Ausgabe 
5.3.1906
 
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Rafaöli wütete mit Armen und Beinen, machte Knieübungen, verrenkte die Glieder und sank schließlich, die Hände wie

- . , ,...........Vorhang!"

schrie er. Er war in Schweiß gebadet. Aber unwillkürlich verbeugte er sich, als höre er bereits den dröhnenden Beifall der begeisterten Menge.

Der Vorhang sank und stieg wieder empor.Um­bauen!" erscholl die Stimme des Inspizienten.Bühne frei! Steht die Wandeldekoration? . . ."Einen Augen­blick!" rief der Theatermeister;die Mondnacht hat sich ver­schoben. Die Leinewand ist zu stark imprägniert worden. DaZ klebt ja alles . . ."Herrschaften", sagte der In­spizient,wenn daZ am Abend passiert, sind wir geliefert. Beleuchtungsinspektor heda, Sie, Kawalke, passen Sie mir um Himniels willen auf, daß die Gläser richtig eingestellt werden! Daß der Mondenschein nicht die verflüchtige blaue Farbe bekommt! Blau über die Gletscher, intensiv blau! Und bei dem Stronibild unten einen Streifen gelb, dann rötlich, dann violett. Fein abgetönt . ,

Wenn die Wandeldekoration Falten schlägt, schieß' ich Sie tot!" schrie der Ballettmeister Rosin dazwischen. Er hieß Rosiner, nannte sich aber Rosin und hielt auf fran­zösische Aussprache des Namens. Er hatte in seinem Ballett nur eine pantomimistische Rolle inne, die eines alten deutschen Professors, der botanisieren geht, und um beit' plötzlich der Märchenwald mit allen seinen Wundern lebendig ivird. Sein Kostüm war gut gewählt. Er stellte sich inmitten der Szene auf und klatschte in die Hände. Mail baute noch an den Kulissen,' schleppte Praktikabel herbei, ließ den Prospekt herab und breitete einen grünen Linoleumteppich über die Erde aus. Und überall in dem Chaos, aus dem eine stimmungsvolle Waldlandschaft entstehen sollte, tauch­ten niedliche Ballettratten auf in allen möglichen ver­schiedenen Kostümen: als' Glühwürmchen und Irrlichter, Meisen, Stare, Finken, Elfen und Quellnixen, Eichhörnchen und Schmetterlinge und als die Märchengestalteu des deut­schen Waldes. Rotkäppchen schlug eine Pirouette, der Wolf knabberte an einem Apfel, ein elfisches Wesen hielt sich an einer wilden Rosenhecke aus Pappe fest und streckte die Beine abwechselnd in die Luft, ein hübsches Glühwürmchen' schnürte sich die roten Schuhe zu. Tie Primaballerina trällerte ein italienisches Chanson, und die erste Panto- mimistin beschwerte sich bei Herrn Rosin, weil die Matratze unter der dritten Versenkung viel zu hart sei; sie sei vor- gesteru lang hingestürzt und habe einen blauen Fleck am linken Ellbogen.Tusch' ihn Dir rot an, Marianne", riet Herr Rosin. Und dann schrie er wieder los:Sind wir nun fertig? Aber nein, aber nein, aber nein! Kawalke, das grüne Licht! Menschenskind, das ist ja wieder das ver- dammtige Blau! Stägemauu! Wo steckt denn der Stäge- mann! Wo steckt denn der Stägemann? Stägemauu, ist die Flugmaschiue in Ordnung? Tie Schmetterlinge sollen die Flügel bewegen, wenn sie durch die Luft schwirren. Sie haben die Hände über der Brust gefaltet und sollen an der Strippe zuppen. Wo sind die Irrlichter? Aha acht müssen es' sein stimmt! Fünf, sechs, sieben, acht stimmt! Daß mir die elektrischen Laternen gleichmäßig auf-- flammen! Liebes Kind, binde Dir das Halsband ab. Du hast Halsschmerzeu? Tu wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß Dir das dünne Bändelchen helfen wird? Sig- norina Caracci, ayez la Konto, nous commencerons! Bühne frei!... Sie, lieber Kapellmeister Sie, lieber Herr Klemm."« So?" fragte der Kapellmeister und fuhr aus dem Ori-, chester empor;was ist los? . . ."Das Forte vor ber, Berwaublung noch schneller, ein rasendes Tempo, ein ganz rasendes Tempo . . ."Wir rasen ja schon Ivie verrückt"

. . .Schadet nichts, lieber Herr Klemm, noch rasender. Es ist ein Bacchanale, es ist ein Teufelsspuk. Vorhang! . . ."t Das Ballett begann.

Im dunklen Zuschauerraum saßen die von der Oper und sahen zu. Da saß auch Herr von Serben und neben ihm Prinz Arenstein und machte seine Glossen.Schauen Sie bloß, Durchlaucht", sagte er,wie die Gesellschaft herumhüpst. Auch die Carraeei kann nicht tanzen. Da muß man die Zuechi gesehen haben . . ."Mit dem Ballett ift's überhaupt vorbei", erwiderte Heros;man hat keine Freude mehr an der choreographischen Kunst. Versuchten Sie eine Wiedererweckung, Herr von Serben; das würdtz sich lohnen, . ,"Es gibt keine Balletts mehr, Durchs!

