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zuweilen hatte er ein ermahnendes Wort, das wie ein Be- feb( klang. Er tat sehr vornehm und machte gern ein gewisses gesellschaftliches Uebergewicht geltend. In erster Zeit halte Imhoff sein jj-rühilücksbrötchen am Schreibtisch verzehrt. Ta hatte Seeben eines Tages gesagt: „Nicht Käse, Herr Imhoff; das wollen wir denn doch nicht einführen." Und tags darauf: „Es muß Knoblauch in Ihrem Belag sein, Herr Imhoff; das ertrage der Geier". Und Imhoff fauchte davon und frühstückte von da ab bei der alten Licjegang in der Küche.
Einmal hatte die Liesegang eine große Freude. Der Diener kam zu Imhoff und sagte: „Herr Oberregisseur, eine Dame möchte Sie sprechen, eine Frau Lobedanz „Wer?!" schrie Imhoff auf, wurde blaß und rot und schnellte von seinen? Stuhl empor. . . „Eine Frau Lobedanz, Herr Oberregisseur", versetzte der Diener.
Imhoff strich sich über das Kinn. „Ja, das ist ja doch . . murmelte er; „ich frage den Olymp — sollte das Laura sein . . ."
Und dann ging er selbst in das EmpfangSziminer, und da sah er.-daß sein Ahnen Wahrheit war. Da sland Laura, seine unuc Frau: eine rundliche Dame in einem reich mit Jett behängtem Sammtjakett und feuerrotem Hut und mit einem Paketchen in der Hand und nickte, lächelte freundlich und sagte: „Guten Tag, ClaiidiuS. Du entschuldigst, daß ich selber komme, aber ich wollte dich gern einmal sprechen. Ich bringe dir auch eine Gänseleberpastete mit . . . ."
Claudius führte sie nach hinten. Hier vorn ließ sich kein Wiedersehen feiern. Er ging mit ihr in die Küche. Da kochte die Liesegang gerade Kaffee (sie trank sechsmal am Tage Kaffee) ließ vor Schreck einen Teller fallen, kreischte auf und sank der Frau Jmhoff-Lobedanz sodann um den Hals, daß der Jettbehang leise klirrte und ein paar schwarze Perlchen sich lösten und heiter über den unausgefegten Boden trudelten.
„Laura!" schrie die alte gute Licsegang, „bist du es denn?! Ach, Laura, Laura, Laura!" . . .
Imhoff war gerührt und wischte über seine Augen. Diese dritte Gattin war ißin im Trio seiner Frauen eigentlich immer die liebste gewesen. Er hatte sich ganz freundschaftlich von ihr getrennt, weil es ihm gar zu schlecht erging und sie von ihrem ersparten kleinen Vermögen besser allein leben konnte. Er betrachtete sie mit Wehmut und Wohlgefallen. Sie sah recht gut aus, hatte immer noch ihre schönen Zähne und ein glu. frisches Gesicht; sie mußte über die Vierzig hinaus sein, rechnete Imhoff.
Die Liesegang stäubte mit ihrer Schürze einen Stuhl ab und bat den Besuch, sich zu setzen. Das tat denn auch Frau Lobedanz. „Ach, Liesegang", sagte sie, „ich freue mich so, daß ich dich einmal wiedersehe. Verändert hast du dich nicht. Ein bißchen krummer bist du geworden und grützegrau".
„Ja", antwortete die Alte, „das bin ich; das macht der Kummer um Imhoff. Laura, wärst du nur hier geblieben. Imhoff braucht eine Frau und Nina eine Mutter. Bist du denn noch immer zufrieden in Oschatz?"
„Jtein, Liesegang. Der Magistrat hat die Restaurationspacht erhöht. Das kann man nicht zahlen. Drei Sorten Bier bin ich verpflichtet, zu halten, und das Pilsener steht gar zu
Ganze Viertel habe ich fortgießen müssen. Das Weingeschäft bringt wenig ein. Früher kamen noch öfters die Leutnants; nM- feit den „Webern" hat sich der Direktor mit dem Komiiia.weur verzankt. Uiid van den ZmischenaktS- butterbroten kann man nicht leben. Claudius, nun las ich von dem Prinz Ferdinand-Theater, und daß du dabei seist, und da überlegte ich mir: willst doch einmal herfahren, denn wir sind schließlich nicht in Unfrieden von einander ge- « gangen, und nachfragen, ob man nicht das Restaurant in dem neuen Theater kriegen könnte. Ich verstehe die Gast-
""d eine kleine Kaution kann ich aiich hinter-
Jmhoff schüttelte dm Kopf, „Sie würde nicht ge
nügen, Laura", entgegnete er und setzte sich auf die Ecke des Küchentisches. „Man hat ein Ausschreiben erlassen. Irgend ein großer Traiteur wird die Restaurants über- nehmen. Riesen-Restaurants, Laura, du hast keinen Begriff davon. Ueppig ausgestattet, mit Bildern von Böcklin und sonst wem: eine geniale Pracht. Es ist ein ungeheures Unternehmen, das Ganze. Das könntest du nicht bezahlen."
