Ausgabe 
5.5.1906
 
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Nun führte mich wieder einmal der Weg nack Frankfurt. Gern folgte ich der Einladung von Frankfurter Bekannten, am Abend ilir einerAeppcsioein"mirtschaft int Osten znsammenzntrcffen. Im treuen Ratskeller desRömer" klagt ja in den Bildern an -en Wanden einSachsehäuscr" resigniert:Es is mer alles hier so sein, ich glaab, hier gibt's kamt Aehpelwein!" Besonders Verlockend saß das Lokal zunächst nicht aus, und nach dem herauSdringenden Lärm war man geneigt, sich auf eine Fuhr- manuSkneiPe gefasst ztt machen. Jin Innern niedrig« Räume, entfach braun nt Oelfarbe gestrichen: um so größer die lieber» raschung, in den artwesendeit Gästen ein gutes, man könnte sagen distinguiertes Publikum zu finden, an runden sauberen Holztischen auf einfachen Stühlen oder Bankert sitzend, dazwischen auch ein­fachere ßcnte, Männer und Frauen, zwanglos verteilt, alles in sehr lebhafter Unterhaltung int Frankfurter Dialekt. Dabet schien die Grenzlinie des guten Tones, über die der Bierkonsum so leicht lrinausschlagen läßt, allseitig im rechten Maße nute» gehalten. Fritz, oder wie er hieß, der Anfwärter, brachte bald die gerippten Gläser; anfänglich schmeckte der Inhalt etwas herb, es war aber die richtige Sorte, zu dem ein guter Mainzer- käs mit kräftigem Brot trefflich mundete. In Sachsenhausen hat man die bescheideneren sogenanntenHeckenwirtschaften", bei denen der Ausschank an einem herausgehängten Fichtenkranz er­kennbar ist. Die Wirte sind dort meist Gärtner, die ihr eigenes Obst keltern und abwechselnd verzapfen, in der Regel nach Verabredung, so daß in derselben Straße vielleicht 14 Tage lang der eine zapft und dann schließt, wonach die Kundschaft sich zu dem andern begibt, der an der Reihe ist. Für 40 Mark Steuer darf das ganze Jahr gezapft werden. Ist das Lokal gedrängt Völl, und stehen die Gäste sogar um den Ofen herum, so kann inan annehmen, daß der Stoff gut ist. Essen liefert der Metzel- bub in Gestalt vonKümmelweck und Fastebretzel"; sonst kann der Gast sich seinen Bedarf in Papier eingewickelt mitbringen. Auch stellt sich zuweilen der Zeitungsträger ein. Dann erscheint zur Abwechselung ein Gesangverein, der in der Apfelweinzeit die Probe in ein Lokal mit gutem Stoff verlegt. Um die Spargelsaison wird geschlossen, da dann der Wirt und Gärtner mit Stechen und Verkauf dieser Frucht beschäftigt ift._ Soviel über Sachsenhausen, wo trotz der Entwicklung zur Großstadt sich an­scheinend noch behagliche Verhältnisse aus Altfrankfurter Tagen erhalten konnten. Frankfurt aber besitzt in seinem Nationalgetränk und den zugehörigen Spezialwirtschaften eine in Anbetrackt der Mäßigkcitsbewegmtg nicht zu unterschätzende Eigentümlichkeit.

LitermrIsches.