Herr Imhoff, ich verbitte mir solche Ausdrücke2

Herr Rafaöli, ich verbitte mir, daß Sie vor versam , Vlt ÖVVUt4, ullu IUIU .

nichts« Äülien" Schweinewirtschaft reden. Wir sind hier fcg,ienb wölbend, gleichsam in sich usammen.

Gott, was schreien die beiden", seufzte Herr von Seebeu und schüttelte den Kopf.

Es ist empörend", sagte Sie Bogner-Wettiu.

Zum Glücke stürmte jetzt Nina auf die Bühne, im Kostüm und geschminkt, noch kauend und eine angebissene Schrippe in der Hand, die sie sorgfältig zwischen zwei Hyazinthen aus Papiermache legte.Ich bitte um Entschul­digung", keuchte sie,aber ich ivußte nicht, daß iviederholt werden sollte. Ich habe in der Garderobe gefrühstückt."

Tas haben wir bereits dreimal gehört" wütete Rafaöli. Nun kauen Sie freundlichst auf, Fräulein Imhoff, und treten Sie an Ihren Platz. Sie stehen hinter der Szene, Sie sind im Nebenzimmer. Aber singen Sie gütigst nach der Szene zu und verschlneken Sie nicht wieder einzelne Silben wie vorhin . . . Anfgepaßt! Fran Bogner, etwas mehr nach rechts, wenn ich bitten darf. Noch einmal die ganze letzte Szene ..."

Plötzlich verdunkelte sich die Bühne.Was ist denn das?" fragte Seebeu.Was ist beim das?!" rief Imhoff. Was ist denn los, zum Donnerwetter?!" schrie ber In­spizient.Was fällt beim den Leuten bei hinten ein?!" brüllte der Beleuchtungsinspektor. Drei Menschen rasten im Eilschritt über die Bühne. Rafaöli raufte sich die Haare. Es geht nicht, es geht nicht", jammerte er;Herr von Soeben, ich melde mich übermorgen krank. Ich bin ge­brochen, ich bin ganz elend. Rrrnhig, die Flöte! . . ." Die zweite Flöte pipte noch immer. Da warf Rafaöli den Diri­gentenstab hin und stürzte sich in das Dunkel des Orchesters, tun der ersten Flöte den Standpunkt klar zu machen. Man horte oben das Toben unten.

Inzwischen leuchtete auf der Szeue die Sonne wieder auf.Noch Heller!" schrie der Inspektor.Noch Heller!" wiederholte Imhoff.Halt!" rief Herr von Serben;wir wollen ein rotes Glanzlicht dazwischen nehmen. Beginnenden Abenddämmer. . ."Nein", rief Rafaöli aus der Unter­welt.Nein! Ich protestiere. Es ist Mittag, nicht be­ginnender Abend. Mittag habe ich vorgeschrieben! Ich bitte die Regie, meine Vorschriften gütigst beachten zu wollen. Beleuchtungsinspektor! Wo ist der Beleuchtungs­inspektor?! Herr Beleuchtungsinspektor, brennen alle drei Sonnen? Es kommt mir vor, als ob nur zweie brennen."

Der Inspektor versicherte, daß die drei elektrischen Sonnen entzündet worden wären; es sei vorhin nur ein kleines Ver­sehen vorgek'ommen.Ich verzichte also feierlichst auf das rötliche Glanzlicht", erklärte Herr von Seebeu.Unaussteh- licher Kerl, der Rafaöli", flüsterte er Imhoff zu.Ein Ekel", erwiderte Imhoff.

W *CJ 111111 üblich anfangen?" fragte die Bogner-

Rafaöli schlug mit denn Taktstock auf das Dirigentenpult. Die Musik setzte ein, Rafaöli gebärdete sich wie ein Wahn- I fmntger. Er machte beim Dirigieren förmlich gymnastische Uebungeu. Er breitete beide Arme aus, neigte sich nach rechts und imch links, hob die eine Hand gewaltig hoch und spreizte die Finger der andern krampfhaft auseinander, wand sich wurmartig und schnellte daun wieder empor und reckte sich. plötzlich mit gezücktem Taktstoek zu der Bogner-Wettrn ^uuber, als wollte er diese syuibolisch erdolchen. Nun hob die Altistin an. Rafaöli wiwbe gemäßigter und milder; sein Stab glitt in weichen Schwingungen durch die Luft, sein schwarzer Lockenkopf wiegte sich hin und her und dirigierte mir. Aber auf einmal zuckte er von neuem empor, seine Brauen hoben sich, das Auge blitzte und der Taktstoek zeigte drohendach rechts. Aha - richtig - Gott sei Dank! . . .

^whofs paßte auf und setzte rechtzeitig ein, und trotzdem blieb Rafaans Gesicht finster.Sie hat keinen Schmelz in der Stimme", sagte er zu sich selbst,sie hat keinen Umfang, sie hat em sprödes Organ, sie ruiniert mir die ganze Oper." Und wieder richtete sich der Taktstock auf die Bogner-Wettiu. Cm kleines Duo, dann sang die Bogner ihr Finale , , , I