifelnde Lächeln auf dem Gesicht Haminers erstarb, als er deir tiefen und wehmütigen Ernst in den Zügen Priestaps sah. Wenn der junge Mensch den Namen der Verstorbenen erwähnte, war es, als spreche er von etwas Heiligein. Tann wurden die grauen Augen ausdrucksvoller uiid füllten sich mit Trauer, und der fenfiMe Mund znckte wie in verhaltenem Schmerze.
„Herr Baumeister", fuhr er fort, „ich muß erwähiren, daß Rosalba zu allen ihren sonstigen Talenten auch noch eine gewisse zeichnerische Begabung besaß. Es hat ihr Freude gemacht, eine Reihe von Skizzen zu dem projektierten Bau eigenhändig zu entwerfen. Ta — sehen Sie. . ."
Er nahm eine Anzahl Kartonblätter vom Bett und zeigte sie Spammer. „Tas ist die gedachte Frontansicht — natürlich -ohne Maße und nur flüchtig yingeworfen — das das Vestibül — das soll das Foyer sein: mit freien Balkons nach der Straße zu — ähnlich rote bei der Pariser Oper..." Urban rückte seinen Stuhl so, daß das Licht voller aus die Blätter siel. Tie Zeichnungen waren dilettantisch, aber trotzdem talentvoll. Er nickte. Der große Portalban war sogar recht geschickt entworfen.
„Tie Inschrift in der Banderolle über dem Portal", sagte er und führte das Blatt näher vor die Augen, „scheint mir nicht recht für ein Opernhaus geeignet. „Dem Wahren, Schönen, Edlen" ist an sich nett, wenn man schon eine Inschrift will. Aber es paßt mehr für ein Schauspielhaus. Im übrigen bin ich ein Gegner derartiger Hinweise; die Inschrift kann leicht lächerlich wirken, wenn nicht alles, was sich hinter ihr abspielt, wirklich wahr, edel und schön ist. . ."
„Richtig", sagte Imhofs und veränderte seine Pose. „Wer kann wissen, wie sich alles entwickelt! . . ."
Etwas heftig legte der junge Priestap das Blatt auf das Bett zurück. „Meine Herren", erwiderte er rasch, „wenn ich voraussehen könnte, daß die neue Bühne sich nicht auf der gedachten idealen Basis zu entwickeln imstande wäre — daun würde ich mich um das Unternehmen überhaupt nicht kümmern. . . Herr Baumeister, es ist selbstverständlich, daß der ausführende Architekt sich in keiner Weise an diese Zeichnungen zu halten braucht. Ich will nur, daß die Inschrift über das Portal kommt. Es war dies ein besonderer Wunsch Rvsalbas. Sie sagen, sie eigne sich besser für ein Schauspielhaus als für einen Opernbau. Nun also: Rosalba hatte die Idee, beides zu vereinigen. Das Theater sollte für Oper und Schauspiel eingerichtet werden."
„Ausgezeichnet!" rief Imhoff. „Vielleicht eine Toppel- bühne. Meines Erachtens eins glänzende Idee."
