Ausgabe 
5.5.1906
 
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In gewisser-Beziehung haben sic recht, denn sie sind die Opfer einer verkehrten Erziehung, welche aiii die Gefühlsseite zu viel, <utf die Willensseite zu wenig Wert legte.

Der Mensch bringt als erste wahrnehmbare Eigenschaft enteil kräftigen Selbsterhaltungstrieb mit auf die Welt. Werden nun diesem nicht schon im frühesten Alter angemessene Grenzen ge­steckt, so wachst er sich zu krassem Egoismus aus. Das Kind macht dann, je älter es wird, desto maßlofere Ansprüche an seine llmgebung, und da heißt es denn auch,jung gewohnt, alt getan". Diejenigen Menschen aber, die gegen andere am härtesten sind, Pflegen gegen sich selbst erfahrungsgemäß überaus weich­lich und nachsichtig zu sein. Diese Wahrnehmung kann man schon an Kindern bestätigt sehen. Gerade solche, die mit ihren Spiel­gefährten nicht Friede halten und immer geneigt sind, andere zu unterdrücken und sie gelegentlich auch zu zausen und zu knuffen, können ihrerseits nicht das geringste von anderen hinnehmen. Unter zornigem Geschrei'eilen sie dann wohl zu ihrer Hüterin, um ihr das widerfahrene Leid zu klagen. Und diese, sei es nun Mutter oder Wärterin, nimmt unbedenklich für dasarme Herzchen" Partei, bedauert und tröstet es' mit den süßesten Schmeickclwvrten und unter übertriebenem Schelten auf seine Widersacher. Dies Bedauertwerden aber tut dem kleinen Geschöpf unendlich wohl und bringt ihm überdies noch die irrige Mein­ung bei, es sei etwas besser als seine Genossen und dürfe daher nach Laune mit ihnen umgehen. Dadurch aber steigert sich natur­gemäß seine Empfindlichkeit noch weiter.

Aehnliche Beobachtungen drangen sich einem manchmal auf, wenn ein Kind fällt oder sich stößt, ohne Schaden zu nehmen. Da heben, überzärtliche Seelen das Verunglückte unter ausgiebigem Bedauern empor und fragen es in jammervollem Ton aus; je mehr Getue wegen des Zwischenfalles gemacht wird, desto lauter brüllt das Opfer. Dann natürlich muß auf solche Weise das arme Wesen zur Ueberzeugung kommen, daß seine Leiden schrecklich und daß es ungemein bedauernswert sei.

Kinder setzen nun einmal unbeschränktes Vertrauen in das Urteil Erwachsener und richten ihre Schlüsse danach. Und über­dies, wenn sie so recht bedauert werden, so schmeichelt dies ihrem Selbstgefühl nicht wenig, sie dünken sich ungemein interessant und wichtig und übertreiben gern ihre Schmerzen um dieses an­genehmen Zustandes willen.

Sehr ost entdecken auch unsere Schulkinder, wenn sie des Morgens früh ans dem warmen Bett nicht heraus möchten, altcrjei beängstigende Sympivme, und besorgte Eltern lassen sich täuschen. Der Patient wird mit größter Aufmerksamkeit gepflegt, und in Zukunft benutzt er dann da§ kleinste Unbehagen als Mittel, um sich Schonung und Verwöhnung zu erlisten. Eifrige Selbst­beobachtung in bezug auf etwaige verwendbare Schmerzen ist der .Erfolg.

Neben der Verzärtelung, die sich 'auf vollendete Tatsachen bezieht, gibt es noch eine, sozusagen prophylaktische, oder vor­greifende. Sic äußert sich 'hauptsächlich darin, daß mau seine Kinder ängstlich vor jeder rauhen Berührung hütet, daß man immer mit der Mahnung bei der Hand ist,tu das nicht, das macht dich krank, rühr dies nicht an, das beißt nsw." Ihre Früchte sind jene schlaffen, energielosen, bleichen Pflänzchen, die immer im Zimmer bleiben müssen, wenn andere sich fröhlich in der frischen Gottesnatur tummeln, denen ein schiefer MfS, ein neckisches Wort Tränen erpreßt. Lehrer und Lehrerinnen können ein Lied singen von der Rot, die sie mit solchen Schülern 1 haben.

