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Kein sehr langer Brief, aber er sollte wichtige Folgen haben.
Es ist nicht so sehr leicht, wie jede Mutter weist, an schönen Sommer-Abenden jungens früh zu Bett Zu bringen, Kate machte machte bald nach sieben Uhr allerlei Anspielungen darauf — aber Jack lachte ihr ins Gericht.
„Lieber wollte ich die ganze Nacht auf bem Felde draußen bleiben, Mutter", sagte er, „als jetzt schon ins Bett Lettern."
Werner war schon eher willfährig und gehorsam; es war nahezu neun, als Kate ihn hereinrief und ihm bedeutete, es sei nunmehr Zeit zu Bett für ihn. ,
„Ich will schlafen gehen, wenn du es haben willst, Mutter, aber ich bin noch nicht müde."
Er ging, und Jack, zur größten Erleichterung seiner Mutter, folgte ihm bald darauf. Als die Luft rein war, setzte sie sich mit erivartungsoottem Gesicht in der Küche nieder, nachdem sie vorher vorsichtigerweise die Küchentür verschlossen hatte. Aber Jack war nicht durch noch so vieles Schelten und Schimpfen zu schrecken; er hatte deutlich bemerkt, wie sehr seine Mutter gewünscht, sie beide aus dem Wege zu bringen; uns dies zusammen mit dem Brief, der TagS vorher gekommen, machte ihn argivöhnisch.
„Entweder", sagte er sich, „kommt jemand, oder sie geht aus."
Jack, beut an Verschlagenheit nicht so leicht beizukominen war, beschloß, wach zu bleiben imb zu sehen, was es gäbe. Werner fiel bald in festen Schlaf; Jack lag bei hellwach imb horchte. Ha! Was war bas? Ec hatte sich nicht getäuscht; ba war eine fremde Stimme, es sprach jemand mit seiner Mutter. Er beschloß, ausfindig zu machen, wer es war und um was es sich handelte.
Er stand sehr vorsichtig auf und fand zu seiner großen Enttäuschung bei leiser Prüfung, daß die Küchentür von innen verriegelt war. Aber eine weite Ritze war darin, und beim Hindurchspähen sah Hack eine einfach gekleidete und dicht verschleierte Frau, die seiner Mutter gegenüber saß und eifrig und ernst mit ihr sprach.
Er fühlte eine gewisse Enttäuschung, da er etwas weit Romantischeres als dies erwartet hatte. Er versuchte aber gleichwohl sein Bestes, um etwas von der Unterhaltung zu erlauschen, aber vergebens, er konnte kein Wort verstehen, was sie sprachen, so leise und gedämpft flüsterten sie. Endlich unterschieb er aber boch Werners Namen, picht eimngsi sondern mehrer? Male. Von ihm sprachen sie also; seinetwegen kam also ber geheimnisvolle Besuch.
Was konnte das bedeuten? Was war mit Werner, das er nicht wußte? Wer war es, der so still und geheimnisvoll kam, um von Werner, seinem jüngeren Bruder, zu sprechen? Er, Jack, war der Aelteste, und hatte ein Recht, alles zu wissen, was vorging. Dann hörte er etwas von Geld und Schule. Jack horchte verzweifelt. Konnte es möglich sein, baß seine Mutter etwas für Werner tun wollte, unb nicht auch für ihn?
Mehr konnte er jeboch nicht hören; vergebens horchte unb lauschte ec; vergebens legte er bas Ohr an bas Schlüsselloch, an die Spalte; es drang kein Wort mehr zu ihm.
„Schad' nichts", dachte er; „ich kann gerade so schlau sein, wie sie auch. Ich werde nichts sagen, aber meine Zeit abpassen. (Siebt es etwas herauszukriegen, so werde ich's herauskriegen — sie können mich nicht betrügen."
Er erfuhr nicht, wie die Konferenz endete; müde und schläfrig schlich er ins Bett zurück, voll Spannung und Neugier; aber alle Wunder und Rätsel der Welt haben noch keinen schläfrigen und müden Jungen mach gehalten; bald schlief er ein.
Er war klug bei aller Verschlagenheit; er sagte Werner nichts von allem. Wenn es ein Geheimnis gab, so würde er selbst es allein besser herausbekommen, als wenn ihm jemand hälfe. Das war sein letzter Gedanke, bevor er in einen unruhigen Schlaf fiel. —
Das Geheimnis der Vergangenheit war in Gefahr. Vor Jahren hatte Marian West gesagt: „Dein Geheimnis ist
sicher und gut verwahrt; so sicher, als ob es tot und be graben läge."
Ob ihr diese Worte jetzt wohl wieder einfielen? — (Fortsetzung folgt.)
ZehitiM-MkoUK.
Bon Gottlieb Keßler.
