Ausgabe 
5.10.1906
 
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züge in sinniger Weise teils ans Maria und St. Walburgis, teils aus männliche Heilige übertragen. Die bekannte, sich kräuselnde Wallung des Sommerkorns, von Melcher wir zu sage,! Pflegen, der Kornengel, die Roggenmuhme geht durchs Feld, wird in einem wendischen Bolksliede (Haupt- Schmaler 2, 267) als Pfad der h. Jungfrau bezeichnet:

Unterhalb Rosenthal liegt eine Wiese, Neber die Wiese ein Fußsteig geht. Neber die Wiese ein Fußsteig geht, Dieser ist ausgetreten und weiß.

Wer hat ihn ausgetreten so schön? Heilige Maria, die trat ihn aus. Wandelnd zur Messe und wieder zurück, Wandelnd zur Vesper und wieder nach Helm.

In Niederösterreich durchschreitet die h. Walpurgis in den Erntetagen alle Aecker, Wiesen und Gärten, und wenn sie sich in eine schon gebundene Garbe verbergen kann, so hat diese beim Ausdreschen Goldkörner. (Vernaleken, Alpensagen. S. 110.) Als Patronin der Feldflucht trägt St. Walburgis entweder ein Aeh-reubüschel oder drei Aehren in der Hand. In Tirol werden die Felder, durch welche der fromme Graf Leonhard von Görz geht und reitet, vom Hagel nicht berührt, sodaß es dort sprichwörtlich heißt: Jedermann tut das Gatter auf, daß ihm Graf Leonhard durchreite. (Zingerle, Tirol. S. M. Nr. 963 und 623.) Die Bonifaziusäcker um die Stadt Amöneberg zahlen keine Zehnten, weil Bonifazius darüber schritt. (Lynker, Hess. Sag. Nr. 265.) Die Bonifaziusäcker zu Melcherbach und die Clawesäcker zu Welleu sind zehnfrei, denn hier hat Bonifazius ausgeruht. (Curtze, Waldecker Bolksüberlies. 273.) Wir erinnern ferner an die zahlreichen Wallfahrts­kirchen und -KapellenUnserer lieben Frau zu den drei Aehren", denen wir in Tirol, in Bayern, im Elsaß usw. begegnen und an die sich hübsche Ueberlieferungen knüpfen. So läßt, um von den vielen Beispielen nur eines an­zuführen, Maria da, wo sie sich die Stelle zu ihrer Wall? fahrt int Pinzgauer Kirchtale erwählt, mitten äus dem Winterschnee drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand trägt. (Kaltenbäck, Mariensagen. Nr. 122.) Das berühmte Wallfahrtsbild der Matter Gottes zu Bogen, am linken Donanufer bei Strau­bing, hat lange, goldgelbe Haare, und einen roten, mit Wetzenähren durchwirkten Mantel. (Bavaria I, 1000.) Auch in Frankreich wird eine Notre Mute de trois dpis verehrt, die, mit drei Aehren in der Hand, einem. Land mann .erscheint. (Na HüZer, Hdö. d. Kupferstecher VI!, 79.)

In der Rechtssymbolik der alten Zeit bedeuten drei Aehren Obereigentum und Erbgut. Daher erklären in den Bildern zum Sachsen- und Schwabenspiegel Aöhren, neben einem Toten aufwachsend, symbolisch die anzutretende Erb­schaft (Grimm). Alle jene, welche vom Waisenhause zu Lucca Erblehen hatten, mußten alljährlich am 1. Mai einen reichgeschmückten Maibaum dorthin überbringen und ver­loren ihr Lehen, wenn daran die drei vorgeschriebenen Aehren mangelten. Eine ganze Reihe weiterer einschlägiger Beispiele hat Grimm in seinen Deutschen Rechtsaltertümern beigebracht. Drei Aehren führen Dinkelsbühl, Roggenburg und Roggenhausen int. Wappen, alles Ortschaften, die nach Getreidearten benannt sind. In der bayerischen Oberpfalz ists Schnitterbrauch, drei Halme mit den Aehren um den Leib zu winden, um dadurch gegen Verwundung sich zu schützen. (Schimmert.)

Die Aehre ist Sinnbild, des Erntesegens. Bei Freiburg im Breisgau befindet sich der sogenannte Gaisbrunnen, an welchem, wenn ein gutes Jahr kommen soll, ein Männ­lein mit drei Aehren in der einen, mit drei Trauben in der anderen Hand erschemt (Schnetzler, Bad. Sagen I, 369). Eine Doppelähre an einem Halm deutet auf be­sonderen Segen, schützt überdies vor Blitzschlag und verheißt, falls sie in Kriegszeiten gewachsen ist, baldigen Frieden. Ich bin", schreibt am 15. Jult 1695 Prinzessin Elisabeth Charlotte von Orleans an eine Verwandte,des Krieges recht müde, und ich bitte Euch, liebe Luise, informiert Euch doch, ob's wahr ist, daß man bei Gießen einen Halm ge­funden, so der Landgraf von Darmstadt bewachen soll lassen, worauf, zwey Aehren sollen sehn, und ob's wahr ist, daß man einen dergleichen gefunden zu Ende des dreißig­jährigen Krieges." BartelsDer Bauer in der deutschen Vergangenheit" enthält S. 79 (nach einem alten Kupfer)

die Abbildung einer derartigen Wunderähre, gefunden zu Wildensorg bei Bamberg 1622.