Im Entwickelungsallcr, wo das Heranwachsende Menschen­kind besonders zu Empfindlichkeit neigt, wird auch von über­zärtlichen Erziehern viel gefehlt, indem sie kleine Störungen zu hoch einschätzen und auf dieNerven" undSentiments" der jungen Herrschaften viel zu große Rücksicht nehmen.Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen", sagt Goethe, und das Leben mit seinen Ecken und Kauten nimmt keine Rücksicht auf ver­zärtelte Naturen. lind es zwingt ost diejenigen, die nicht gelernt haben, seinen Anforderungen zu genügen, in seine harte, bittere Leidensschnle. Darum ist es schlecht angewandte Liebe, wenn Eltern ihre Kinder verweichlichen und sie so der Fähigkeit be­rauben, eS mit dem Leben aufzunehmeu.Ich kann nickt", damit pflegen Kinder sofort bei der Hand zu fein, wenn ihnen ein Auftrag unangenehm oder mühsam erscheint. Glaubt man ihnen aufs Wort und untcrläkt es, sie mit einem ernstendu mußt" eines' besseren zu belehren, so wird die bequeme Ausrede immer häufiger gebraucht, und schließlich zur schlechten Ge­wohnheit werden. Eine Erziehung, die dies ausschließt, ist die beste Rüstung, mit der wir unsere Kinder für den Kampf des Lebens wappnen können. Uebuug im Gehorsam, Selbstzucht und Ausdauer find zur Erreichung dieses Zweckes gute Mittel. Des­gleichen Hebungen, die den Körper stählen und Geistesgegenwart und Pünktlichkeit verlangen, denn wo der Leib schlaff ist, pflegt auch der Wille wenig Spannkraft zu besitzen.

Aber auch Tage der ernstlichen Krankheit können nur zur Erreichung unseres Zieles nutzbar machen, wenn wir den kleinen Patienten behilflich sind, ihre Leiden mit Geduld und Mut zu ertragen, sei cs durch tröstenden, ermutigenden Zuspruch, sei es dadurch, daß wir in jeder Weise versuchen, ihre Gedanken vvn der ständigen Beschäftigung damit abzulenken. Einen, guten Dienst erweisen wir ihnen, meint wir ihnen beizeiten die Erkcnut-

nis nahe bringen, daß der Wert und das Glück des Daseins nicht von der Erfüllung eitler Wünsche, sondern von der Er­füllung der Pflichten und von der Ueberwindung der Fehler ab­hänge. Wir sind nun einmal nicht zu unserem Vergnügen in diese Welt gestellt worden, sondern dazu, daß wir unsere sittliche Persönlichkeit zu ihrer höchsten Entfaltung bringen. Ihn diese schwere Aufgabe erfüllen zu können, bedürfen wir aber eines festen beharrlichen Willens, der von Kindesbeinen an mit Umsicht geschult wurde.

Die Kriegsartikel der Ehe.

Aus Paris wird demBester Lloyd" geschrieben: Die vierte Pariser Zivilkammer, der die Scheidungsprozesse zugewiefeu sind, hatte sieh dieser Tage mit einem recht kurzweiligen Falle zu be­fassen. Eine Arbeiterin der Tabakmauufaklur verlangte nach zwanzigjähriger Ehe die Scheidung von ihrem Manne, dein sie schlechte Behandlung vorzuwerfen hatte. Ihr Vertreter wies daraus hin, daß der Kriegszustand in dieser Ehe keineswegs eine neue Erscheinung fei. Frau Camille habe schon einmal das Haus des Gallen verlassen und die eheliche Gemeinschaft erst wieder anfgeuommeu, nachdem der Manu sich den Bestimmungen eines sein zukünftiges Verhalten regelnden Vertrages unterworfen hatte. Der Anwalt legte die Urschrift dieses originellen Kodex dem Gericht vor. Er enthält nachfolgende Grundsätze:

1. Artikel. Da? Geld m der Wirtschaft werde ich ver­walten und ich werde Dir nicht mehr, wie ich es bisher dum­merweise gehalten habe, täglich Rechnung ablegen. Im Gegenteil, es ist Sache des Mannes, der Frau Rechnung abzulegen.