M ar Grad: Dj ayi. Roman. Verlag von Egon Fleischet & Co., Berlin W 35. Preis: 3,50 Mk. Nach längerer Pause bringt Max Grad wieder ein Werk. Es hat den Titel Djayi" nach der Heldin des Romans, einer jungen algerischen Sklavin, die durch verschiedene Zufälle mit einem jungen Kauf­mann nach Deutschland kommt. Dieser gerät durch sie in die mannigsachsten Konflikte. Seine fanatisch orthodoxe Familie wird ihm ganz entfremdet, seine Verlobung mit einem jungen Mädchen aus seiner Heimatstadt, die seiner nicht wert ist, geht zu seinem Glück zurück, und schließlich sicht er sich ganz allein mit Djayi. ^Er­kauft sich am Rhein an und lernt im täglichen Verkehr, abgeschlossen von der übrigen Welt, das Mädchen in seiner Eigenart immer mehr kennen und erwidert schließlich deren schwärmerische Liebe. Doch nur zu bald findet das Idyll sein Ende durch den Tod der Geliebten, die dem rauhen nordischen Klima und der Sehnsucht nach ihrer sonnigen Heimat zum Opfer fällt. Max Grad verbindet ohne Zweifel mit einem klaren Blick für das Wirkliche eine blühende Phantasie. Seine umfassende Vielseitigkeit verblüfft in diesem Roman. In dieser in der ersten Halste des vorigen Jahrhunderts spielenden Lebens- und Liebesgeschichte hat er cs verstanden, ©c= schehnissc, die in dieser Form heutzutage nicht mehr möglich sind, Verhältnisse, die sich vollkommen geändert haben, uns so zu geben, daß wir uns wirklich in die Zeit der Postkutschen zurückversetzt glauben und mit aufrichtigem Interesse der Handlung des Romans bis zu Ende folgen.

F c d o r von Zabeltitz: Eine Welle von drüben. Roman. Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W 35. Preis Pik. 6.. Auch in diesem, seinem neuesten Roman bewährt sich Fcdor von Zabeltitz als ein feinsinniger und phantasievoller Erzähler. Der figurenreiche, im besten Sinne unterhaltende Roman führt den Leser in den ersten Kapiteln aus eine Orientreise. In dieser straff geführten und dramatisch sich steigernden Exposition überraschen die cingeftreuten Landschaftsbilder durch die Pracht und Anschaulichkeit ihrer Schilderung; der Verfasser versteht es vor» trefflich, dem Leser die Wunder des Orients an der Hand seiner Fabel vor Augen zu führen. Im weiteren Verlaus der Erzählung kehrt Zabeltitz auf den Boden seiner märkischen Heimat zurück I wieder sind es der agrarische Adel und die um ihn sich gruppieren­den Gesellschaftskreise, die er in außerordentlich scharf wieder- gegebenen Typen und Einzelerscheinungen zur Darstellung bringt. Figuren wie der alteFeldrat", wie der polnische Kreisarzt,^ der BauerPiepmaul" und der Doppel-Schulze, wie Graetz und Frau Annasreda, der nervöse Landrat undMylord" Feldern, prägen

sich in ihrer köstlichen Frische lebhaft dem Gedächtnisse ein. Be­sonders gut ist dem Verfasser die kleine Kanadierin Marie-Angß- lique gelungen, eine holde wilde Blume, die der Gutsbesitzer Graetz von seinen Reisen mit in die Heimat gebracht hat, und die den Mittelpunkt der in raschem Flusse sich abwickelnoen Handlung bildet. Wie eineWelle von drüben", ein heißer Odemzug der Vergangenheit, immer wieder lenkend und leitend in die Geschicke der armen kleinen Frau hincinspiclt, bis sie sich zur Herrin des Gewesenen cmporzuringen weiß: das hat Zabeltitz mit großer psychologischer Feinheit und dem vollen blendenden Zauber seiner Erzählungskunst in einer Reihe prächtig bewegter, auch an humo­ristischen Episoden reicher Bilder zu schildern verstanden.

Gesrmdheitspstege.

