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„Gott, eilt bißchen Spaß muß der Mensch doch auch haben, e§' wär' ja sonst rein zum Auswachsen öde und langweilig — das Leben. Außerdem ist es doch kein Verbrechen, wenn ich einen Dichter als Muse zum Schassen inspiriere, vielleicht dankt mir's die Nachwelt noch mal — er dichtet nämlich wirklich gut, Tanting, nicht etwa Sonne und Wonne — Liebe und Triebe."
Wie sie so spricht, ist sie wieder ganz das alte, leichtsinnige, oberflächliche Weltkind, das durch nichts zur ernsten. Lebensauffassung zu bekehren war. Tse Wunden vergangener Zeiten sind vernarbt, Fritz Trautendorf ist längst Verschmerzt, wenn auch nicht vergessen. Im verborgensten Winkel ihres beißen Herzchens schlummert die Erinnerung an ihre erste Liebe und ihr trauriges Ende und lvird als köstlicher Schatz treu von ihr gehütet. Ohne daß sie selbst es weiß, ist dies treue Erinnern ihr ein starker Schutz gegen die Gefahren, welche die Großstadt für ein so leicht veranlagtes Geschöpf täglich bereit hält. Sie hat ein fabelhaftes Glück bei den Herren und oft hatte ein einziger unüberlegter Blick, ein harmloses Lächeln genügt, einen hartnäckigen Verfolger an ihre Sohlen zu heften. Zu ihrem Glück hotte noch keiner von all denen, die huldigend ihren Weg gekreuzt hatten, den Vergleich mit ihrem Fritz aus- gehalten und solche Straßen Überfälle waren ihr nie zu einer Versuchung geworden. Sie amüsierte sich köstlich darüber, verfügte auch über die nötige Schlagfertigkeit und Unverfrorenheit, allzu Zudringliche gehörig ablaufen zu lassen, was sie daun zu Haus mimisch vorzutragen pflegte.
Ruth jedoch hatte selbst für dieses Amüsement kein Ver-. ständuis, sie wäre in ähnlichen Fällen empört, ja verzweifelt gewesen.
Auch jetzt konnte sie einen leisen Seufzer der Mißbilligung nicht unterdrücken, den Suse recht wohl verstand. Sie zog eine Lippe und kauerte sich in den zweiten Lehnstuhl der Schwester gegenüber, sich in ein trotziges Schweigen hüllend.
„Ich heirate mir wahrhaftig den ersten besten Mummelgreis, wenn ich bloß aus der Misere und der ewigen Aufpasserei herauskomme!" dachte sie wütend.
Tann wurde sie sehr rot.
Tante Hertzberg hatte angefangen, von ihrer Töchter zu sprechen und erzählte nun gerade, daß Hauptmann von Brockhaus, der vor kurzem Major geworden war, Aussicht habe, aus der entfernten Garnisonstadt im Westen nach Berlin in den Großen Generalstab versetzt zu werden.
Und sie fügte hinzu, daß sie sich wirklich auf das Zusammenleben mit ihren Kindern freue, denn der Max habe sich nach der nervösen Geschichte damals so zu seinem Vorteil verändert, beide Eheleute seien überhaupt so zugänglich und liebenswürdig geworden, daß sie nicht mehr zu befürchten brauche, etwas anderes als Glück und Zufriedenheit bei ihnen zu finden. Es war damals eine schwere Krise in ihrer Ehe gewesen, aber sie war zum Wendepunkt für ein, neues, glückliches Leben geworden.
Auf welche Weise sich Meta eigentlich ihren Mann gewönnen hatte, war Sipe verborgen geblieben, aber sie sagte sich, daß sie in gewissem Sinne den Grundstein zu diesem späten Gluck gelegt hatte, ohne jedoch bei diesem Bewußtsein ganz die unliebsame Mahnung an einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit verdrängen zu können. Für Meta hatte sie aus der Entfernung eine fast schwärmerische Zuneigung gefaßt, seit ihr klar geworden, daß sie, klug und diskret zugleich selbst ihrer Mütter nichts von ihrer, Suses, Schuld an der Trübung ihrer Ehe verraten hatte. Sie freute sich innerlich ganz kindisch sobald sie wieder! erneut hörte, daß die Ehe der Cousine jetzt wirklich eine musterhafte fei. Wiedergefehen hat sie das Ehepaar noch nicht, und als die Geheimrätin sich nun ivieder zu ihr wendet und lächelnd verspricht: „Freue Dich nur auch auf Brockhaus, Kleinchen, sie werden Tich gewiß gern wieder als Töchterchen mit in Gesellschaft nehmen", da überfällt sie ein erstickendes Herzklopfen — eine Flut von Erinnerungen stürzt über sie her — wie eine Vision sieht sie Fritz Trautendorfs hübsches, gebranntes Lentnantsgesicht, seine blitzenden, dunklen Augen, sie hört seine zärtliche Stimme:
„Mein süßes Mädchen."
