Ausgabe 
5.11.1906
 
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lich.Ich glaube, daß es dir in dieser Zeit nicht nach der Mütze gegangen ist.

Nicht besonders; es wird alles seinerzeit schon in Ordnung kommen; aber es dauert ein bißchen länger, als ich dachte."

Cie sah ihn ungläubig an.

Ich glaube", sagte sie nach einer Pause,es steckt schließlich doch nichts dahinter. Du wirst mich doch nie­mals zu 'ner Dame machen können. Merk dir eins: ich frage nichts danach; es war nicht wegen so was; daß ich dich zuerst leiden mochte; aber du solltest nie was ver­sprechen, ivas bu nicht durch führen kannst."

Ich kann alles durchführen, was ich versprochen habe",. gab er zurück,aber nicht ganz so schnell, wie du es wohl willst das heißt, ich meine, wie ich es Wohl will. Hab' Geduld, Betsy; es wird sicher alles schon in Ordnung kommen."

Was ist denn schief gegangen?" fragte-sie.

Denk' dir, es wäre jemand ausgegangen; er ivollte irgendwohin und könnte nun absolut nicht weiter, wäre auf eine glatte Mauer gerade mitten auf seinem Weg gestoßen, was sollte er da tun, Betsy?"

Umkehren, mein' ich, und einen andern Weg pro­bieren."

Und das will ich gerade jetzt tun. Ich weiß, es existiert ein gewisses Geheimnis, und ich dachte, der Weg, den ich jetzt neulich gemacht, würde mich dahin führen. Statt dessen kam ich vor die Mauer, Betsy, und jetzt muß ich umdrehen und es mit einem andern Weg versuchen. Verlaß dich drauf, Betsy, der nächste Weg, den ich ein­schlage, wird zum Erfolg führen."

Na, deinetwegen hoff' ich das. Ich muß sagen, ich glaube nicht, daß du überhaupt zur Arbeit viel taugst, Jack, wenn ich meine Meinung sagen darf."

Nein", war die zustimmende Antwort;ich habe immer gefühlt, daß ich zu einem feinen Mann geboren sei."

Es gibt so viele verschiedene Arten von feinen Leuten, daß ich, für meinen Teil, fast lieber einen gewöhnlichen, ordentlichen Mann haben möchte."

Ach, Betsy,. denk nur, wie fein du aussehen wirst, wenn du ganz in Seide und Sammet gekleidet bist, in einem Wagen fährst mit vorn und hinten Bedienten drauf."

Ihr hübsches Zigeunergesicht hellte sich auf.

Ja, das laß ich mir gefallen Jack, aber wird das über­haupt kommen?"

Hab' Geduld, und du sollst sehen."

Ihre braunen Finger spielten mit den Knöpfen au seinem Rock, und Jack wußte, daß sie auf seine gewöhnliche Opfer» gabe wartete, und er hatte ihr nichts zu geben.

Eine nnbehagliche Pause.

Ich habe einen neuen Verehrer gehabt, seit du weg warg", sagte sie endlich.Er wollte mir auch eine goldene Brosche geben, aber ich wollte sie nicht annehmen. Ich dachte, es wäre dir am Ende nicht recht gewesen, Jack."

Nein, ganz sicher wär' mir das nicht recht gewesen. Ich möchte dich wohl geradezu vor jedem verstecken, Betsy, sodaß niemand dich bewundern könnte, als wie ich."

Das würde mir aber nicht gefallen, Jack. Hast du hast du mir nichts von London mitgebracht?"

Tatsächlich sah Betsy Fenton, bei all ihrer wilden Schönheit und ungestümen Liebe, doch auch auf die Haupt­sache. Sich vergaß sie nie; sie hatte es gern, wenn ihr möglichst viel geschenkt wurde; und sie hätte den Mann, den sie am liebsten hatte, schief angesehen und angemault, wenn er nicht Friedensopfcr in Gestalt von Geschenken ge­bracht hätte.

Jack verstand diesen Charakterzug bei seiner Herzaller­liebsten vollkommen.

Ich habe dir nichts mitgebracht, Betsy, Schatz, weil ich nur eine gewisse Summe mitgenommen hatte, und die ist alle bei den Nachforschungen aufgegangen; aber warte nur noch em Weilchen. Ich habe wunderschöne Broschen nnb Juwelen in den Schaufenstern gesehen aber nichts strahlte und

'm roie ^ine Augen. Du sollst das Schönste haben, das für Geld nur zu kaufen ist, Schatz."

