Pie Lage der Deutschen i» den russischen Hstjeeprovrnzen.
lieber den von Professor Dr. Haller kürzlich über dieses! zur Zeit hochaktuelle Thema gehaltenen Vortrag tourte in Nr. 306 des „Gieß. Anz." bereits berichtet. Im nachstehenden geben wir den Inhalt des interessanten Vortrags ausführlicher wieder mit dem Wunsche, daß damit erneut ein Ansporn zu recht tatkräftiger Hilfeleistung gegeben wird.
Der Vortragende wies zunächst mit einigen Worten auf die lebhafte Teilnahme hin, mit der man in Deutschland allen Nachrichten über die Revolution in Rußland gefolgt ist. Wir waren ja von Anfang an nicht unbeteiligt; das Schicksal des Nachbarstaates, mit dem unsere auswärtige Politik von jeher als^nnt einem Hauptfaktor rechnet, muß uns besonders interessieren. Seit kurzem aber sind wir mehr als iicteressierte Zuschauer: das deutsche Volk ist mitbetrosfen von den Vorgängen, durch die Hunderttausende von Deutschen plötzlich obdachlos und brotlos geworden sind. Sehr groß ijr die Zahl der in ganz, Rußland zerstreut lebenden Deutschen, besonders in den Industriegebieten; ist doch der jüngste Aufschwung der russischen Industrie wesentlich das Werk von cingetoanderten Deutschen. Sie sind in der Mehrzahl jetzt brotlos, vielfach vom Volkshaß persönlich bedroht; ihnen bliebt nur übrig, in die Heimat zu flüchten. Nicht anders geht es -en schwäbischen Bauernkolonien, die seit 130 Jahren in Südrußland ein oft mühsames, bedrängtes Dasein geführt, sich aber trotz allem durch deutsche Tüchtigkeit und Zähigkeit stets behauptet haben. Die Revolution droht sic jetzt sortzuspülen; auch sie könncil nur im alten Vaterlande ihre Zuflucht suchen. Am schlimmsten aber sind die Deutschen in den baltischen Provinzen dran. Ihr deutsches Gemeinwesen nnd ihre ehedem blühenden Pflanzstätten deutscher Bildung hat mau ihnen schon früher geraubt und zerstört., Sie kämpfen in diesen Tagen den letzten Kampf um Hab und Gut, Haus und Hof und das nackte Leben. Mau hat ihnen früher oft vorgeworfen, sie seien an ihrem Unglück selber schuld. Der Vorwurf ist auch in diesen Tagen zu hören gewesen. Der Vortragende zeigte nun an der Hand der Tatsachen der Geschichte, wie ungerecht das Urteil ist, wie vielmehr die Deutschen im baltischen Lande ihre Aufgabe toohl erkannt haben und nur einem übermächtigen Schicksal zum Opfer gefallen sind. Er erinnerte daran, daß Altlivland, d. h. die drei Provinzen Kurland, Livland und Esthland, ein Gebiet von 54 500 Quadratkilometern, also mehr als Bayern, Württemberg und Sachsen zusammengenommen, eine deutsche Kolonie ist, von 1201—1225 erobert, vom deutschen Orden und deutschen Bischöfen als Fürsten des Reiches beherrscht, ein kostbarer Besitz des deutschen Reiches, vornehmlich durch den wertvollen Ostseehandel mit Rußland, der seinen Weg ausschließlich über die baltischen Häfen, Riga und Reval, nahm und dem Danzig, Lübeck, auch Hamburg ihre Größe verdankten. Er zeigte ferner, wie diese Kolonie, stets von übermächtigen Nachbarn, erst Polen nnd Litauen, dann namentlich