Jäh emporguellende Tranen verschleiern ihren Blick, sie will sich bezwingen, aber es gelingt ihr nicht — der ganze Jammer ihres verlorenen Glückes, ihres armseligen Lebens erfaßt sie mit voller Gewalt und impulsiv, wie sie alles tut, springt sie auf und flüchtet ins Nebenzimmer.
Die Geheimrätin macht ein sehr verblüfftes Gesicht.
„Was soll denn das heißen?" meint sie kopfschüttelnd und trinkt im Schreck ihren Likör mit einem Zuge herunter.
„Was das heißen soll?" Ruth kämpft sichtlich mit großer innerer Erregung, „das sind so Suses wechselnde Stimmungen, bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt. Ich hab's aufgegeben, ihr das abzugewöhnen, es liegt wohl in ihrem Temperament und ich hoffe, Tante, Du nimmst es ihr nicht übel."
Eine plötzliche Weichheit vibriert durch ihre Stimme.
„Sie tut mir ja grenzenlos leid, das arme Ding!" fährt sie fort, „sie ist so gar nicht die Natur, sich zu fügen, sie stößt sich die Flügel wund in diesem nutzlosen Kampfe gegen Unabänderliches, sie will sich's durchaus erzwingen — das Glück. Ach, Tante, wie entsetzlich schwer ist doch das alles,"
Erschüttert neigt die alte Dame sich zu dem Mädchen hinüber, das nun am ganzen Körper zittert. Sie sucht vergeblich nach tröstenden Worten und so zieht sie nur den dunklen Kopf der Nichte an ihre Brust und küßt sie leise auf das weiche, schlichte Haar. So bleiben sie eine Weile stumm, indem das Zimmer sich allmählich in graues Dämmerlicht hüllt. Im Nebenzimmer, dessen Tür nur angelehnt ist, hört man Suse leise schluchzen.
Etwas Trostloses, Niederdrückendes webt gespenstisch durch die Dämmerstunde und die sonst so resolute Geheimrätin wird davon angesteckt. Sie fühlt förmlich den lähmenden Flügelschlag der großen Misere und ein leises Grauen überrieselt sie.
Eben will sie das lastende Schweigen brechen, als draußen zweimal die Klingel schrillt.
„Heinz!" Der Mädchenkopf ist von ihrer Brust emporgeschnellt.
„Er darf nichts merken, Tante, daß ich auch mal mutlos war!" flüstert Ruth hastig, wie schuldbewußt, „an Suse ist er Tränen gewöhnt, die nimmt er nicht so ernsthaft."
Als wenige Minuten darauf Heinz, von dem jüngeren Bruder begleitet, ins Zimmer tritt, brennt die Lampe bereits auf dem Sofatisch und die beiden Damen sitzen anscheinend heiter plaudernd beisammen.
Heinz ist ein hübscher, schlanker Mensch geworden, dem die Großstadt schon ein sehr sicheres, selbständiges Auftreten gelehrt hat, aber der Geheimrätin gefällt er von allen Geschwistern am wenigsten. Sie kann Ruths Befürchtungen sehr gut begreifen, es liegt etwas Unstätes, Mißmutiges in den ein wenig kurzsichtigen Augen und ein entschieden weichlicher Zug um Mund und Kinn.
„Noch kein Charakter!" urteilt die Tante und setzt hinzu: „wenn er überhaupt einer wird."
In der Art, wie er sich rasch hintereinander zwei Liköre eingießt, offenbart sich auch ein gewisser Leichtsinn, der in Worte übersetzt, heißen würde:
„Was kann das schlechte Leben nützen?"
Er bewegt sich ganz entschieden immer am Abgrund irgend eines Lasters, das für den Erdenjammer augenblickliche Betäubung verspricht. Der Geheimrätin wird heut himmelangst, sie weiß selbst nicht recht warum, und Walters forschende Knabenaugen schneiden ihr tief in die Seele. Sie bringt's nicht fertig, einen lustigeren Ton in dem kleinen Kreis zu schaffen, das erzwungene heitere Plaudern mit Ruth beim Eintritt der Brüder ist längst verstummt, sie fragt nur noch nach kleinen Einzelheiten aus Geschäft und Schule, dann steht sie auf und rüstet sich zum Fortgehen.
(Fortsetzung folgt.)
Vom Verzärteln.
Bon Klara Philipp.
Es gibt zahlreiche Leute, die ständig über Leiden zu flogen haben, ständig sich beleidigt und zurückgesetzt fühlen und zeder Anforderung mit einem stehenden, in weinerlichem Ton vorgebrackten: „Ich kann nickt" begegnen. Das sind jene Verzärtelten, Zimperlichen, Selbstlinge, die ihrer Umgebung und sich selbst zur Qual werden, die andere in der unleidlichsten Weise tyrannisieren, sich aber dennoch stets für arme, unterdrückte Opferlämmer halten.


