glaubt, sie würde sich turinhoch in beleidigtem Stolze über ihn erheben. Er hatte einen Entrüstungs-, einen Wutausbruch erwartet, und da lag sie nun, und krümmte sich zu seinen Füßen.
Er sah Marian an, sie ihn, und die beiden, die die niedergesunkene Fran da am Boden so zärtlich liebten und alles für sie getan Hütten, waren in diesem Augenblicke vollständig rat- und hilflos.
»Marian", begann Lord Wayne endlich, »kannst du mir dies erklären?"
Aber auch sie wandle sich bei seinen Worten ab und schauderte.
„Mortimer", sprach jetzt eine leise, klagende Stimme zu seinen Füßen, „ich — ich bin nicht schuldig. Meine Hände sind rein voni Blute, rein von Mord, wie deine eigenen. Ich bin unschuldig, aber — an dem Abend, wo er zu Tode kam, war ich dort am Türchen bei ihm".
„Du, Evelyn — bei ih m?"
„Jawohl", versetzte sie verzweiflnngsvoll, „an jenem Abende, wo du vielleicht glaubtest, ich schliefe, stahl ich mich aus dem Hause und traf ihn am eisernen Türchen, am Ende der Lindenallee".
„Ich kann's nicht glauben!" rief Lord Wayne. „Du, mein Weib — einen fremden jungen Menschen treffenk Evelyn, du bist von Sinnen, du träumst!"
„Nein, nein, keins von beiden".
„Evelyn hat mit keinem Wort die Unwahrheit gesagt, sie träumt nicht", sagte Miß West trübe, „glaub' mir, Mortimer."
„Ich — ich bin hingegangen, um ihn zu treffen, Mortimer, er verlangte mich zu sprechen, und schrieb mir, ich solle kommen. Ich dachte mir nichts BöscS dabei. Ich hatte keinen Gedanken an Mord oder an Tod. Ich sprach mit ihm, und ich erinnere mich auch, das Armband an meinem Arme gesehen zu haben, als ich dort stand."
„Weiter", sagte Lord Wayne, „nm's Himmelswillen, Verheimliche mir nichts, Evelyn."
„Ich weiß nicht, wie lange ich dort gewesen, denn die Zeit verging wie ein schrecklicher Traum, und ich sprach gerade von jemandem, der mir lieb und teuer ist, als durch die stille, sternklare Nacht der fötal! eines in meiner Nähe abgefeuerteu Schusses drang. Ehe ich noch Zeit hatte, Mich umzudrehen, oder einen Hilferuf auszustoßen, schiert mich das warme Blut schon zu überrieseln, und er siel tot gegen mich! Wenn ich wieder an diesen Augenblick in seinem ganzen Grattsen und Entsetzen denke, — ist es mir gerade, als ob auch ich stürbe!"
„Und dann?" forschte Lord Wayne angstvoll.
„Dann", fuhr sie fort, „kniete ich neben ihm nieder Und hob seinen Kopf in die Höhe. Ich sah an seinem Gesichte, was vorgefallen, er war da bereits tot."
„Und du hast nichts gehört? Hast keinen Anhaltspunkt? Hast niemanden gesehen?"
„Nein", erwiderte sie. „Ehe der Schuh fiel, stand ich da in Schrecken und Entsetzen über das, was er sagte, nachher dachte ich an nichts mehr."
' „Das Armband ist dir dann vorn Arni gefallen?"
„Ich glaube wohl", erwiderte sie mit verzweifelter Ruhe; „ich erinnere mich nicht, ich bemerkte es nicht, ich habe es nicht vermißt. Als ich sah, daß er tot war, bin ich, glaube ich, vor Angst uitd Entsetzen ganz von Sinnen gekommen. Ich weiß noch, daß ich durch bte Lindenallee lief, ich weiß auch noch, daß ich nach heißem Wasser geklingelt habe, um mir oie fürchterlichen Fleckeit von beit Händen zu waschen. Mortimer, ich habe keinen Augenblick daran gedacht, daß alles dieses als Beweis gegen mich sich erheben könnte, ich, hatte nur solches Grausen vor diesen Flecken."
„Meine arme Evelyn", sagte er sanft, „es ist sürchter- Dlch I"
,/D, ich war sicher von Sinnen", fuhr sie leise fort, „die ganze lange Nacht hindurch war ein einziges Grausen, der einzige klare Gedanke, den ich hatte, war der, daß diese furchtbaren Flecken von meinen Händen müßten. Mehr rann ich dir nicht sagen, Mortimer."
„Warum hast du mir nicht vertraut, Evelyn? Als du tns Haus zurückkamst und wußtest, daß ein Mord begangen
war, warunt bist du da! nicht gleich zu mir gekommen? Ich hätte gewußt, was zu geschehen hatte. Ich hätte dir die ganze Qual dieses schrecklichen Verdachtes ersparen können. Warum nur hast du inir nicht vertraut?"
