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roatf, als mein Vater starb. Ich weiß, daß du keine Pension von der Eisenbahn kriegst, sondern daß das Geld, wovon dn lebst, von Werners Verwandten kommt; und ich sage, es ist eine Sünde und Schande, Mutter, daß du dies alles für dich behalten willst."
Sie hatte jetzt aufgehört zu zittern und stand vor ihm, blaß und ruhig, mit einer gewissen heldenmütigen Entschlossenheit in den Zügen, die sogar ihü stutzig machte.
„Jack, willst Du mir sagen, wo du dies alles, gehört hast?"
„Nein; das ist «teilt Geheimnis. Du wahrst deins, und ich wahre meins. Dieselbe Person, die mir dies gesagt hat, wird mir auch alles übrige erzählen, wenn ich hingehe und frage; aber ich glaubte, ich würde die Wahrheit von dir eher erfahren."
„Jack", fragte sie mit verzweifelter Ruhe, „w-illst du ntir sagen, warum du dies wissen willst?"
„Ja; — ich habe nichts dagegen, die Wahrheit zu sagen, wenn's mir paßt", sagte Jack mit grimmigem Lächeln. „Also, das will ich dir sagen. Du hast so'n ganz nettes Geschäft aus diesem Geheimnis gemacht — hast davon gelebt und hast es gerade nicht so arg schwer gehabt — nun, meine ich, bin ich an der Reihe, so'n bißchen draus zu machen. Will man mich ordentlich bezahlen — nun gut, so werde ich das Geheimnis bewahren, wie du's getan. Wenn nicht, fo werde ich zu denen gehen, die einen höheren Preis zahlen wollen. Weißt du, ich scher' mich keinen Deut um Prinzipien, Ehre oder dergleichen Alfanzereien !"
Ein Heller Strahl brach aus Kate Jefferies' Augen; eine gewisse strafende Würde kam über sie, die ihren Sohn für einen Augenblick beschämt und betreten machte, als er sie ansah.
„Ja, du bist, wie du gesagt hast, mein einziger Sohn, Jack, aber lieber hatte ich dich tot gesehen, wie dich so sprechen hören. Dn magst dein schlimmes tun; das Geheimnis, das mir anvertraut worden, das werde ich auch bewahren. Merk dir das, lieber stürbe ich auf der Folter, Zoll vor Zoll, als daß ich es verriete. Und noch wasst ich weiß nicht, wo und wie du das, was du weißt, heraus- bekommen haft, aber das weiß ich, es ist ganz und gar nicht möglich, daß du mehr entdeckst, wie du schon weißt. Und nun gib Acht: Wenn du mir hierüber noch ein einziges Wort sagst, so gehe ich fort, wo du mich nie Wiedersehen, noch von mir hören wirst. Ich Werde mein Wort halten, Jack, so wahr der Himmel mich hört!"
Die einzige Antwort hierauf War ein lauter Krach. Jack war in maßloser Wut aufgesprungen, hinausgeeilt und hatte die Haustür schmetternd hinter sich zugeschlagen.
33. Kapitel.
Eine verhängnisvolle Einladung.
Lady Wayne war die Königin der Londoner Saison, und Kenninghall-House in dieser Saison der Mittelpunkt voir allem, was vornehm und glänzend, und in irgend einer Weise durch Geist, Geburt oder Stellung hervorragte. Nicht zum wenigsten würde auch Elsie Wayne bewundert, deren zarte, jugendliche Anmut und Lieblichkeit so gut gegen die vollendete Schönheit ihrer Mütter abstach.
Doch Elsie war verlobt. Lord St. Gilbert wollte von Geheimhaltung des Verlöbnisses nichts hören; es war ja sein Ruhm und sein Stolz, dies schöne Mädchen sein eigen zu nennen — weshalb sollte denn nicht die ganze Welt es wissen?
Lady Wayne hatte ihm mit ihrem' ernstschönen Lächeln entgegengehalten, daß Elfte noch so jung sei — sie müsse wirklich erst etwas von der Welt sehen, u.ttj} er hatte geantwortet:
„Sie ist alt genug, um mich zu lieben, Lady Wahne, und ist sie auch alt genug, um mir treu zu sein."
Worauf vielleicht eine schwache Erinnerung an einen früh verlorenen Liebestraum über Mylady gekommen zu fein schien, denn sie hatte nur tief geseufzt, und ihre schönen Augen hatten mit Milder Wehmut auf dem jugendlichen Liebespaar. geruht. Offiziell bekannt gegeben wurde gleichwohl die Verlobung einstweilen noch nicht.