Rußland, bedroht, ohne beständigen Zuzug aus Deutschland sich nicht dauernd behaupten konnte, und wie sie tu der Stunde der Gefahr, als 1558 Zar Iwan der Schreckliche die Eroberung Livlands unternahm, von Kaiser und Reich vollständig preisgegeben, nicht anders konnte, als die anderen Nachbarn, Polen und Schweden, zu Hilfe zu rufen. Ein 63 jähriger Krieg war bte Folge, der i. I. 1621 damit endete, daß Gustav Adolf Esthland und Livland mit Schweden vereinigte, Kurland als Herzogtum unter" polnische Lehnshoheit bestehen ließ und die Russen vom Land ausschloß. Nicr 80 Jahre dauerte der Friede. Seit 1701 ist Livland wieder russi- schen Verwüstungen preisgegeben. Peter der Große führt gegen Schweden den sog. uordncten Krieg, den Krieg um die Ostsee. Ihm unterwarfen sich 1710, nach der Niederlage Schwedens, Livland und Esthland, nicht auf Gnade und Ungnade, sondern auf feste Bedingungen, in einer beschworenen Kapitulation, die in endgiltigem Frieden (1721) unter Garantie der europäischen Mächte erneuert wurde und die staatsrechtliche Grundlage für das Fortbestehen der deutschen Kolonie im ritff. Reiche bildete. Volle Selbst- vertoaltung, eigenes Recht und Gericht, deutsche Sprache und evangelischer Glaube wurden dem Laude für ewige Zeiten eidlich verbrieft. Dieselben Privilegien erhielt auch Kurland, als cs 1795, beim Untergange Polens, ebenfalls an Rußland kam. Man sieht hieraus, wie Livland am Deutschtum festgehalten hat, auch als es von Deutschland aufgegeben war, und wie das Land seit seiner Trennung vom deutschen Reiche beständig um sein Deutschtum mit übermächtigen Gegnern hat kämpfen müssen. Das blieb vollends so unter russischer Herrschaft; trotz Privilegien und völkerrechtlicher Garantie war man doch von der Gnade des Zaren abhängig. So mußte man suchen, durch loyale und treue Dienste sich den Dank des Kaisers zu erwerben, und sich zugleich sein Deutschtum zu bewahren. Die schwierige Aufgabe ist durch anderthalb Jahrhunderte erfolgreich gelöst worden. Was diese deutschen Provinzen für Rußland geleistet haben, weiß dort jedes Kind. Baltische Namen glänzen unter den Generälen, Staatsmännern, Diplomaten des Reiches. Der Gefahr, sich in der russischen Gesellschaft zu verlieren, ist man trotzdem nicht erlegen. Im Lande selbst blieb man, toas man war, es führte
seins besonderes Dasein auf Grund seiner Privilegien. Diese aber waren eine unsichere Grundlage. Gegen die Launen des zarischen Absolutismus mußte man sich ost verteidigen. Die wahre Gefahr drohte vom Moskowitertum, dem russischen Chauvinismus. Er haßte die überlegene deutsche Kultur, die privilegierte Sonderstellung der deutschen Provinzen beleidigte die slawische Eitelkeit. Seit 1866 kam dazu die Furcht vor Deutschland, dem man die Msicht zuschrieb, das ehemals zu Deutschland gehörige, stets deutsch gebliebene Land wieder zurückzufortern. Man mußte also, um dem vorzubeugen, es rnssifizieren; man mußte in den Kohl spucken, damit ter Nachbar die Lust verlor, ihn zu essen.
(Schluß folgt.)
Musik rmd Gymnastik.