„Ich wagte es nicht", stöhnte sie; ,/ich war von Sinnen, Mortimer, ach, ich wagte es nicht. Es handelte sich um ein Geheimnis, und wenn ich dir gesagt hätte, daß ich ihn getroffen, so hätte ich auch sagen müssen, warum."-
„Und weil du mir nun dein Geheimnis nicht hast anvertrauen wollen, Evelyn, wird es jetzt die ganze Welt erfahren. Um dich von dem Verdachte zu reinigen, lvirst du angeben müssen, wie du dich aus meinem Hause geschlichen hast, um diesen Menschen zu treffen; und um deine Aitgaben als wahr hinzustellen, wirst du auch sagen müssen, warum du das getan hast. O, mein Weib, warum hast du mir kein Vertrauen geschenkt?"
Ihre einzige Antwort war ein solcher Strom von leidenschaftlichen Tränen, daß ihm das Herz schier dabei brach.
„Evelyn", sagte er, hob sie sanft empor und küßte ihr die rieselnden Tränen von den Wangen, „ich kenne dein Geheimnis! Du bist eine Heldin, mein Liebling — eine wahre Heldin. Du hast mit diesem jungen Manne verhandelt/um deine Schwester zu schirmen und zu schützen. Steh auf, süßes Weib, sei guten Muts! Du brauchst nicht zit weinen, brauchst dich nicht zu schämen. Dit hast dich selbst für deine Schwester geopfert, und sie hat das Opfer angenommen.
Er hielt sie in seinen Armen, driickte sie innig an sich, küßte ihr Gesicht, die gesenkten Augenlider, unter denen dicke Tränen hervorquollen, und wandte sich baust blitzenden Auges an Marian West.
„Marian", sagte er ernst und finster, „ich will dich nicht tadeln, aber — war es wohlgetan oder rücksichtsvoll gehandelt, die ganze Bürde deiner Schuld aus dies geliebte Haupt fallen zu lassen? Ich kenne dem Geheimnis/ Marian! Es ist mir mitgeteilt worden von den Beamten.: Ich weiß, daß du seit Jahren — die Mutter dieses jungest Mannes bist, den wir als Werner Jefferies kennen. Nein, Evelyn, sei still, zittere nicht, du Süße! — Du hast cs nie an Liebe oder Pflichterfüllung gegen deine Schwester fehlen lassen; sie hat gefehlt darin, daß sie dies, die Last ihres Geheimnisses, auf dich hat fallen lassen."
Ein leiser Schrei von Lady Waynes blassen zitternden Lippen. Marian West erhob frei den Blick zu Lord Waynes zürnenden Mienen. Selbstverleugnung und Heldenmut sprachen aus jedem Zuge ihres Gesichts.
„Still, still, Evelyn", sagte sie: „dein Mann hat das Recht, mich zu tabeln; tritt nicht dazwischen; laß ihn zu mir sprechen, wie er will."
„Es ist jetzt kein Geheimnis mehr", sagte Lord Wayne, „wenigstens für mich nicht. Ich verstehe jetzt die ganze Geschichte. Jener unglückliche Mensch hätte die Sachs berciusbekommen und versuchte nun natürlich, möglichst viel herauszuschlagen. Wahrscheinlich glückte es ihm bei dir nicht, Marian; er entschloß sich demnach, es bei deiner Schwester zu versuchen."
Es erhob sich kaum ein Kampf in Marians edler Seele/ als sie diese ungerechten Anschuldigungen vernahm. Sie hatte die Liebe ihres Lebens der geliebten Schwester geopfert; es verschlug wenig, wenn sie nun auch noch West guten Namen zum Opfer brachte.
Sie sah Lord Wayne würdevoll und frei an.
„Ich leugne es nicht, Mortimer", sagte sie ernst. „Ich gestehe, es war wegen dieses so unseligen Geheimnisses, daß Evelyn, meine Schwester, draußen mit Jach Jefferies zusammengetroffen ist und verhandelt hat," '
v 65. Kapitel. / ■-?
■ Der letzte Versuch
Lord Wayne war über die Maßen entrüstet. Er Ivar zornig, daß er nicht einmal bemerkte, daß seine Gattist schwer und bewußtlos in seinen Armen ruhte, und daß oas schöne Gesicht, das er noch mit den Lippen berührte, blaß und kalt Ivie der Tod ivar.
„Du hättest mir vertratieir sollen, Marian", sagte er finster. „Selbstverständlich habe ich keine Rechte, weder verwandtschaftliche, noch sonstige, über dich; aber eS war Unrecht von dir, mir dies Geheimnis zu verbergen."
Er verstand die ruhige Würde Wes Wesens sticht/ als sie jetzt erwiderte:


