Ausgabe 
6.1.1906
 
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1906.

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Samstag den 6. Januar

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Asyl Wahren, Edlen, Schönen.

Ein Moßstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

2.

In dein ehemaligen Schlafgemach der Sängerin waren die Stores vor den Fenstern zurückgezogen. Die Helle Frühlmgssouuc lachte in diesen Wunderranm hinein, durch dessen schwere Luft noch immer ein leiser Hauch von Parmaveilchen wellte. In dem Kamin aus schwarzem Marmor flackerte ein lustiges Feuer. Es war fast heiß im Zimmer, und trotzdem trug der junge Mann, der vor dem Kamin auf dem Teppich kauerte, einen dicht zugeknöpften Pelz mit samtschwarz schimmerndem Seal­kragen.

Der junge Mann machte noch den Eindruck eines halben Kindes, obwohl auf seiner Oberlippe bereits ein dunkler Flaum schimmerte. Dos Gesicht war zart und fein und in der Zeichnung des Profils von eigentümlich reiner Schönheit, besonders in der Wölbung der Stirn und dem Uebergang zu der geraden Nase, im Schwung der Lippen und dem Schnitt der sanft ovalen kleinen Obren. Es war ein bildhübscher Jüngling, ein AdoniS und Hylas zugleich; mit tiefen grauen Augen, deren Pupille wie goldig punktiert erschien, von dunklen, edel geschwungenen Brauen überwölbt und mit langen seidenen Wimpern mit einem Mund von frischer Blutfarbe und blanken Zähnen und einem zarten Bronzeton des Teints.

Aber er sah elend aus. Die Wangen waren blaß und hager und die Augen umschattet. Das schlicht gescheitelte schwarzbranne Haar siel ihm wirre in die Stirn. Er fröstelte vor dem offenen Feuer.

Ms Hammer eintrat, erhob sich Pciestap. Er war von Mappen und Papieren und Bündel von Briefschaften um­geben, die er mm mit rascher Handbewegung zur Seite schob. Er verneigte sich ein wenig linkisch und unter hellem Er­röten, während Imhoff die Vorstellung übernahm:

Herr Baumeister Hammer Herr Baron von Priestap . .*

Es war Hammer neu, daß Priestap den Freiherrntitel fiihrte; aber er äußerte seine Befremdung nicht und redete den jungen Mann auch so an, wie er ihm vorgestellt worden war.

Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Herr Baron ..."

Ja--ich glaube ich entsinne mich, Herr Bau­

meister . . . war es nicht hier un Hause?"

Doch nicht. Bei Geheimrat Meyer bei Gelegenhel eines Herrendiners mit Konsul Werner, Herrn von Seebeii, Rafaeli und andern . . . Herr Imhoff war auch dabei"

Richtig! Natürlich jetzt erinnere ich mich genau. . . . Ich bin etwas nervös, Herr Baumeister Sie müssen entschuldigen . . ." Er sagte dies mit einer weichen Hilf­losigkeit, und plötzlich standen seine Augen voll Wasser. Da war cs wieder, als schäme er sich ; er wandte sich rasch um und zog sein Taschentuch.

Diesen Moment benützte Imhoff. Er trat an die Seite PriestapS, die Hände mit dem zufammengedrückten Kalabreser auf dem Rücken verschränkt, und flüsterte:

Herr Baron pardon. Ich habe Baumeister Hammer absichtlich zu Ihnen geführt. Sie wissen: wir sprachen neu­lich darüber. Henkel ist ausgeschlossen. Urban Hammer ist der einzige, der in Frage kommen könnte . . ,"

Priestap nickte lebhaft, tupfte mit dem Taschentuch über seine Augen und wandte sich dann an Hammer zurück. Er tat noch immer ein wenig ungelenk, lächelte verlegen, sprach aber rascher und freier.

Ja, Herr Baumeister", sagte er,Sie sind der einzige, der in Frage kommen könnte . . . Ich habe ein großes Unternehmen vor oder vielmehr, möchte die Anregung dazu geben und einen Teil der Mittel. Es handelt sich um einen Theaterbau . . . Imhoff, bitte wcrfew Sie die Mappen von dem Stuhl . . . nehmen Sie Platz, Herr Bau­meister . . . man ist hier so bedrängt mülle fois pardon, Herr Baumeister, aber ich bin soeben dabei, die Papiere der Signora Peretti in Ordnung zu bringen"

Und nun stockte er wieder, und abermals wurden seine Singen feucht.Sic hat mir sehr nahe gestanden", stammelte er,ich . . . ich hab' sie sehr lieb gehabt . . .*

Hammer wußte nicht recht, !vas er sagen sollte.. Die ganze Situation berührte ihn vorläufig ziemlich peinlich. Man hatte ihm gelegentlich dies und jenes von dem jungen Priestap erzählt: er sei der Sohn eines ungeheuer reichen Newyorker Margarinehändlers, sei auf allen Rennen zu finden, halte sich auch selber einen Rennstall, streue das Gold mit vollen Händen umher und gelte als der bevor­zugte Geliebte der Rosalba. Tas war es, was Hammer wußte. Er hatte für solches Drohnenleben wenig Berständ- nis, obschon ihm ebenfalls das rote Gold stets ziemlich locker in den Taschen saß.

Vor allen Dingen aber überschaute er die Sachlage noch nicht. Priestap sollte der Erbe seiner Geliebten sein. Gut; derlei kommt vor in der Komödie des Lebens, wenn cs ihm auch zweifelhaft erschien, daß die Peretti, die von einem unerwarteten und raschen Tode dahingerafft worden, mitten im blühenden .Leben testiert haben sollte. xAber