Ausgabe 
5.3.1906
 
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JPSoi-öän-.aufg.

Dem Wahren, Gdken- Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

. (Fortsetzung.)

' 1 So schwirrten die Nachrichten durcheinander. Oft Wider- Wach^ die eine der andern. Air der Börse hatten sich zwei Parteien gebildet: Die eine schwor auf Hammer, die andere lachte und sagte:Faul!" Es war wie bei den Zeitungs­notizen. Mer das eine stand fest: tausende, wirklich tau­sende voir Billetgefucheu für die Eröffnungsvorstellung hatten zurückgewiesen werden müssen. Ganz 'Berlin hatte dieser Premiere beiwohnen wollen. Auch für die nächsten Vorstellungen war das Haus bereits ausverkauft. Ganz Berlin sprach nur noch von dem Prinz Ferdinand-Theater.

Schon Anfang September hatte Carolus Dickhoff, der berühmte Heldendarsteller, sein neues'Stadttheater" er-, öffnet und zwar mit einer ausgezeichneten Aufführung der Braut von Messina". Ein paar Tage später fand aber­mals eine Eröffnung statt: dieKomische Oper" Direktor Walentins mit einer neuen Operette von Planquette. Jin November sollte dasIntime Theater" seine Pforten er­schließen. Auch sprach man von dem Neubau einer großen Singspielhalle in: Zentrum der Stadt, mit der man Herrn Sven Trusen in Verbindung brachte. Mer das alles war doch nur ein Nebenbei gegenüber dem allgemeinen und flammenden Interesse, das man dem Theater Hammers entgegeubrachte.

Der Bauzaun war abgebrochen worden: es erhob frei und prächtig seine schimmernde Marmorfront nach den 'Linden zu. Zu dem mächtigen, tief eingelassenen Portal, dessen schöne Wölbung eine doppelte Reihe von Halb- süulen trug, führten vier breite Stufen hinauf. Aus dem Mosaik der Sopraporte leuchtete dem Eintreteuden auf dem von Putten und Eroten getragenen Spruchband die Inschrift Dem Wahren, Edlen, Schönen" entgegen, gewissermaßen ein Wegweiser zu den Idealen, denen dieses Haus dienen sollte-' Än den freien Wandflächen zu feiten des Portals schwebten die riesigen Marmorleiber der beiden Genien, die bronzene.Lorbeerkränze in den Händen trugen und sie der kunstliebenden Welt entgegenzustrecken schienen. Es ivar wirklich ein hehrer Tempelbau mit seinen zwiefachen Säulenreihen, seiner ganzen lilftigen, holde Ruhe atmen­den Schönheit: einer Schönheit, die jeden Prunk verschmäht, die durch sich selber wirkt. Keine fteinl'icBen Einzelheiten störten die stolze Vornehmheit der Front; selbst die Büsten berühmter Tonkünstler und Dichter und die Plaguetten dar­unter mit Szenen aus klassischen Opern und Schauspielen, den inneren Wandschmuck der offenen Wandelhalle int ersten Stockwerk, sah man von außen nicht. Man sah' von hier aus nur die schönen Säulenreihen dieses Tempels, die zur Wallfahrt einluden und zu herzerhebender Andacht.

Winnen aber erklang schon Musik: man probte . ..

Ein ungeheurer Raum, von tiefem Dämmer durchschattet, der in den Winkeln der Logen nnt) Couliers zu sattem Schwarz wurde. Hie und da erglänzte eine Polierung oder eine matte Bronze durch dies eigentümliche Schattenspiel das sich nach der Bühne zu mehr und mehr auflichtete und! innerhalb des Proszeniumsrahmens zu blendender Helle entsaltete. Von dem verdeckten Orchester sah man wenig; aber das Bühnenbild strahlte in vollem Glanze. Da lachte der goldige Sonnenschein in einen Blumenladen hinein, ganz erfüllt von Grün und Blüten, mit offenen Fenstern^ durch die mau hinausschaueu konnte auf ein heiter be­wegtes Straßenleben. Und mitten unter den Blüten stand! die Bogner-Wittin und rief mit böser Stimme in das Or­chester herab:

Herr Kapellmeister halt! Haaalt! Jetzt hat die Imhoff zum '-en Male ihr Stichwort versäumt. Ich! weiß nicht, ...^ übermorgen werden soll. . ."

Ein paar Geigen kreischten noch nach, und eine Flöte! klagte lartt, während die übrigen Instrumente schwiegen- Aus dem Dunkel des Orchesters, vor dem Dirigentenpult, tauchte der schwarzlockige Kopf Rafaölis hervor.

Misericordia misericordia ich schnappe noch über!" schrie Rafaöli.Imhoff Fräulein Imhoff, wo sind Sie?!"

Nina!" brüllte gewaltig die Stentorstimme eines Uw sichtbaren.

Die schlanke Gestalt des Herrn von Serben erschien! vor der Rampe.Lieber Gott, Rafaöli, schreien Sie doch nicht so wahnsinnig", sagte er. Wir haben ja doch alle ganz gute Ohren. Fräulein Imhoff hat nicht gewußt, daß die Schloßszene repetiert werden soll und frühstückt in ihrer Garderobe"

Nina!" brüllte wieder die Stentorstimme eines Un­sichtbaren. Seeben hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu.I Gott bewahre", stöhnte er. Plötzlich raste Imhoff durch die offene Tür der Hinterivand, warf zwei Blumen­töpfe um und rief, gauz heiser vor Aufregung:Sie kommt schon! Sie muß gleich da sein! Frau Bogner, sie hat das Stichwort nicht versäumt. Wozu denn immer gleich so fürchterlich giftig! Sie hat nichts gewußt von der Wiederholung und frühstückt einfach in ihrer Gar­derobe."

Jetzt wird nicht gefrühstückt", schrie Rafaöli wild. Wemi ich ,Vorhang' rufe, kann das Fräulein tun, was sie will. Solange ich noch nicht ,Vorhang' gerufen habe, hat sie hinter der Kulisse §u bleiben. Wer führt denn nun eigentlich die Regie? Herr von Seeben, führen Sie die Regie oder führt Imhoff die Regie? Ich halte mich an den Regisseur. Per Baccho, bei so einer Schweinewirt-! schäft kann nichts Vernünftiges herauskommen! Herr Im­hoff, riechen Sie nicht an den Rosen, sondern holen Sie! Ihre Tochter!"

Sie kommt gleich haben Sie sich nicht so albern, Herr Rafaöli " <. '