Ausgabe 
5.9.1906
 
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meint, nach dem, ivas er neulich erklärte, sei nichts anderes anznnehnien, als daß er aus Verzweiflung und Mißmut über Deltas Abweisung die erste geheiratet habe, die ihm in den Weg kam und von der er sich sagte, sie werde keine Zärt­lichkeit und Liebe von ihm verlangen, da sie keine geben könne. Eine Vernunftehe, die der Majoratsherr und Stammes- halter eines aristokratischen Geschlechts einging, nachdem er seine Illusionen zu Grabe getragen hatte."

Leicht möglich!"

So muß man die Sache betrachten und, wenn es nötig ist, daß du zur Beurteilung seiner Gemütsverfassung mehr erfährst, so wird Della dir ivohl das sagen, ivas wir nicht wissen, kaum vermuten."

Hans sah nachdenklich vor sich hin.

Hat sie nach dein Vorgang niemand von euch ge­sehen?"

Nein, Helene hat angesragt, ob sie sie besuchen könne. Die Frau Kantorin hat herzlich bedauern und sagen lassen, der Ausgang sei ihrer Tochter nicht gut bekommen, es sei wohl zu früh gewesen und auch zu viel und sie müsse neuer­dings völlig ruhig leben."

Das erzählte mir auch mein Vater. Sie wird wohl den wahren Sachverhalt verschwiegen haben. Das ist nichts für die lieben Bernstadter, solche Sensationen und Ereig­nisse. Nichts für Kantors und nichts für Kreisphysikussens mit ihrer braven, altmodischen Moral. Das ist nur für moderne Menschen!" Ein leichter Spott drang ans seinen Worten.

Aber dir ivird Della wohl alles erzählen, und wir werden dann Anhaltspunkte finden für das Weitere. Wann wirst du sie sehen?"

Ich denke, heute nachmittag."

Sie waren inzwischen in die Stadt gelangt. Der Graf blieb stehen.

Ich möchte nicht mit hineinkommcn nach Bernstadt; wann sehe ich dich wieder?"

Morgen vormittag ivohl!"

Nun denn, auf Wiedersehen!"

r *

Leise und bedächtig war Dr. Hübner bei Della Brandt eingetreten.

Draußen hatte ihn schon die Frau Kantorin begrüßt und ivollte voller Freude seinen Besuch ankündigen. Aber er bat um die Erlaubnis, sie überraschen zu dürfen. Er wollte als Arzt beobachten,.uie plötzliche Eindrücke auf sie wirken.

Und NUN stand er vor ihr und sie lächelte ihn an, wie einen längst Erwarteten. Nichts Schreckhaftes, Auf- geregtes war in ihrem Wesen, nur sehr bleich sah sie ans und, als sie ihm beide Hände zur Begrüßung entgegen­streckte, da schien cs doch, als suche sie nach einem Stütz­punkt.

Als er ihre Hände erfaßt hatte, kam es ivie wieder­gewonnene Sicherheit über sie und sie sagte:

Du kömmst zu rechter Zeit, Hans!"

Bedarfst bn meiner?"

O, sehr!" antivortete sie einfach.

Er sah sie prüfend an.

Aber du bist wieder völlig hergestcllt, Della. Ich sehe es an deinen: Blick und deiner Haltung."

Ich brauche auch nicht den Arzt, sondern den Freund!"

Er hatte sie, ihre Hand noch immer festhaltend, zii einem Sessel geleitet, der ain geöffneten Fenster stand. Eine milde Frühlingsluft strömte herein, die Strahlen der niedergehenden Sonne fielen schräg in die Stube und malten dunkelrote Flecke auf den weiß gescheuerten Fußboden. Sie zuckte zu- samiiien, als sie dies gewahrte.

Weißt du, was geschehen ist? Wiederum bin ich einem Menschen zum Unheil geworden. Graf Guido . .

Rege dich nicht auf. Karl Viktor hat mir alles erzählt. Du wirst doch nicht so töricht sein, dir eine Schuld beizu- meffen?"