2. Artikel. Ich will nicht, daß Du Dich in meine Ge­wohnheiten störend einmengft. . Ich will einkausen, wie es mir beliebt, ohne daß Du immer die Sachen zu teuer findest, umso­mehr, als es nicht meine Gewohnheit ist, das Geld zum Fenster hiuauszuwerfeu.

3. A rtik e l. Unter keinem Vorwande will ich bei uns Freunde oder Kollegen empfangen, ebenioroeitig wie wir zu ihnen gehen werden, aus dem Grunde, weil ich nicht Gegenstand der Unterhaltung irgend jemandes fein will und weil ein schiefes Wort, das über mich gesprochen würde, selbst ohne daß eine böse Absicht dahmterstäke, mich verletzen und veranlassen könnte, der Gesellschaft Sotlifen zu sagen. Was unsere Ausgänge betrifft, so wirst Du mich ins Theater führen, wenn wir uns das mit unserem .(Selbe erlauben dürfen, da ich niemandem verpflichtet fein will. Ober wir werden aufs Land hinausgeheu, wie ehedem, jedoch nur unter der Bediugung, daß wir uns nicht, wie das ost genug vor- gekommen ist, wegen dreißig Centimes für den Omnibus streiten, wenn ich müde geworden bin.

4. Artikel. Ich habe einen halben Tag für die Wirtschaft nötig, zum Flicken ober für andere Dings. Ich will nicht, baß Du deshalb brummst, weil bas verlorene Zeit fei.

ö. Artikel. Familicubesuche halber darf cs keinen Streit geben. Ich liebe Deine Mutter sehr, und ich achte sie womöglich noch mehr. Aber ich liebe keine erzwungeuen Sachen. Also wenn Du Deine Mutter besuchcu willst uiib ich nicht in ber Stimmung bin, wirst Tu allein gehen, ohne deshalb einen Streit auzu- sangen.

6. Artikel. Unsere Tochter war olt der Hauptgegenitand des Streites zwischen uns. Ich will mich daher garnicht mehr mit ihr befassen. Tu allein wirst die Verantwortlichkeit für sie übernehmen. Während ich koche, wirst Du ihr bei ihren Aufgaben helfen und wirst sie lesen und schreiben lehren. Du wirst sie nach Verdienst bestrafen oder belohnen und so werden wir vielleieht Frieden haben".

Madame Camille fügte diesen strengen Kapilulalions- bediuginigen die Ermahnung an den Galten bei, seinen Entschluß reiflich zu überlegen und die llnabhäugigkeit ihres Charakters wohl in Betracht zu ziehen. Der Ehemann kapitulierte jedoch. Halle er aber feinen ehelichen Gehorsam überschätzt ober die Bedingungen ohne Aufrichtigkeit nnterschrieben kurz, am Ende wurde er brutal und führte den Kampf gegen die ehelichen Diktatur­paragraphen, indem er die Frau mißhandelte. Das Gericht sprach die Scheidung ans. Ob Madame Camille ihre größere Muße zur Propaganda ihrer Ehestandsnormen benützen wird?

Ftt Frankfurt SeimAeppelwei".

In Anbetracht der die Gegenwart bewegenden Alkoholsrage naljiit ich dieser Tage bei einem Besuche der schönen Stadt Frankfurt gern die Gelegenheit wahr, meine Kenntnisse in Puncto bibendi noch zu erweitern. Zwischen den einzelnen Bierarten kann man erheblich differenzieren, namentlich nach der ©eite des! Alkoholgehaltes hin, sofern man nicht dem Feind ganz entsagt. Die Gefahr liegt aber eben darin, daß man in Deutschland alkoholische Getränke in Mengen gebraucht, um den Durst zu löschen, nicht als mäßiges Genutzmittel. Häufig imnidern sich Deutsche, daß man in Frankreich guten Weinü discrstion", also kostenlos in beliebiger Menge, zu Tisch erhält; indesseu pflegt eben der Franzose davon keinen ungebührlichen Gebrauch zu machen. Gdrardmer soll aber in einem Hotel eine, besondere Tafel für dcntfche Ausflügler eingericlitet fein, seitdem der Wirt einmal keine guten Erfahrungen mit deutschen Güsten gemacht hatte, die in jener ungewohnten Freiheit etwas zu weit gegangen waren.