Aehren mit Trauben sind Sinnbilder des Leibes und Blutes des Herrn im h. Abendmahl und kommen deshalb öfters als Verzierungen auf kirchlichen Bildern und Gerät­schaften vor. Aus den alten Holzschnitten des deutschen Polydorus Virgilius (Augsburg 1537, S. 3) steht Christus zwischen einem Kornfeld und einem Weinberg. In Cal- derons DichtungDer Waldesdemut Krone" streiten die : Bäume, Sträucher Und Kräuter, wem unter ihnen die Krone ; gebühre, zuletzt aber wird sie den Demütigsten zuerkannt, ! der Aehre und dem Weinstock.

Mißbrauch des Aehrensegens zieht Gottes Strafgericht nach sich. Wie die Sage meldet, wurde die stolze Handelsstadt Stavoren im Südersee von den Fluten verschlungen, weil die Einwohner ein üppiges, schwelgerisches Leben führten, und weil die Herrin der Stadt, eine unermeßlich reiche Jungfrau, eine Schiffsladung Weizen in freventlichem Uebermute ins Meer versenken ließ, anstatt das Getreide den Armen und Hungernden zu geben, die flehentlich darum baten.

Wo sie den edlen Weizen ins Meer versenken ließ, Da hob sich eine Sandbank, die Frauen sand man hieß, Daraus entwächst den Wellen ein Kraut, das kennt man (nicht

Es gleicht dem Weizen völlig, nur daß der Aehre Korn fgebricht.

Karl Simrock.

Die schlichte und doch so unendlich tiefe Bedeutung der Aehren ist von den Dichtern stets gebührend gefeiert worden, wir verweisen auf Krummachers herrliche Parabeln, an die Predigt der Garben von Klaus Harms usw. Eichen­dorfs hegt in seinen Dichtungen eine ausgesprochene Vor­liebe für die junge Saat, die mitten in Sturm und Regen­schauern still dem Frühling entgegengrünt. Uhland freut sich des goldenen, mit Mohnblumeu durchwobenen Korn­feldes des Hochsommers, und auf dem ltndenbeschatteten Grabmale Klopstocks zu Otten fett stehen des Messiassängers eigene Worte:Saat, von Gott gesäet, dem Tag der Garben zu reifen."

Der Erntesonntag, das kirchliche Dankfest, an dem man in einigen Gegenden noch unlängst eine gewaltige Garbe- in das Gotteshaus zu bringen pflegte, dte dann nachher den Armen der Gemeinde überlassen wurde, schließt die Aehrensymbolik würdig ab, indem es den Christen an eine überirdische Saat und Ernte, an himmlische Erntesreuden mahnt.

Fürst Bülow in Homburg.

Eigenbericht.

Der Homburger Tennisplatz ist verödet, die Züge der elektrischen Bergbahn fahren meist leer zur Saalburg und selbst das bei aller Kühle immer noch so sonnig helle Wetter vermag die tote Saison nicht mehr neu zu beleben. Und doch richten sich gegenwärtig in der politischen Welt die Augen mit gespannter Aufmerksamkeit nach nnserem Taunusbade, seitdem des deutschen- Reiches Kanzler, Fürst Bülow, hier Nachkur hält von seinem Badeaufeiithalte in Norderney unb, begleitet von seiner Gemahlin, der Fürstin, von deren Mutter, Donna Laura Minghetti, von Räten und Sekretären, das alte Landgrafenschloß bewohnt, wo der Kaiser ihm als eine besondere Aufmerksamkeit eine Reihe schöner Zimmer zur Verfügung gestellt hat.

Und man merkt, daß dem Kanzler der Aufenthalt vor­züglich bekommt. Er sieht tadellos frisch und gesund aus, ist ein wenig schlanker geworden und hat an körperlicher Elastizität alles wiedergewounen, was er einen Augenblick lang eingebüßt zu haben schien. Davon kann sich ein jeder leicht überzeugen . Denn die Zeit, die nicht durch Arbeit in Anspruch genommen ist, verbringt der Kanzler bei irgend­wie erträglichem Wetter draußen. Manchmal zu Pferde; er hat zwei Reitpferde hierher mitgebracht. Gewöhnlich aber zu Fuß, und er liebt es, nicht nur am Tage durch Anlagen und Straßen zu wandeln, er ist auch häufig noch spät des Abends, wenn es längst dunkel wurde, unterwegs zu sehen. Mancher Politiker und Zeitungsschreiber würde gewiß gern etwas von den Gesprächen erhaschen, die auf diesen Gängen geführt werden, so z. B. neulich, als der Direktor des Norddeutschen Lloyd, Dr. Wiegand, hier war und der Kanzler abends int Schloßgarten lange mit ihm einherschritt. Den Gegenstand ibrer Unterhaltung gab, das