Sie hatte sich wie ermüdet niedergelassen, und er stand vor ihr und beobachtete, ohne daß sie es merkte, den wechseln­den Ausdruck ihres Gesichts.

Eine Schuld ... die trifft mich wohl nicht! Ich hatte keine Zuneigung für ihn, ebenso wenig wie für den andern. Ich mußte sein leidenschaftliches Werben, sein demütiges Bitten iind Beschivören ebenso zurückweisen wie das wilde, brutale Begehren des andern. Aber es ist doch traurig, Empfindungen zu erwecken, die unheilvoll sind für die, die sie hegen, beschämend und kränkend für mich. Ich bin mir nicht bewußt, je veranlaßt zu haben, je gewünscht, ivas so stürmisch und geivaltsani inir gegenübertrat und doch . . . was ist es nur?"

Die Illusion, Della ... der Nimbus, der dich um­gab, das Mysterium der Künstlerschaft, das Exzeptionelle > Glaube nur, wenn du still und einfach deinen Weg gewandelt wärest, iveder der eine noch der andere hätten deinen Weg gekreuzt."

Sie sah ihn verwundert an und dann lächelte sie, als finde sie erst allmählich das Verständnis seiner Worte.

Du meinst?"

Fasse meine Worte nicht falsch auf.- Nicht, daß ich glaube, daß du einen Mann nicht bezaubern könntest, aber was Guido, was Wittelsbach in dir suchten und zu finden glaubten, ivar doch etivas anderes!"

Ein flüchtiges Not durchschiinmerte die zarte Blässe ihrer Wangen.

Der Graf hatte schon in Dresden mir sein Interesse gezeigt ..."

Ich weiß es! Della, du kennst heute das Leben! Wie­viel Gutes, aber auch wie viel Schlimmes kann das geben! Vielleicht hätte er dann niemals um dich 311 werben brauchen UNd . . ."

Hans!" fuhr sie auf,

Ich spreche aus seiner Seele und aus dem, was in seinen Kreisen gilt."

Seine Stimme klang rauh.

Das alles ist dir nicht fremd, und daß eS anders kam . . . das bist du! Daß er später, als er dich wiedcr- fand, bewundert und gefeiert, fürchtete, du könntest ihm ent- schweben und, um dich nicht auf immer zu verlieren, dir seine Hand anbot, wohl wissend, daß er nur so dich ge- winnen könne, ist natürlich, und ich ivill ihm nicht unrecht tun, auch sehr ritterlich! Du aber bliebst dir treu! Ließest dich nicht verblenden und fragtest nach der Antwort deines Herzens! Er hingegen fand nichts Klügeres, als sich und eine andere unglücklich zu machen,"

Du bist hart, Hans!"

Vielleicht! Aber glaube mir, liebe Della, man kann nur dann weich und mild sein, wenn man erst recht hart ist und das wahre Erkennen und das wahre Wort nicht scheut. Das lernt man in meinem Beruf, soll es lernen. Mit falscher Sentimentalität würden wir nichts erreichen bei diesem nervösen, hypersensitiven Geschlecht."

Sie sah ihn einige Sekunden nachdenklich an.

Hast du darum, als ich dich bat, dir schreiben zu dürfen, was mich bewegt, es zurückgewicsen?"

Ja, Della!" sagte er mit schlichter Offenheit.Und darum bist du heute so weit, zu verwinden, was dir schreck­haft gegenübertritt, darum bist du heute so weit, daß ich klar und ruhig die Dinge mit dir bedenken und sie beim rechten Namen nennen kann, die so tief in dein Leben ein­greifen. Stark und wohl ausgerüstet für das Leben, das dir befchieden ist."

Ein seltsames Licht brach aus ihren Augen.

Du meinst die Bühne?"

Ja! Du bist deiner herrlichen Kunst wiedergegcben! Darauf hatte ich Bedacht zu nehmen."

Di: bist ein gewissenhafter Arzt!"

(Fortsetzung folgt.)