„Vielleicht den Bierschank", warf die Liesegang schüchtern ein.
Sofort wurde Imhoff wütend. „Laura, die Liesegang ist nocß immer das alte Kainel von früher", sagte er. „Sie weiß ganz genau, daß die Restaurants des Prinz Ferdinand- Theaters nur in der Gesamtheit verpachtet werden; aber nein, da schlägt sie den Bierschank vor. Ach Laura, es ist schwer mit der Liesegang! Eine Wirtschaft führt sie im Hause, da kann man zuweilen aus der Haut fahren. Gucke Dich bloß einmal um: das ist die Küche; sie ist auch darnach. Wenn man einmal kräftig niest, fliegt der Jux umher wie bei einem Wirbelsturm. Kochen kann sie auch noch nicht. Jedes Beefsteak läßt sie verprietzeln; aber ihren Firlefanz mit den Traumbüchern und dem Punktieren und was weiß ich, das versteht sie. Es ist ein schweres Leiden mit ihr . . ."
Die Liesegang sagte nichts, sondern rüttelte nur heftig an den Eisenringen des Kochherds und blinzelte dabei Frau Lobedanz zu, als wolle sie bemerken: Laura, Du kennst ihn ja, und Du und ich, wir verstehen uns schon. Frau Lobe- danz hörte auch wirklich nicht auf das Klagelied Imhoffs; sie ging darüber hinweg, seufzte tief auf und meinte: „Ja, wenn es s o ist, Claudius, da muß ich natürlich verzichten. Aber was nun? Das Theaterrestaurant in Oschatz ist schon weiter vergeben; ich würde es auch gar nicht mehr nehmen. Ich möchle gerne zur Bühne zurück. Natürlich nicht als Liebhaberin; ich bin nicht eitel genug, um zu verkennen, daß ich älter geworden bin. Ich gehe geradeswegs auf die Mütter los und schäme mich nicht. Was meinst Du: könnte ich nicht al§ Anstandsdame noch Unterkunft bei euch finden?"
Imhoff sprang vom Tische. „Laura, das ist eine gute Idee!" rief er. „Du warst immer eine vortreffliche Komödiantin, hattest Eleganz und Pli und ein feines Organ. Ich schaff' Dir die Stellung. Ich will gleich an Gisecke telegraphieren. Er hat zwar schon die Vieweg engagiert —"
„Ach, die alte Ziege!" rief Frau Lobedanz.
„Die hat ja einen Kloß in der Kehle", sagte die Liesegang.
„Kinder", meinte Imhoff beschwichtigend, „sie ist engagiert, daran läßt sich nicht rütteln. Aber sie spielt doch mehr Mutter- als Anstaiidsrollen. Eine Anstandsdame von Vornehmheit fehlt uns noch. Laura, das bist Du. Uebermorgen hast Du Deinen Kontrakt. Das wäre ja noch schöner, wenn man nicht einmal für die Seinen sorgen wollte. Wie lange bleibst Du denn in Berlin?"
„Ich bin mit Sack und Pack hier, Claudius, und vorläufig bin ich im Grünen Baum in der Krausenstraßs abgestiegen."
(Fortsetzung folgt.)
W in Uatient.
Von Rud. Presber.
(Schluß.)
„Wir wollen nun auch gehn, was? Den da" — er hob die Serviette von Thomas Conradins sehr blassem, aber friedlichem Haupt, aus dem jegliche Spur von Intelligenz gewichen war — „den da bringen wir zusammen nach Haus."
Und wir brachten ihn. Er empfand nicht mehr davon, als ein rindslederner Handkoffer, Der im D-Zug von Basel über den Gotthard nach Chiasso geschafft wird.
Ms wir ihn auszogen, sagte er mehrfach „Prost!" Nur als wir ihn glücklich im Bett hatten, zeigte er sich eimr Weile unruhig, Es erwies sich, daß er aus feinem