- obwohl Jack sein Bestes tat, sah er, daß seine Herrin nicht zufrieden war. Er versuchte 311111 Ersatz dafür,

daß er kein Geschenk mitgebracht, seine Komplimente extra stark und süß zu machen, aber Betsy war nicht herumzu­kriegen.

Hast du mich sehr vermißt?" fragte er.Ich habe jeden Augenblick an dich gedacht. Ich habe keine gesehen, die auch mir halb so hübsch war, wie du."

Doch Betsy war nicht zu versöhnen. Sie hatte zum mindesten eine Brosche oder doch sonst was sehr Hübsches aus London erwartet. Komplimente ivaren nicht viel wert und ließen sich nicht tragen wie Schmucksachen.

Ich habe heute abend noch viel zu tun, Jack", sagte sie nach einer weiteren ungemütlichen Pause.Du käimst in ein oder zwei Tagen wiederkommen, wenn du Zeit hast."

Und mit diesem kühlen Willkommen mußte er wohl oder übel zufrieden sein. Jack ging in einer nicht gerade beneidenswerten Gemütsstimmung heim. Er hatte Abbots- ville ohne die Auskunft verlassen müssen, die zu suchen er sich so viele Mühe gegeben hatte. Der Weg war ihm voll­ständig versperrt. Von niemandem konnte er auch nur das Geringste darüber erfahren, wer Werner war, oder über­haupt nur etwas über ihn. Ebensowenig konnte er vor­läufig einen Weg sehen, wie er sich diese Kenntnis verschaffen solle.

Seine Mutter hatte enttäuscht dreingeblickt, als er zurück­gekehrt war. Sie hatte ihn gleich gefragt, ob es ihm ge­glückt, die Arbeit zu bekommen, deretwegen er losgegangen mar, und sehr brummig hatte Jack geantwortet:

Nein,"

Nun, du mußt es natürlich am besten wissen, Jack, aber ich meine, es ist doch sehr schade, soviel Gold für was Ungewisses auszugeben."

Es ist nichts Ungewisses!" hatte er gebrüllt, sich dann geweigert, den Kaffee zu trinken, den sie ihm gekocht hatte, und war hinaus und davon gerannt, Betsy zu treffen.

Betsy hatte ihm auch nicht gelächelt, und nun war er ganz und gar mit sich selbst und der Welt zerfallen und kreuzunglücklich.

Meine Mutter muß mir's sagen", brummte er vor sich hin.Ich werde grob mit ihr sein müssen, aber ich kann's nicht andern, ich habe keine andere Wahl."

Nun, Jack", sagte seine Mutter, als er mit bewölkter Miene und einem verdächtigen Funkeln in den Augen wieder in die kleine Stube trat,nun leg' mal gefälligst deine üble Laune beiseite und dein Abendessen."

Er ließ sich zu dem schmackhaften Abendessen nicht so lange nötigen, wie zum Kaffee, sondern ließ sich nieder und langte schweigend zu. Nachdem das Mahl beendet, sah ihn seine Mutter an.

Du gehst heute abend nicht wieder aus, Jack?"

Nein", versetzte er;ich will ein bißchen mit dir plaudern."

Es geht nichts drüber, jemanden so ganz unverhofft zu fangen", dachte Jack, nnb als sie ben Tisch abgeräumt hatte nnb wiebcr hereintrat, zog er seinen Stuhl näher ans Feuer unb sah dann plötzlich auf.

Hör', Mutter, ich weiß mehr, wie du meinst, von deinem netten Geschäftchen da in Abbotsville. Du solltest mir lieber die ganze Wahrheit sagen."

Sie starrte ihn wie versteinert an; ihr Gesicht wurde leichenblaß, ihre Hände umklammerten krampfhaft die Stuhl­lehne.

0 Gott", stöhnte sie endlich,was soll ich tun?"

Ich meine", fuhr Jack gekränkt und vorwurfsvoll fort, Du hättest mir doch vertrauen können, wo du weißt, daß ich dein einziger Sohn bin. Es ist wirklich hart für mich, jetzt zu finden, daß meine eigene Mutter mich im Unklaren und Dunkeln hält."

Die schreckliche Furcht wich nicht aus ihrem Gesichte; ihre Hände zitterten, ihre ganze Gestalt bebte.

Was weißt du von Abbotsville?" fragte sie endlich mühsam;wer hat dir davon gesagt?"

Ich weiß mehr, wie dir lieb ist. Ich weiß, daß ich dein einziges Kind bin, und daß ich erst zwei Monate alt