Au die goldenen Aehren, wie Schiller sie im Eleusischen Fest nennt, heftet sich eine reiche Symbolik. Wer erinnert sich beim Anblick der reifenden Getreidefelder nicht lebhaft an die Gleichnisse des Herrn vom Acker, vom Unkraut unter dem Weizen, von den Aehren, die dreißig-, sechzig- und hundertfältige Frucht bringen?
Die Aehre ist vor allem das Sinnbild der Ernte. Schon in der alttestamentlichen Erzählung von Pharaos Traum (1. Mos. 41, 22. 23) bedeuten die sieben vollen und die sieben dürren Aehren die Jahrgänge unb ihren reichlichen, bezw. geringen Ertrag. Das Sternbild der Jungfrau, m welches die Soune im August dem Erntemonat, eintritt, trägt eine Aehre (spica). Diese himmlische Aehre, die man sich in der Hand der laut griechischer Sage der Erde entflohenen und zum Himmel zurückgekehrten Astraa oder Sternenjnngfrau denkt, erinnert zugleich an das langst entschwundene goldene Zeitalter der Welt, in bem gleichsam ewig geerntet wurde, ohne daß man vorher zu säen brauchte. Auch nach der mosaischen Ueberliefernng ist der durch harte Arbeit erzielte Ertrag des Ackerbaues uur em schwacher Ersaß für die Früchte, die einst im Paradiese den ersten Menschen in verschwenderischer Fülle muhelos in den Schoß fielen. Auf Bildern wirb baher Abam nut einem Aehrenbündel bargestellt, weil er nach seiner Vertreibung aus Eben im Schweiße bes Angesichts bas Felb bebauen mußte. An bas mit bem Sünden satt der lorengegangene Paradies ber Menschheit mahnt noch eme Reihe sinnreicher Sagen unb Ueberlieferungen. einet
morgenlänbischen Legende fiel das Getreide mit Adam aus dem Paradies herab, war in diesem einst sehr groß gewesen, wurde aber im Falle so klein, wie es jetzt noch ist, damit der Mensch Mühe habe, es zu bauen Aus dem Kanton Luzern hat Lütolf nachstehende Ueberlieserung bei- qebrächt: „Die Kornähren wuchsen einst ohne Halme vom Erdboden aus so hoch wie jetzt mitsamt deu Halmen. Zur Strafe für die Undankbarkeit der Menschen setzte sie Gott auf das heutige Maß herunter." Aehnlich lautet die ^age im Elsaß, iu Oesterreich, Thüringen und Bayern. Dort bittet Maria ihren über das sündige Menschengeschlecht mürnten Sohn, E olle artbftufit Z!!«Ä herstsren A wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu lassen, als genug ist für die Hühner und KätzleiN, o. hc für ein ganzes Hausgesinde. Der Heiland tut s, und so sind die jetzigen Aehren aus uns gekommen (Panzer II, S. 8).
Bei den Griechen trägt die liebliche Eeres, die Ge- treidespenderin, einen Aehrenkranz auf dem Haupte. Ebenso erglänzt das Goldhaar der Demeter des Nordens, der Erdgöttin Sif, die in der Edda die Schönhaarige genannt wird, im Aehrenschimmer. Segnend schreitet Sif, Donars Gemahlin, im Frühling und Borfommer durch die Saaten. Da, wo ihr Fuß gewandelt, gedeiht das Getreide am höchsten und schönsten und reift auch zuerst. Dieser Segen, der für das Aehrenseld aus deu Fußspuren der darüber gegangenen Gottheit, sei es nun die milde Sif oder auch der Erntegott Wuotan, erwächst, ist der Inhalt vieler klemer und noch nicht genugsam beachteter Sagenzuge aus den verschiedensten Gegenden des deutschen Sprachgebietes. Die Feldstellen, über welche in Schwaben Wagen und Gespann der geisterhaften Frau Sybille gefahren sind, bleiben 14 Tage länger grün, sie haben bei der Reife ein höhere^ Gelb und die Frucht ist vortrefflich (Meier, Sagen 24). Kornweg heißt derjenige höher stehende Strich der Saatäcker, über welche der ausziehenoe Burggelft des Roden- steiners seine Luftfahrt macht (Wolf, Hess. Sag. Nr. 31). Deu Lausitzer Wenden gelten die feuchten Adern in Feld und Wiese, die sogenannten Brandadern, als Weg des Dyterbjernat (Dieter-Bernhard), der bei ihnen der wilde Jäger ist. (Wolf, Zeitschr. 3, 112.- Ebendieselbe Erscheinung wird bei Schambach-Müller, Niedersachs. Sagen Nr. 140, den Zwergen zugeschrieben, die den Ackerboden mit ihrem Schmiedefeuer erhitzen, das sie unterirdisch eifrig unterhalten; sogar einzelne Goldkörner schießen dadurch in die Fruchtähren. - In christlicher Zeit wurden derartige Sagen-


