Ausgabe 
5.3.1906
 
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laucht, es gibt keine Tänzerinnen mehr. Ja', zu Meiner Zeit... Ich habe noch Hoguet gekannt und seine schöne Frau, die Emilie Bestris. Auch ihre Schwester Rosa war eine vortreffliche Solotänzerin; sie hat nachher den Hvfrcit Borck geheiratet, wissen Sie, den Geheimsekretär des alten Kaisers. Na, und wer erfindet heute so glänzende Balletts, wie der selige Taglioni! . . ."Ah ja", sagte der Prinz, ,Morgano', ,Ellinor' und ,Sardanapal'. ,Flick und Flock' habe ich noch mit Miller und Erich gesehen . . ."Es waren unsere besten Tänzer", bestätigte Soeben kopfnickend,die beiden und dann Guillemin und Gasparini. Ach dn lieber Gott, und die Maria Taglioni! Ich entsinne mich noch ihres letzten Auftretens als Myrrha in ,Sardanapal', für das Gropius die Dekorationen gemalt hatte, und als der große Scheiterhaufen angezündet werden sollte, fiel ein Funke auf das Kleid der Taglioni, aber ein Statist hatte Geistesgegenwart genug, ihn auszudrücken. Ein halbes Jahr später tvar die liebliche Marie Fürstin Windischgrätz. Durchlaucht, mau darf gar nicht cm die alten Zeiten denken!" Sie liegen mir zu weit", sagte Arenstein lachend;aber ich habe doch auch meine Balletterinnerungen. Die arme Grantzow, die Eerrito, die Ferraris und die Grifi Herr von Seeben, weis waren das für leuchtende Sterne! . . ." Ja, ja, liebe Durchlaucht, aber sie sind untergegaugen, verblaßt und verstorben, und es steigen keine neuen ans..."

Ganz hinten im Zuschanerranm standen Rafaöli und Imhoff sich wie zwei Tigerkatzen gegenüber, die zum Sprunge ansetzen. Beide flüsterten nur, um die Musik nicht zu stören; aber das Flüstern klang wie Fauchen und Zischen, und ihre Augen glühten dabei. .

Ich sage Ihnen, sie kann nicht singen, sie hat keine Spur von Talent", stieß Rafaöli hervor,es wird ein fürchtb ar er Rein fall."

Wird es ein Reinsall, Herr Rafaöli, so ist Ihre Oper dran schuld, aber nicht meine Tochter. Es ist keine Oper, sondern-ein Unding; es ist gar keine Musik; schon bei der ,Astarte' hat ninn gesagt, Sie hätten keine Ahnung von Kontrapunkt und von der Instrumentation."

Der interessante Arigo schnaufte förmlich vor Wut. Er bellte in heiseren Tönen.Es hat alles seine Grenzen. Sie oder ich! Ich werde Herrn von Seeben mein Ultimatum stellen. Ich höre, Sie wollen Frau Wanda Bloom als Koloratursängerin engagieren. Dagegen wehre ich mich. Das ist Ihre geschiedene Fran. Ihre jetzige Frau haben Sie uns auf den Hals gehetzt und Ihre Tochter gleich­falls. Ist das denn hier ein Institut für obdachlos gewordene Fafifamilien?! . . ." Seine Stimme schnappte über. Er jagte davon.

Imhofs schaute ihm einen Augenblick nach und schritt dann gedankenvoll den Parkettgang hinab.Sie hat ivenig Stimme", sagte er sich;darin hat dieser Mak'karonisritze recht. Sie ist auch hölzern in den Bewegungen. Wenn bloß der Priestap Ernst machen wollte! Dann setz' ich mich fest in den Sattel. Daun fliegt Rafaöli zuerst, und daun fliegt Giesecke und zuletzt Seeben. Alle fliegen . . ."

. ..Es war zwei Tage später, nm Nachmittage, als Fräulein von Sorben ihre Papiere zusammenlegte und hinaus in die Küche ging.

(Fortsetzung -folgt.)

Das Bttttggeselleuzrmmer.

