Mittwoch den 5, September
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Der Stern.
Roman von Ulrich Fra n f.
Nachdruck verboten.
' : (Fortsetzung.)
Dieser war daher ganz früh hinaufgegangen, und jetzt befanden sie sich auf den: Wege nach dem Städtchen, wohin ihn der Freund begleitete.
Nur ein Seufzer beantwortete den Ausruf Hans.
„ "®n§ Herz wird mir weit — vor dieser jungfräulichen Schönheit ringsum. Ich bitte dich, Carl, warum bist du so still? Vor dir liegt die Heimat in ihrem prächtigsten Gewand, in dem hellen, grünen, sonnenvergoldeten Frühlingskleid. Ist es nicht, als ob sie sich uns zu Ehren so schön geschmückt hätte?"
„O Gott, Hans, dir ist das Herz weit und mir eng und bedrückt. Wie soll ich der Heimat mich freuen, die mir so viel Trauriges birgt?" Er sann einen Augenblick still vor sich hin.
„Ja, einst . . . einst, wie wir jung waren wie dieser Frühling selbst!"
Ein herbes Lächeln zog um seine Lippen.
„Aber heut! Was liegt zwischen damals und heut! Wenn wir drei so den Berg hinab und die Chaussee entlang in den Frühling hinausjauchzten, hinausliefen, als wollten wir ihn uns einfangen. Du und ich nnb — sie. Sie, die jetzt dort oben tragisches Schicksal gespielt."
„Wie nahm sie es auf? Aus dem, was du mir schriebst, konnte ich die Sache nicht klar überschauen. Deine Mitteilungen waren unruhig und verworren."
„Da bleibe der Teufel kaltblütig und ruhig bei solchen Ereignissen!'
„Du, bei1, geschulte Diplomat?" warf Hans ein, um ihn seiner Erregung zu entreißen.
„Diplomat! Ich referiere lieber über einen ganz verwickelten Streitfall am Kongo als über bie Wirrsale in Giers- dorf. Diese Wirrsaalc . . . puh! Unb bcr langjährige Guerillakrieg, den der arme, tapfere Guido kämpfte, mit der ewig blutenden Wunde im Herzen, es ist scheußlich! Und nun die Konsequenzen."
„Wie aber kam denn das alles? Man hatte eigentlich nie gehört, daß er für DeLla eine besondere Neigung hatte."
„Ja, wer sollte das bemerken? Wir, die wir sie als unser Eigentum betrachteten? Wann hat junger Studenten- hochniut einen Blick für das, was andere bewegt und berührt? Das ist ja die Zeit des krassesten Egoismus. Mit uns war sie, zu uns gehörte sie, wir hatten das alleinige Anrecht auf sie. Daß da ein reifer, ruhiger, älterer Mann unser Märzveilchen mit tiefen, begehrenden Blicken betrachtet, daran denkt
man in seinem Ucbcrmut garnicht. Und nun gar Guido, der um so viel ältere, der ernste, zurückhaltende . . . dank den Würden, die er so früh auf seine schultern laden mußte! Meine Mutter war ivohl bie einzige, bie was gemerkt hat» beim sie brang am meisten darauf, daß Della die Künstler- laufbahn erwähle. Frauen haben dafür einen schärferen Blick. Als Della vor acht Jahren Bernstadt verließ, da waren wir beide doch nur vorübergehend als Gäste hier, Alfons längst beim Regiment . . . wer weiß, ob Mama das Zusammensein und Alleinsein mit dein damals herrlich auf- blühenden Mädchen nicht fürchtete und deshalb ihrer Ausbildung so dringend das Wort redete . . . Mutmaßungen. Ihr Geheimnis deckt nun seit einigen Wochen das Grab nnb es ist ein Glück, daß meine Mutter biese Katastrophe nicht zu erleben brauchte. Sie mag genug gelitten haben neben biefen beiben, neben dieser Ehe. Sie, die des sonnigsten Eheglücks an der Seite meines Vaters teilhaftig gewesen."
Ein leichter Frühlingsivind strich durch bie Felder.
Graf Karl Viktor schauerte ein wenig zusammen.
„Ich glaube, meine arme Mutter ist erstarrt in den Frostschauern der Ehe ihres ältesten Kindes . . . erfroren!"
„Aber, daß ihr nichts merktet!"
„Ich bitte dich, wer? Wenn man aiif Tage oder kurze Wocheii zu Besuch kommt? Die konventionelle Lüge Hilst über so vieles scheinbar fort. Unb gar in unseren Kreisen, wo bas Formelle herrscht unb nicht als bas Besonbere gilt. Das heißt bmui vornehm, aristokratisch, feubale Lebenshaltung! Und so eilt Skelett im Hause wandelt ruhig neben einem her, setzt sich mit uns zu Tisch und beitet sich in die weichsten Winkel, ohne daß man es geivahr wird . . . Man spielt sich einander Komödie vor . . ."
(Eine tiefe Bitterkeit klang aus seinen Worten.
„Geschivister werden sich fremd, sobald sie ihre eigenen Lebenswege gehen. Mas die Familienbande zusaniinenhalten, hat wenig Bedeutiing für das Innenleben des einzelnen. Der künftige Lebenskreis, Beruf und individuelle Neigiingen allein sind entscheidend. So wird man kaum geivahr, was in der Seele des andern vorgeht. Mit seinem innersten Erleben ist jeder Mensch allein ... da gibts nicht Bruder, nicht Freund, iticht Geliebte . . . und so hat Guido sein Elend allein getragen! Wir fanden seine Fran nicht angenehm, nicht liebenswürdig; ivir wunderten uns ivohl auch in einer Stunde, die uns Zeit ließ, uns gelegentlich mit etwas anderem als dem lieben Ich zu beschäftigen, warum er sie erwählt--« c’est tont. Wir fragten nicht, und er sagte nichts."
„Aber warum hat er sie wirklich geheiratet?"
„Par d6pit, wie cS jetzt den Anschein hat. Helene, die vorgestern abreisen mußte, weil eines ihrer Kinder erkrankte,