Marian West war eigentlich gegen ihren Willen mit nach London gegangen; sie hatte gebeten, allein aus Ken- ninghall bleiben zu dürfen, doch Lord Wayne hatte nicht davon hören wollen. ' ‘ ' -■
>,DU sagst, wir feien zü lustig; nun gut, komm und amüsiere dich mit; du bist überhaupt in letzter Zeit gar nicht mehr dein früheres Selbst, Marian. Nichts ist so wohltuend, als dann und wann eine Luft- und Ortsveränderung."
Lord und Lady Romsey waren ebenfalls zur Saison nach, der Stadt gekommen; ihre Hauptsorge war vorüber, der geliebte Sohn und Erbe war wieder gesund und hatte seine Wahl endlich getroffen; sie konnten sich nunmehr der Hoffnung freuen, ihr altes Geschlecht in zahlreichen neuen Sprossen weiterblühen zu sehen. Mylady war jetzt nicht mehr so nervös und besorgt um ihn, und der Earl freute sich königlich.
„Natürlich müssen auch wir nach London", hatte er sofort entschieden. „Balduin wird es nicht aushalten, daß er Elsie ein Vierteljahr lang nicht sehen soll."
Menn der Earl ging, mußte natürlich auch sein junger Sekretär mit, war er ihn: doch fast unentbehrlich gelvorden. Lord St. Gilbert erklärte fcherzend, er sei bisweilen so etwas wie eifersüchtig auf Werner.
Tie Romfeys besaßen ein großes Haus itt der Nähe von Hydepark. „Wenn du verheiratet bist", pflegte der Earl zu seinem Sohne zu sagen, „so muß diese Wohnung hier in der Stadt wieder instand gesetzt werden. Ich möchte elbst wohl behaupten, daß Lady Wayne den ausgezeichnet- ten Geschmack in ganz London hat. Wir müssen sie also einer Zeit dabei zu Rate ziehen."
So plante man alles Schöne und sah unbesorgt der Zukunft entgegen; kein Anzeichen der dunklen Wolke, die sich langsam und dräuend am fernsten Horizonte sammelte, war bis jetzt zu bemerken!
Nachdem die Romfeys ihren Landsitz verlassen, gingen sie zunächst aus den Kvntineut, nach Italien, und nahmen Werner natürlich mit. So kam es,- daß Jack bereits wieder mehreremal seit seiner verunglückten Entdeckungsreise an seinen Bruder geschrieben, aber keine Antwort erhalten hatte. Als Werner wieder in England, war es sein erstes, nach Ferryhill zu schreiben und Jack mitzuteilen, es ser ihm gänzlich uümöglich, von London abzukommen, Jack käme wohl besser herüber und verbrächte ein paar Tage in der Stadt. Er schickte ihm eine Fünspfundnote zur Bestreitung der Reise- und sonstigen Kosten — ahnungslos, daß er damit den ersten Schritt auf der Bahn getan, ttt deren Mitte Unheil und Kummer auf ihm teure Personen warteten. . L ,
Jack hatte bisher noch nichts über seine Entdeckungen gegen feinen Bruder verlauten lassen; er sagte sich mit der Vorsicht, die allen seinen Schritten in dieser Sache eigen war, daß eine Mitteilung seines Geheimnisses an Werner vielleicht gleichbedeutend mit dem Verlust desselben sein würde. Jedenfalls würde er allein dann nicht mehr alle Fäden in der Hand haben.
Jack hatte seit der Reise nach Abbotsville einige sehr unglückliche Monate verbracht. Seine Mutter zeigte plötzlich eine Entschiedenheit und Festigkeit, die Jack ihr nun und nimmer zugetraut hätte. Er war klug genug, einzusehen, daß jede weitere Erwähnung des Geheimnisses bi ihr absolut nutzlos sei, ja, vielleicht unangenehme Folge für ihn nach sich ziehen könne.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtss.
• Gemeinsame Erziehung. Ein Versuch mit der gemeinsameu Erziehung von Knaben und Mädchen wird gegenwärtig in England, und jtwu zum erstenmal! int großen und für eine öffentliche Schule ins Werk gesetzt. Es handelt sich darum, dieses System für den Schulunterricht von der untersten Volksschulklasse bis zum Universa tätsunterricht durchzusetzen. Der Plan hat die Unterstützung hervorragender Pädagogen gefunden und ist bereits soweit gesichert, daß die Schulgebaitde erworben werden konnten. Es sollen Schüler und Schülerinnen von 8 bis 18 Jahren ausgenommen werden, und sie sollen nicht nur in den Schulräumen, sondern auch auf den Spielplätzen vollständig frei mit einander verkehren. Natürlich werden jetzt schon von den Gegnern Einwände gemacht. Aber der berühmte Pädagoge Grant, von dem die Idee ausgeht, stützt sich aus seine Erfahrungen, die ihm ergeben haben, daß aus der gemeinsamen Erziehung männlichere Knaben und weiblichere Mädchen hervorgchen. Das sind ähnliche Erfahrungen, wie sie auch die amerikanische Regierung m
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