3W eigenen Heim, das eine liebende Gattin behaglich ge­macht hat, läßt sich der Winter schon einmal wieder ertragen. Aber der Junggesell, namentlich Wenns mit demFamilien­anschluß" hapert, derjunge Mann" hats zu Winterszeiten schlecht. Sind es nur Einsauileitsgefühle und Geselligkeitstriebe, sind es' nicht noch andere Ursachen, die ibtn seinHeim" ver­leiden? Ja, wenn es nur ein Heim wäre! Aber er wohnt da Mgchen lauter fremden Sachen, z» denen ihn meist keine Er- inuernng, kein Erleben in Beziehung gebracht hat und mit denen ihn feilte Besitzfreude verbindet. Eigene Sachen aber auch abgesehen vom Geldpiuikt sind für ihn, der sich auch noch andere Städtchen ansehen will, nnzweckniäßiger Ballast. Das ist daS eine: sein Gemüt hat nichts mit deinMeublement" zu schaffen. Wie aber begegnet das 'feinem' Auge und seinem Körper? Nun auf dem' Sofa kann man meist weder liegen noch flut sitzen, so schön auch seine Beine gedreht, und seine Lehne mit Ornamentschnitzerei befleckt ist. Der Kleiderschrank sieht aus', als hätte er einmal in einem Palast gestanden, ist aber doch nnr übermaltes Kiefernholz, das vorne und hinten klaffend, den Staub durchläßt, Schluderware schlecht und billig. Ans dem' Vertiko" mit dem unvermeidlichen Aufsatz und auf döckrigen Evrdbretterst machen sich Schapen Von sonderbaren Dinaen breit.

die sich Nippes oder Dekorationsgegenstande neunen. Und dann d i e Bilder an den Wänden ...

Ei» paar erprobte Ratschläge, wie dem allen' wenigstens! etwas abzuhelsen wäre.

Man versuche zunächst einmal, ob sich nicht die Zieraten an Schränken und Sofalehnen einfach abheben lassen. Es' geht überraschend ost. Sie beweisen damit auch äußerlich, daß sie nur etwas An- Und Aufgeklebtes, nicht zur Sache, zum Körper des Möbels, Gehöriges sind. Hat män diesen Aufputz entfernt, so sieht solch Möbel manchmal noch verhältnismäßig erträglich aus. Jedenfalls ist es in feiner Form ruhiger, weniger zapplig geworden und stört nun das Auge nicht mehr so arg. Dann stelle man bescheiden aber energisch die Nippes ans der Galanterie-

warenhandlnug hübsch zusammen auf einen Stuhl in die Nähe der Tür und bedeute der Wirtin, wenn sie sich sanft entrüstet die Be- fchernng ansieht, man fürchte sie zu zerschlagen: ein praktisches Mo­tiv, das sie meistens einsehen wird. Auch kann man sie, hat man Platz, in den Schrank schließen, damit sie nicht verstauben. Sind die unschädlich gemacht, so bleibt der Bilderschmuck, und der pflegt das ärgste zu sein. Aber bei den Oeldrucken findet mau meist zwischen Rahmen und Bild genug Platz, nm etwa einen guten Holzschnitt aus einer Zeitschrift, der iTnem etwas gibt, dazwischen zu schieben und über mit Glas' versehene photo­graphische Süßigkeiten! von Sch-w'eniuger, Seifert, Sichel, van Riesen und ähnlichen geschmackverderblichen Lieblingen des Publi­kums läßt sich mit ein paar Oblaten leicht ein Blatt nach Dürer, Rethel, Holbein, Böcklin oder einem anderen echten Meister befestigen. Das Material dazu liegt ja jetzt glücklich und endlich' für wenige Pfennige in den Heften des Museums, den Meister­bildern für das' denlsche Haus, der Meisterwerken in Einzel­bildern nsw. vor. Aber auch der unerfreuliche Ausblick aus eine Gegenüberliegende Hanswand läßt sich wenigstens freundlich unterbrechen nud ablenken. Diaphanien sind ja meist fürchter­lich, aber uuaufgezogene Photographien nach klassischen Skulp­turen sind heute wohlfeil zu haben und zeigen transparent ge­sehen eine gesteigerte Kraft der Wirkung. Klebt mau sie nun mit dem Rande ans rahmenartig ausgeschnittene Pappen, die man, damit es ansehnlicher aussieht, noch etwas bekleben oder; tönen kann, so hat man Fenstervorsätze von ungemeinem Reiz. Auch mit einem Oel getränkte Drucke sind dazu zu brauchen, lind solche Bilder nud Blätter, die ein freundliches Heimgefühl in die Junggesellenwvhnung bringen, sind dünn, tragen nicht auf, sind kein Hindernis beim Umzug. Freilich selbst muß Man sich die Dinge besorgen, kleben und pappen, denn damit wird pta» außer dem Gewinn für das Auge, anch eine kleine Besitz- fr en de sich verschaffen. Den Segen der paar Ständen und paar Mark, die der Junggeselle dafür aufwendet, wird er bald auch int Geldbeutel spüren, wenn es im Monat anch nur ein halbes Dutzend Abende mehr sind, die er nun mit Freunden oder einem Buch als Freuud in seinen vier Pfählen verleben mag, statt einem Bierwirt sein sauer verdientes' Geld hinzutragen.

