——
allein nicht den Unterschied der Mortalität der künstlich! und natürlich genährten Säuglinge bedingen. In der Tat finden wir auch die Mortalität der mit Kuhmilch genährten Säuglinge zu verschiedenen Zeiten verschieden, im Minter gering, im Sommer hoch. Also scheint es doch nicht allein an der künstlichen Nahrung an sich zu liegen, sondern ein anderer Faktor käme auch noch ins Spiel. Ties aber nur scheinbar, in Wirklichkeit ist es wieder die N a h r it it g, welche bte hohe Sommermortalität bedingt. Im Sommer ist die Gefahr, daß die Nahrung verdirbt, eilte ganz unverhältnismäßig große, es ist fast unmöglich, die Milch in der nötigen Reinheit von der Kuh bis zum Konsumenten zu bringen/ Während im Winter sich innerhalb sechs Stunden die Zahl der Streptokokken z. B. in einem Kubikzentimeter Milch von der Zahl 1000 nicht erhöht, erst in 24 Stunden auf die Zahl 10000 steigt, ist im Sommer die Zahl der Keime eine enorme, sie enthält von vornherein schon 10 000 im Kubikzentimeter.Milch und steigt innerhalb sechs Stunden auf 10 Millionen.
Tiefe Schädlichkeiten der Kuhmilch, tote der Tiermilch überhaupt, läßt sich nun auf ein Minimum herabdrücken durch eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln, als da sind: Sorgfältige Wartung und Pflege des Milchviehs inbezug auf Reinlichkeit, Fütterung und Fernhalten von Krankheiten, peinlichste Reinlichkeit beim Melken, sowohl des Melkers iuie des Tieres und der Gefäße, in welche gemolken wird. Dann sorgfältige sachgemäße Behandlung der Milch, Tiefkühlung, geeignete Transportgefäße, schneller Transport bis ziini Konsumenten, sorgfältige Aufbewahrung usw. In dieser Hinsicht ist die Milchhygiene auf einen hohen Grad der Vollkommenheit gebracht) freilich nicht an allen Orten, und leider muß diese einwandfreie Milch noch mit einem relativ hohen Preise bezahlt werden. Für solche Milch wird 60 Pfg. und mehr für das Liter verlangt. Fernerhin lassen sich dank der Fortschritte der Ernährungsphysiologie des Säuglings gewisse Unterschiede zwischen Kuhmilch und Frauenmilch inbezug auf Cocentgehalt, Gerinnungsart des Kaseins, Fettgehalt usw. ausgleichen, und die vielen Säuglingen unberönimliche Kuhvollmilch bekömmlich und als Nahrung geeignet machen. Kurz, die Fortschritte des letzten Jahrzehntes ttt der Erkenntnis der Ernährung des Säuglings in gesunden und kranken Tagen, sowie in der Milch- Hygiene und Technik haben es dahin gebracht, daß die künstliche Ernährung der Säuglinge vielfach kein Aunfth stück mehr ist, und doch hören wir nirgends von einer nennenswerten Abnahme der Säuglingssterblichkeit, ja stellenweise sogar von einer Zunahme.
Nun alle diese Errungenschaften der Neuzeit kommen bisher eben nur einem kleinen Teile der Bevölkerung zu gute. Bei dem größten Teile der Bevölkerung ist das /Wissen" in dem Punkte Säuglingsernährung und Säuglingserziehung noch ein minimales und zwar, um es gleich vorauszunehmen, in allen Schichten der Bevölkerung.
Man muß nur erlebt haben, tote sorglos die Erkrankung eines Säuglings an Durchfall hingenommen wird. Daß ein anscheinend harmloser Durchfall der Anfang einer zum Tode führenden Erkrankung sein kann, können die meisten Mütter nicht glauben, und der Arzt wird meist erst geholt, wenn es zu spät ist. Das alte schlimme Vorurteil vom „Zahnen" spielt hier übel mit. Wenn ein Säuglings krank ist, so heißt es: „er zahnt, es geht vorüber", heute „zahnt er über die Brust", wenn er hustet, dann „zahnt er über den Leib", wenn er Durchfall hat, treten Krämpfe auf, so sind es „Zahnkrämpfe" und so fort. Wie oft eine unzweckmäßige Nahrung die Ursache des schlechten Befindens und schließlich des Todes der Säuglinge ist, lehrt wieder die Statistik. Bon allen Säuglingen, die starben, sind bis 3/4 ctit Krankheiten der Verdauungsorgane gestorben, bei uns in Gießen z. B. fand sich in den letzten 10 Jahren bei 40 bis 70 Proz. der gestorbenen Säuglinge als Todesursache Brechdurchfall und chronische Ernährungsstörung angegeben.
Dank der unermüdlichen Arbeit der Aerzte und der Unterstützung derselben durch die Presse hat die Aufklärung über die Bedeutung der Ernährung der Säuglinge, der dieser kleine Aussatz ja auch dienen soll, entschieden in den letzten Jahren zugenommen, und wer erst einmal zur Erkenntnis gelangt ist, sucht sich das „Wissen" anzueignen. Wissen ist aber immer noch nicht „Können". Der Erkenntnis von der Bedeutung guten, reinen Trinkwassers folgte ein eifriges Studium über die Art und Weise, wie solches be
schaffen sein muß und zu beschaffen ist, mit dem erlangten Missen allein war aber dem Einzelnen noch nicht geholfen, trotz besten Wissens konnte der Einzelne in den meisten Fällen sich doch nicht einwandfreies Triukwasser beschaffen. Ter gemeinsamen Arbeit und der gemeinsamen Aufbringung der Kosten danken wir heute unsere Wasserleitungen. Äehn- lich verhält es sich mit der Nahrung für die Säuglinge. Ter Einzelne vermag trotz besten Wissens, wie die Säuglingsnahrung sein soll, sich dieselbe einwandfrei doch nicht zu beschaffen, der eine hat nicht die dazu nötigen Mittel, die zur Nahrung nötigen Ingredienzen zu kaufen, der andere nicht die Zeit, die zur Herstellung der Nahrung nötig ist, der dritte nicht das nötige Geschick u. s. f. Hier helfen die schon in vielen Städten eingerichteten und mit vollem Erfolge betriebenen „Säuglingsmilchküchen". Nicht nur in großen Städten, auch in solchen tote unser Gießen haben sich diese Milchkücheu vortrefflich bewährt. Ihr Ursprung ist in den „gouttes de lait" Frankreichs zu suchen (tote ja 'Frankreich und auch das übrige Ausland in der Säuglingsfürsorge Deutschland toeit voraus ist). In den Säuglingsmilchkuchen wird die Nahrung für Säuglinge fix und fertig hergestellt, in Portionsslaschen abgegeben, sodaß die Pflegerin oder Mütter die Nahrung nur zu wärmen hat. Tie Säuglingsmilchküche iß für die Nahrung gewissermaßen was die Apotheke für Arzneien. Ter Arzt gibt die Anweisung für die Nahrung, welche der Säugling haben soll, der gesunde die, der Kranke jene, je nach Alter, Konstitution usw. Diese Anweisung wird in der Säuglingsmilchküche abgegeben und dort erhält man die gewünschte Nahrung fix und fertig. Tie Ersparnisse an Zeit, Feuerung usw. sind bei dieser Einrichtung erhebliche, auch da, wo die Preise anscheinend hohe sind. Wie viel geht im Haushalt nicht an mißglücktem Probieren verloren, wie viel Nährpräparate werden nur teilweise verbraucht, wie viel Flaschen werden zerbrochen und was dergleichen mehr ist, und schließlich, weih der Arzt doch nicht, liegt der Mißerfolg an der Nahrung oder an der Zubereitung. Wo auch immer eine Milchküche eingerichtet wurde, waren die Aerzte die ersten, welche dieses Unternehmen freudig begrüßten, und im Publikum wurde diese segensreiche Einrichtung sehr bald beliebt. Ich bin überzeugt, daß auch hier in Gießen ein solches Institut Anklang finden würde, wenn es erst einmal da wäre. Wenn in Gießen die Säuglingssterblichkeit noch nicht die Höhe erreicht, wie anderswo — itt den letzten 10 Jahren starben von den Neugeborenen 10,1 bis 16,7 Proz. schon im ersten Lebense jahre — so ist das doch immerhin noch recht viel, nehmen wir aber dazu noch die Sterblichkeit int 2. Lebensjahre, so erhalten wir Zahlen, welche denen anderer Städte schon näher liegen, nämlich von 100 Geborenen starben 14—23, ehe sie das zweite .Lebensjahr vollendet hatten. Diese Zahlen beziehen sich nun ja doch nur auf die Gestorbenen. Wie lange waren die vorher schon krank, und >vie viel Kranke hat es doch gegeben, die wieder gesund wurden! Welche Unsummen werden für diese Kranken ausgewendet, wie viel Angst und Sorge bereiten sie den Eltern, welche Opfer an Zeit, Nachtruhe, Behaglichkeit erfordern sie! Und dabei der Gedanke, wie viel dieser Erkrankungen hätten verhütet werden können! Wie zahllose Selbstanklaaen, Selbstvorwürfe bekommt nicht der Arzt zu hören! Vorbeugen ist leichter als heilen, dies gilt bei den Magendarm- störüngeu der Säuglinge in noch höherem Grade als anderswo. Und wenn wir auch natürlich nicht allen Erkrankungen vorbeugen können, so verschafft doch der Gedanke, daß alles, was möglich war, getan wurde, eine große Be- rühigüng. Im einzeln Falle können die Eltern sich diese Beruhigung verschaffen, wo auch bei unzulänglichen Mitteln das mögliche getan wurde, dem Arzt aber bleibt der Stachel unbefriedigter Tätigkeit im Herzen bei den vielen Fällen, wo seine Hilfe vergeblich war, und bei denen er sich doch sagte, wenn zuverlässige, fachgemäße Zubereitung der Nahrung seine Vorfchristen unterstützt hätten, wäre dies und jenes Leben gerettet worden. Diese Ueberlegungen niachen es überall dem Kinderarzt zur Pflicht, für die Einrichtung von Säuglingsmilchküchen zu wirken. Mögen diese Zeilen der Anfang dazu sein, daß auch hier in Gießen in nicht zu ferner Zeit eine Säuglingsmilchküche eingerichtet wird zum Wohle des Einzelnen wie der Ge- samtheü