Die Nervosität, die Modekrankheit unserer Zeit, ihre Ursachen, die Selbstvergistimg und ihre Heilung durch ein erprobtes Blutreinigungsverfahren." Von Dr. med. Walser. 2, Auflage. (Mk. 1.20.) Verlag von Edmund Demme, Leipzig. Unsere heutige raschlebige Zeit mit ihren vielfach gesteigerten Ansprüchen an den Geist und die Nerven des Einzelnen, mit ihrem aufreibenden Kamps ums Dasein bedingt einen starken Verbrauch von Nerven­substanz, welche den Nerven, dem Gehirn und Rückemnark entzogen wird. Durch Leistungsunsähigkeit des Darmes entstehen Selbst- giste, welche erregend auf das Zentrum der Blutgesäßnerven wirken, so daß beständige Blutwallimgen nach dem Kopfe stattfinden; hier heißt es, rechtzeitig die Krankheitsursache beseitigen.Entfernt die Selbstgifte aus dem Blute," sagt der Autor,und ihr werdet glück­liche Menschen, denen des Lebens Mai zweimal erblüht!"

D i e Ohren erkrankung, eine Selbst- oder B a k t e r i e n - V e r g if t n n g. Wie entgiftet oder heilt man die­selbe radikal durch ein praktisch erprobtes, hygienisch-diätetisches BehandlungIversahren ? Für Laien populär bearbeitet von Dr. med. Walser, Spez. d. physik.-diät. Heilmethode. (0,60 Mk.) Verlag von Edmund Demme, Leipzig. In verständlicher Weise gibt die Schrift Ausschluß über erfolgreiche Behandlungsmethoden.

Ein neues Heilmittel gegen Magenleiden. In der englischen meb. ZeitschriftLancet" empfiehlt Dr. F. T. Bond Rum und Milch als ein Radikalmittel gegen hartnäckige Magenleiden (Verdauungsbeschwerden). Er sagt,' die Krankheit müsse geradezu hoffnungslos geworden sein, wenn sie nicht dem Gebrauche einer kleinen Tasse warmer Milch mit dem Zusatze eines Teelöffels Rum, mehrmals des Tages genommen, weichen wollte. Nach der Milch soll der Patient ein oder zwei trockene Bisquits und etwas weichen Käse essen. Da Rum und Milch in England als sehr gemeines Getränk betrachtet wird, empfiehlt Dr. Bond dafür den AusdruckLast au Rhum" zu gebrauchen.

Humoristisches.

"Sie:Arthur, nach sechs Wochen der Ehe merkte ich, daß Du mich nicht mehr liebst". (Bewegung des Gatten.)O, gib Dir keine Mühe zu leugnen; um damit etwas zu erreichen, hättest Du eine dümmere Fraii heiraten müssen I" Er (geknickt):Was willst Tn? Ich habe leider keine gefunden!"

In der Nage. Herr, zu einem Kaufmann:Also Ihnen ist der Kassierer samt einer Tochter durchgebrannt?" Kauf- mann: Ter Elende! Und dazu auch noch mit der jüngsten l"

Kindlich. Fritzl, als ihn Papa in ein Restaurant mit­nimmt:Papa, buben wir denn auch den Hausschlüssel mit« gekriegt?"

* As en m:Ich höre, Ihr Sohn will sich der literarischen Laufbahn widmen". Frau Steamer:Ja, er hat heute morgen damit begonnen". 31 § cum:Was Sie sagen! Was hat er getan ?" F r a u D reamer:Er hat dem Photographen in zwei Posen gesessen einmal ein Buch lesend und einmal mit gestütztem Kopfe".

Citateurätfcl.

Nachdruck verboten.

Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat erzielst:

1. Was glänzt, ist für den Augenblick geboren.

2. Sollen dich die Dohlen nicht umschrein, Mußt nicht Knops auf dem Kirchturm sein.

3. Was man in derJugend wünscht, hat man imAlterdieFülle.

4. Weihrauch ist nur ein Tribut für Götter Und für die Sterblichen ein Gift.

5. Kein Mensch muß das Unmögliche erzwingen wallen.

6, Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt,

7. Es geht gut, der Berg ist überschritten.

8. Zu viel kann man wohl trinken, Doch trinkt man nie genug.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer;

DaS Auge des Gesetzes wacht.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.