E. M.

Vermischtes.

* Ueber Ta üben post en lesen wir in dem von Prof. Dr. Klett und Dr. L. Holthof heransgegebenen illustrierten Werk Unsere Haustiere" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Austatt), von dem die 16.20. Lieferung (Preis' je 60 Pfg.) erschienen ist, folgendes: Von der Zeit au, da die griechischen Kriegshelden durch Tauben ihren Freunden die Nachricht zukommen ließen, daß sie Sieger geblieben seien, bis zu dem heutigen Tage, da die Augen so vieler Russen so lange spannungsvoll nach Port Arthur gerichtet waren, um von dort Nachricht durch die Taubeu- post zu erhalten, sind diese Tiere auf mancherlei Art die Bringer guter oder schlimmer Botschaften in Friedenszeiten ge­wesen-. Ein Kalif von Bagdad richtete im zwölften Jahrhundert zum' erstenmal eine richtige Taubenpost ein, und von einem der Begründer des HanseS Rothschild sagt man, daß er den Grund­stein zu seinem Riesenvermögen durch eine Nachrichtenübermitt­lung durch Brieftauben gelegt habe. Tauben, die wertvolle Edel­steine unter ihren Flügeln verborgen hatten, haben zur Zeit der Kontinentalsperre Schmugglerdienste zwischen England und Frankreich geleistet. Noch häufiger hat die Presse sich der Brref- tanben bedient. DieKölnische Zeitung" hat sie namentlich früher viel benutzt. Heutzutage i|t die Taube, da wir den Tele­graphen und vor allem das Telephon haben, nicht mehr der rascheste Bote, obwohl es' von Zeit zu Zeit vorkommt, daß dem elektrischen! Drahte entlang oder auchdrahtlos" Enten auf den Redaktionstisch gelangen. Solange die drahtlose Telegraphie noch nicht ihre volle Leistungsfähigkeit erlangt hat, kann die Brref- taube immer noch den unterbrochenen Verkehr, zwischen zwei Oiteit wiederherstellen. Das hat sie bekanntlich während der Be­lagerung von Paris' in den Jahren 1870 und 1871 in werter Ausdehnung getan, namentlich als man sich der Photonnkroikopie znr Wiedergabe der Depeschen in verkleinertem Maßstäbe bediente, von denen eine Taube bis zu 60 000 auf einmal ^befördern konnte. Unsere Zeit kennt anch die Taubenpost zur See, ver- mittels welcher Fahrzeuge 'ohne Sigirale bis zn einer gewissen Entfernung hin Nachrichten nach einem an der Küste gelegeneti Orte aelanaen lassen Wunen. Die militärische Taubeupop ist rn