1906
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Der Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
„ (Fortsepung.)
* „Es i|t scharmant, daß da mich noch heute aufsuchst." Sie ließ sie gar nicht zu Worte kommen. „Ganz licbcns- iviirdig von dir. Ich kann mir ivohl denken, wie sehr du in Anspruch genommen bist durch Deltas Auftreten und wie aufgeregt du und deine liebe Mama."
„Heuchlerin!" dachte Graf Alfons, der, etwas scitivärts stehend, das Ende dieser Begrüßungsszene abivartcte.
„Und daß du mir bald den ersten Abend schenkst."
Endlich konnte Lucie etwas erwidern.
„Es trifft sich gut, Theresa, denke dir: ich bin heute frei, Mama will sich zeitig zur Ruhe legen, und Della und mein Onkel sind zum Diner bei den Giersdorfs."
„Das ist ja herrlich I So kannst du mir Gesellschaft leisten und ich werde nicht allein fein heute abend." Ein kleiner, ärgerlicher Blick traf Alfons. „Sie werden bei dem Diner wohl auch nicht fehlen, Herr Graf? Du erlaubst, Lucie, Graf Alfons von Giersdorf, Fräulein Lucie Handtke."
„Sehr erfreut, mein gnädiges Fräulein."
Er verneigte sich in militärischer Haltung und wendete sich dann zu Theresa: „Allergnädigstes Fräulein gestatten, daß ich mich verabschiede. Muß in der Tat zum Familiendiner ins Palast-Hotel. Mein Bruder und meine Frau erwarten mich . . . habe in angenehmem Geplauder hier beinahe die Zeit vergessen." Sein Blick richtete sich auf die auf dem Kaminsims stehende Uhr aus altsächsischem Porzellan, die eine Schäfergruppe darstellte. „Wahrhaft. . bald sieben Uhr! Muß eilen . . . Pardon, meine Gnädige, Ttnerstunde erfordert Pünktlichkeit."
„Fordert jeder Dienst, Herr Graf." Ihre Stimme klang ein wenig verdrießlich und pikiert.
Della Brandt war zum Diner beim Grafen imb der Gräfin Giersdorf, dachte Theresa. Die Gräflich Giersdorf- fchen Tiners, die sie kannte, waren anderer Natur.
„Adieu, Herr Graf! Beaucoup de plaisir et bon appetit."
„Adieu, mein allergnädigstes Fräulein. Auf Wiedersehen !"
Mit einer Verbeugung vor Lucie hatte er das Zimmer verlassen.
Man hörte ihn draußen den Säbel umschnallen.
Theresa blickte einen Moment wie überlegend ihm nach. Tann schnippte sie mit den Fingern und wendete sich rasch zu Lucie.
„Tie Grafen Giersdorf verkehren wohl nur init Künstlern?" fragte diese.
„Es scheint jo!"-
«
Eine tiefe Zornesfalte auf der Stirn, die Augen in unheimlichem Feuer lodernd, schritt Adalbert Wittelsbach in seinem Zimmer auf und nieder. Tie geballte Faust umschloß ein zerdrücktes Papier. Es war ein Brief, den er vor einer Viertelstunde von Adele erhalten hatte. Tie Ant- wort auf seine Mitteilung von seiner Ankunft. Nur wenige Zeilen enthielt das Schreiben. Mit bebender Hand hatte sie diese aufs Papier geworfen, als sie, vom Schlummer erwacht, seinen Brief erhalten hatte. Zugleich mit einem! anderen vom Grafen Guido Giersdorf, in dem er sie bat, mit ihrem Vater heute wie in früheren Jahren in der gemeinsamen Heimat an einem ganz intimen Familiendiner teilzunehmen. Er hätte vom Herrn Kantor, der ihnen vorausgereist sei, gehört, daß sie ebenfalls schon gestern in Berlin eintreffen werde. Seine Frau werde sich freuen, sie kennen zu lernen, seine Brüder Alfons und Karl Viktor rind ihr gemeinsamer Jugendfreund Tr. Hübner, sie wieder- zusehen. Sonst sei niemand zugegen, nur der engste Fa-? milienkreis, dem sie ja durch lange Jahre auch angehört habe. Er brauche ihr das wohl hoffentlich nicht erst ins Gedächtnis zu rufen, damit sie seine herzliche und einfache Einladung so annehme, wie er sie ergehen lasse, in alter, guter Freundschaft.
Ein Senfzer hatte sich auf ihre Lippen gedrängt, als sie diese Zeilen las. „Armer Guido", dachte sie, „lieber, armer Guido!" Und dann seufzte sie wieder und eine trübe Wolke lag auf ihrem Antlitz. Sie war sofort entschlossen, die Einladung anzunehmen. Hie hatte keinen Grund, diese Freundschaft zurückzuweisen. Ter, den sie etwa hätte haben können, war durch die Form der Einladung hinfällig geworden. Und außerdem war sie um des Vaters willen den Giersdorfs Rücksichten schuldig. Auch erinnerte sie sich in dtcseni Augenblicke dankbaren Herzens ihrer Kindheit und Mädchenzeit, die. so innig zusatnmenhing mit dem Schlosse und seinen Bewohnern.
Was später kam?
Tas ivar das Leben mit seinen unsäglichen Irrungen und Wirrungen. Tas Lebcir, das auch solche Briefe brachte.
Aengstlich beinahe hatte sie noch einmal das Schreiben Wittelsbachs überflogen.
Tann beantwortete sie beide.
Die Antwort hatte beim Grafen Guido ein Gefühl wehmütiger Befriedigung: hervorgerufen. Wittelsbach hatte die seine in nervösem Zorn zerknüllt, ivar in höchster Erregung im Zimmer umhergerannt und glättete jetzt das Papier, um sie aufs neue zu lesen: „Verehrter und lieber Meister und Freund! Tie Künde von Ihrem Eintreffen hat mich in höchstes Erstaunen versetzt. Ich heiße Sie willkommen, da Sie hier sind — um meinetwillen! Ich werde Sie nnil 6 Uhr persönlich begrüßen und Ihnen meinen Vater vorstellen, der ebenfalls hergekommen ist, um meinem Auftreten beizüwohnen. Wir speisen um 7 Uhr beim Grafen Giersdorf; da er in demselben Hotel wohnt wie Sie, werden:


