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wir vorher bei Ihnen vorsprechen. In steter, unveränderter Dankbarkeit Ihre Della."
„Sie entschlüpft mir, will mir entschlüpfen/ murmelte er ingrimmig vor sich hin. „Dieser Brief, so kalt und gemessen — kein Ton, kein Echo meines heißen Werbens . . . Sollte ich die Macht über sie verloren haben? Sollte diese Macht sich wirlich nur auf ihre künstlerische Seele erstrecken? Lächerlich , . . Unmöglich! Ich war so sicher, daß, wenn es so weit sein würde, wenn ich wollen würde, ich mir die Hand auszustrecken brauche, um sie an mich zu reißen. Ist sie anders wie andere Weiber? Anders? Sensitiver, empfänglicher, nervöser von diesen tausend Vibrationen, die die Kunst in ihr wachrnft. Phantasievoller, seelentiefer, reizbarer — und sie sollte sich mir versagen?"
Er lachte höhnisch auf.
„Sie, die durch mich ist! Wahnsinn! Und nun wird sie kommen, fein und manierlich mit dem Papa . . . Lachhaft, wahrhaftig. Schüchtern vielleicht, wie damals in den ersten Wochen, bis ich sie sicher gemacht, bis sie mir vertraute, bis ich sie beherrschte. Und mit den Giersdorfs wird sic dann speisen! Der arme Narr bleibt draußen — ha, ha, ha! Der arnie Narr! Wer das glaubte, Wittelsbach? Von dir! Denk einmal, Adalbert! Das glaubst du selber nicht. Zum armen Narren will sic dich machen, dich, der sich ein —• König fühlt."
Sein Antlitz war verzerrt und das wilde Aufzucken seiner Glieder machte einen häßlichen Eindruck. Dann warf er sich in einen Fauteuil, und mit wirren Blicken um sich schauend, griff er mit den Händen in die Luft und rief: ,Wo ist die Krone? Wo ist die Krone?"
Die Uhr auf dem Kaminsims begann zu schlagen.
Ein feines, nietallisches Klingen.
JSr zählte: „Eins, zwei — drei . . ." Lang ausholende ’ Schläge und dann rascher in «beschleunigtem Tick-Tack: Eins, zwei, drei, vier, fünf.
„Drei Viertel nach fünf! Sie können gleich da sein." Er sprang empor, eilte in das nebenan liegende Zimmer, warf den Rack von sich und tauchte den Kopf in ein Becken mit kaltem Wasser.
Ach I" Wieder und wieder ließ er die kalte Flut über sein Antlitz laufen. So, das erfrischt und macht nüchtern. Hirngespinste, Adalbert! Torheit! Noch halten mir die Spröde mit tausend feinen Fäden und starken, ja, furchtbar starken, die nicht so leicht reißen. Zn viel von mir habe ich ihr gegeben."
Er war vor den Spiegel getreten und machte Toilette. Seine Züge hatten sich geglättet. Nur ein Anhauch von Schmerz lag darüber, der seinem scharf ausgeprägten, bedeutenden Antlitz etwas Weiches gab. Er verstand sich auf die Kunst der Mimik, der große Menschendarsteller. Mit feinstem Verständnis ordnete er seinen Anzug, und als wenige Minuten nach sechs Uhr Herr Kantor Brandt und Fräulein Della Brandt bei ihm gemeldet wurden, sahen sie sich einem liebenswürdigen Herrn gegenüber, der sie aufs herzlichste begrüßte. Nichts verriet den Kampf, der kurz vorher in ihm getobt hatte. In tadelloser Haltung, ein väterlicher Freund, saß er ihnen gegenüber und leitete das Gespräch in die herkömmlichen Bahnen.
„Wie ich mich freue, endlich den Vater meiner liebsten Schülerin kennen zu lernen, Herr Kantor . . ."
„Unb ich erst! Della schrieb uns von Ihnen . . . und wie Sie sich ihrer angenommen haben, und was sie Ihnen verdanke . . . von Dresden ans, besonders anfangs ... da hieß es immer: Herr Wiitelsbach . . . und mein Lehrer * • • und mein Meister I » . . Und auch meine Schwägerin Hannchen wußte nicht genug von Ihrer Anteilnahme und Güte zu erzählen, und wie Sie jedes Honorar ablehnten . ."
(Fortsetzung folgt.)
Mtz.
' (Von Museumsdirektor Professor I. B. Keune.)