„Wenigstens eine diskutierbare", fügte Hammer hinzu. Er starrte in einen Winkel des Zimmers. Tausend Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Und langsam sprach er weiter r „Jaaa — zweifellos — die Idee ist nicht übel. Die Ides ist gut. Aber keine $0^61611^6; das ist Unsinn. Jede Bühne läßt sich durch zweckmäßige Kulissenstellung ver- kleinern. Man könnte beim Bau von vornherein daraus Rücksicht nehmen und eine Berichiebung des Proszeniums möglich machen. Das geht. Säe» unfern technischen Hilfsmitteln geht alles. Nicht nur das innere Bühnenbild: dis ganze Bühne muh sich verkleinern lassen. Tas mach' ich . . . Und noch mehr" — er sprach jetzt schneller und mit erhobener Stimme — „noch mehr, meine Herren: wir werden auch den Zuschauerraum verkleinern, wenn wir intimere Wirkungen haben wollen. Für die große Oper ein mächtiger, Raum mit wundervoller Akustik — für das Konversationsstück nur einen Rang über dem Parkett. Ta schließt ein] mächtiges Velarinm die oberen Rangreihen ab— hermetisch. Tas mach' ich alles" ... Er sprang plötzlich auf; er wurde erregt. Seine Wangen röteten sich, und seine Augen glänzten. „Meine Herren, das soll ein Bau werden, wie er noch nicht da war! Ein Tempel der Kunst im vornehmsten! Sinne. Ich seh' ihn schon vor mir. Etwas Neues — aus frei schöpferischem Kun flwollen heraus — ohne Anlehnung an das Althergebrachte — schlicht und doch groß.: Ganz schlicht; edel und fmön, wie es auf dem Spruchj- band steht. Die Front einfach gegliedert: ein Säulenbau, nur in den Gesimsornamenten reich — keine geometrischen Konfigurationen, kein bedeutungsloses Füllsel — überall! Symbolik, dekorative Figuren, üppig variierter Flächenschmuck. Und kein Schönheitsbau allein um der Schönheit willen. Er soll auch der Praxis dienen. Ein Mustertheater soll das werden. . . ach, meine Herren, ich wollte, ich könnte mich da einmal ausleben in Marmor und Sandstein! Ich Ivollte, es würde nicht mit den Mitteln geknausert rote bei den Berndals. Es gibt immer noch Leute, die von einem großen monumentalen Zug in der Architektur Schinkels reden. Ich will darüber nicht streiten; aber! wem die Mittel so reichlich flössen wie Schinkel, der hätte an Stelle unseres Schauspielhauses etwas Monumentaleres hinstellen können. Zu- Anfang des Jahrhunderts hatten! wir nicht so viel Geld wie heute; aber da knappste der Staat trotzdem weniger als im Reichsparlament und int Landtag. Und was ist die Folge? Stuck für Marmor und überall Surrogate an Stelle edlen Materials. Es ist ein! Skandal . . . .Herr von Priestap, ich will mit tausend Freuden den Theaterban übernehmen — aber man darf mich nicht beschränken — nicht allzusehr — ich muß von vornherein wissen, daß es auf lumpige Hunderttausend mehr oder weniger nicht ankommt. . ."
Imhoff nickte nur noch. Er hielt es für angemessen, in diesen Fragen den Zuhörer zu spielen. Was bei der Angelegenheit für ihn abfallen sollte, wußte er. Alles andere ging ihn schließlich nichts an.
Priestap hatte, währeno Hammer sprach, nervös ein Blättchen Papier zwischen den Fingern zerknittert. Er, lächelte wieder etwas verlegen, als er entgegnete:
„Herr Baumeister, ich bin Laie in allen Geldfragen, Tie Peretti hat eine Million für den Theaterbau bestimmt; diese Million steht zur Verfügung."
„Eine glatte Million?" fragte Hammer.
„Ja, Herr Baumeister."
„Famos. Tie erste Million ist die Hauptsache. Das ist der Fonds im Sammelbecken. Tas ist der goldens Köder" . . . Hammer wurde immer lebhafter. Er sah jetzt; die Sache wurde Ernst. Ein Luftschloß verwirklichte sich., Er schritt mit hochgezogeuen Beinen zwischen den über dis Teppiche verstreuteii Papieren aus und ab, blieb plötzlich stehen, zog seinen Paletot aus und erklärte, ihn über den nächsten Stuhl werfend: „Mir wird warm. Ich habe Feuep gefangen, Herr von Priestap . . . Also stellen wir die Grundzüge fest. Ein großer Theaterbau für Oper und Schanz spiel. Eine Million haben wir an erster Stelle —"
„Wir haben mehr", fiel Priestap ein, während Imhoff geheimnisvoll lächelte, als überschaue er die gauzs Situation. „Wir haben auch bereits einen Teil des Bau- terrains."
„Wo?" fragte Hammer und knöpfte nun auch feinen Rock auf.
„Unter den Linden, Herr Baumeister."
Urban fuhr zurück. Etwas wie Mißtrauen blitzte in.