DaS November-Heft der Darmstädter kunstpädagogischcn Zeitschrift „Kind und Kunst"*) widmet sich in seinem Haupttcil den Themen, die auch auf dem diesjährigen Kunsterziehmigstag in Hamburg zur Erörterung kamen: Der Gymnastik und Musik. Geheimrat von Sallwürk-Karlsruhe weist darauf hin, wie viel anmutiger und gewandter die Bewegungen der Tiere gegenüber denen der. Menschen sind, und wie wir diesen Nachteil nur durch eine systematische Leibeskunst wieder ausgleichen könnten. Er fordert, die Kinder mit ihrem leiblichen Organismus vertraut zu machen und ihnen Herrschaft zu geben über den Körper als Werkzeug nicht nur animalischer, sondern auch ästhetischer Tätigkeit. Er empfiehlt zu diesem Zweck das Turnen, aber in einer mehr künstlerischen Form als es bisher gebräuchlich war. Etwas ähnliches will auch E. Jagues-Dalcroze, der in den letzen Jahren durch seine Reigen-Aufsührnngeu so bekannt und beliebt gewordene Schweizer Komponist. Singen und Tanzen soll nach feinen Ideen stets in enger Wechselwirkung stehen. Er ging ans von der Lust des Kindes am Nachabmen und Verkleiden und von seinem Bedürfnis durch Gebärdenspiel und körperlichem Sich-Ausleben. Zugleich sah er in der Musik das beste Mittel, solche Bewegungen des Körpers auszulösen und bedeutungsvoll zu gestalten. Mas er mit seinen Anregungen bisher erreicht hat, zeigen — außer dem großartigen Erfolg seiner Reigcn-Anf- führungen in mehr als SCO Städten — auch die in „Kind und Kunst" vorgesührten Photographien. In der Tat, diese Reigen- nnd Gebärdenspiele erziehen vorzüglich zu harmonischen und ausdrucksvollen Bewegungen, und, daß fie den Kindern auch viel Vergnügen machen, ersieht man ans den freudestrahlenden Gesichtern. Zwei instruktive Proben von Dalcrozes Kompositionsweise sind dem Hefte beigegeben. Von dem übrigen Inhalt nennen wir noch als besonders bemerkenswert: Bei Rembrandt von Chr. Tränkner, ein hübsches Beispiel von Bilderläuterung; Herbstspaziergänge mit Kindern in städtischen Anlagen, gerade jetzt sehr beherzigenswert, zwei Märchen, eine größere Zahl von Gedichten,-von E. Liebermann nnd Bek- Gran reizend illustriert, interessante Kiiiderbeiträge, Skizzen aus dem Kinderleben usw. Das Heft macht in seiner Reichhaltigkeit nnd Vielseitigkeit einen sehr vornehmen und anregenden Eindruck.
*) Reichillustrierte Monatsschrift zur Pflege der „Kunst im Lebe« des Kindes". Verlag Alexander Koch-Darmstadt. Jährlich 12 Hefte 14 Mk., Einzelpreis jeden Heftes mit ca. 50 großen Illustrationen 1.25 Bck. Gleichzeitig erschien der 1. Jahrgang von „Kind und Kunst" in Bandausgabe mit über 600 Illustrationen, Aussätzen, Berichten, Erzählungen, Märchen, Gedichten, Liedern, Reigen und Spielen Ilsw., elegant gebunden 14 Mk. Prosprekte gratis.
Humoristisches.
Seufzer. Witwe (in einer Sommerfrische): „Tas ist aber wirklich ein recht fades Nest, . .. nicht 'mal bischen verloben kann man sich hier!"
A n i r i ch t i g. H e r r, zum Somitagsreiter: „Galoppiert denn dieses alte Pierd auch noch gut?" S o n n t a g s r e i t e r: „O ja! Aber da bin ich dann schon meist nicht mehr dabei!"
G u t. Fremde r, zu einem Torspolizisten: „Warum ist denn dieser Weg da eigentlich verboten ?" Polizist: „Ja, das wissen wir selber nicht!"
Charade.
Nachdruck verboten.
Das Erste ist ein munt'res Stier, Es nicht zu reizen rat' ich dir. Tas Zweite nimmst du mit Behagen, Wenn dich des Durstes Qualen plagen, Tas Ganze ist verwandt dem Zweiten, Manch' frohe Stunde kann dir's bereiten. m.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des magischen Quadrats in vor. Nr.k
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Redaktion: Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Unwersttäts-Buch- und Stemdruckeret, R. Lange, Bietzen,