Metz ist eine sehr alte Stadt. Ihre Anfänge reichen W in vorrömische Zeit zurück, d. y. bis in jene Zeit, da
zwischen Rhein und Atlantischem Meer noch die Gallier Herren waren. Allerdings wissen wir von dem gallischen Metz mit Bestimmtheit nicht mehr als seinen Namen „Divo- duron". Es war dies die Stadt des gallischen Stammes der Mediomatriker, von dem der spätere Name „Mettis", jetzt „Metz" sich herleitet. Unter römischer Herrschaft (nach 52 vor Chr.) wurde das ausgedehnte Gebiet der Medio- niatriker unter Abtrennung des östlichen Teiles in eine Gemeinde (civitas) verwandel!; Sitz der Gemeindeverwaltung war Divodurum Mediomatricorum, Metz. Zur Gemeinde zählten zahlreiche Dörfer, von denen wir sehr beachtenswerte Reste haben, zum kleinen Teil auch die Namen kennen. Die Stadt selbst besaß prächtige Baudenkmäler, lieber der Erde stehen nur noch als beredtes Zeugnis entschwundener Tage die stolzen Ueberbleibsel der Wasserleitung, welche Quellwasser von Gvrze her 23 Km. weit der Stadt zuführte und bei Ars und Jony-aux-Arches die Mosel überbrückte. Nach einer Inschrift, welche das Museum verwahrt, ist dieses großartige Bauwerk ein dankbares Geschenk städtischer Würdenträger. Von anderen gemeinnützigen Anlagen und Prachtbauten zeugen Denkmäler und Baureste, welche gleichfalls im Museum jetzt ausgestellt sind. Um das Jahr 300 wurde die zurückgegangene Stadt befestigt und zugleich erheblich verkleinert. Im Jahre 451 aber haben die Hunnen sie eingeäschert. Doch erstand Metz bald aus der Asche zu neuer Blüte unter fränkischer Herrschaft: seit 511 war es Hauptstadt und Königssitz des merowingischen Teilreiches Äustrasien. Aus dieser Zeit stammen die von S. Majestät dem Kaiser dem Museum der Stadt Metz überwiesenen Bestandteile einer Steinschranke und Bildwerk aus St. Peter auf der Zitadelle, denen kein deutsches Museum etwa Gleiches zur Seite zu stellen vermag.
Seit Teilung des karolingischen Reiches (870 n. Chr.) gehörte Metz — mit kurzer Unterbrechung im 10. Jahrhundert — bis 1552 zum deutschen Reich; doch war die Bevölkerung nach wie vor romanisch, ihre Sprache französisch. Vertreter des Kaisers und deutschen Königs war der Graf, dessen Rechte aber im Verlaufe des 10. Jahrhunderts auf den Bischof übergingen, welcher bereits früher einen maßgebenden Einfluß auf die Geschicke der Stadt ausgeübt hatte. „Bischofstadt" blieb Metz bis zur Wende des 13. zum 14. Jahrhundert, denn seit 1300 fielen die bischöflichen Rechte nach und nach an die „Paraiges" genannten Genossenschaften des städtischen Adels, denen nunmehr die Wahl der städtischen . Behörden, wie des maitre-echevin, d. i. Schöffenmeisters. (Bürgermeisters), zustand. Hiermit war die Umwandlung in eine Reichsstadt mit aristokratischem Gepräge vollzogen. Die Bischöfe aber haben seitdem ihren Sitz nach'Vie an der Seille verlegt.
Das mittelalterliche Metz war eine reiche Stadt mit lebhaftem Handelsverkehr. Deutsche Kaiser haben.in dieser ihrer Stadt geweilt und glanzende Reichstage abgehalten; von Kaiser Karl IV. ist auf einem solchen Tag zu Metz im Jahre 1356 das Reichsgesetz erlassen, welches unter dem Namen der „Goldenen Bulle" bekannt ist. Ten Wohlstand der Stadt bekunden — trotz aller Umwälzungen und Verheerungen — noch zahlreiche Bau- und Kunstdenkmäler. Hervorgehoben seien nur der im 10. Jahrhundert n. Chr. in Elfenbein geschnitzte einstmalige Schmuck eines Buch? deckels, der einzige Rest einer hervorragenden zu Metz geübten Kunst, welcher hier verblieben und im Museum ausgestellt ist, während die anderen Erzeugnisse dieser Metzer Schnitzkunlst jetzt in alle Winde zerstreut und verschollen sind, ferner eine ebenfalls im Museum geborgene bemalte Zimmerdecke aus Holz, mit welcher zu Anfang des 13. Jahrhunderts zwei aneinanderstoßende Räume eines jetzt zur städtischen höheren Töchterschule gehörigen Hauses ausgestattet waren; von weltlichen Bauwerken das Deutsche Tor, dessen erste, ins 13. Jahrhundert fallende Anlage cm lo. Jahrhundert zu einer Burg mit doppeltem Tor und Binnenhof erweitert wurde (jetzt im Besitz der Stadt und zur Aufnahme einer geschichtlichen Sammlung bestimmt), weiter das Hotel S. Livier (jetzige städtische Mädchen-Mittelschule) auf der höchsten Erhebung des Stadtgeländes in der Trinitarierstraße, ein befestigter Edelsitz gotischen, teilweise noch romanischen Stils; von kirchlichen dOAA^ett Templerkapelle auf der Zitadelle, ein gegen 1200 n. Chr. ausgeführter achteckiger Bau mit vorgelegtent Chor, und vor allem die seit Mitte des 13. Jahrhunderts am Ersatz eines älteren Banes erstandene Kathedrale, eine


