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zu zweifeln, denn ein „größeres Gnt" mit mehr als 16 Kühen, einer Ziege, vier Pferden, so und so viel Schweinen, Gänsen, Hühnern und einem so vortrefflichen Hund konnte ich mir nicht vorstellen, auch nicht, daß der Sohn eines „vierspännigen Bauern" Soldat werden mußte, eilt solcher hätte es Bei uns nicht nötig gehabt. Der Kanonier erzählte weiter von Riesenvorräten an „Skinken" und Speck, vor- züglichein „Simps", der in seiner Heimat gebrannt wurde, ferner, daß er Brüder, darunter einen so großen, tote ich, auch eine „Stoester" habe, daß er schwimmen könne, gern kegle (deshalb war er meiner Ansicht nach zur „Artollerie" gekommen), eine „so" lange Tabakpfeife besitze, und schon manchen „Keerl", der ihn zu ärgern sich uiiterstand, „eklich vertowackt" habe. Wenn er wieder heim komme, werde er mir eine „so" lange (er hielt die Hände etwa eine Elle weit auseinander) Mettwurst schicken und ein gehöriges Stück Pumpernickel dazu. Der in so verständlicher Form in Aussicht gestellte Genuß bewirkte bei mir nicht nur eine rasche Konzentration alles verfügbaren Mundwassers, sondern auch eine aufrichtige Zuneigung zu dem Kanonier; wenn alle Preußen so sind, sagte ich mir, dann hat dein Lehrer entschieden Unrecht, wenn er sie dir als schlechte Kerle schildert. Auch in Wotans Hundeseele schienen den Preußen günstigere Gefühle eingezogen zu sein, beim er schmiegte sich "vertraulich an die Seite des Kanoniers, wahrscheinlich in der festen Zuversicht, an der Mettwurst- Mahlzeit te.ilnehmen zu dürfen. Aim Montag morgen um 6 Uhr rückte die Batterie ab; vom Sattel herunter reichte mir der Kanonier noch einmal die Hand, und ich erinnerte ihn noch einmal an die versprochene Wurst und den Pumpernickel. So lange der ausgewirbelte Staub hinter den Geschützen und Pferden es zuließ, sah ich den Abmarschiereu- den nach, dann gingen „wir", ich und der Hund, an unser „Tagewerk". Ich habe seitdem viel preußische Artilleristen gesehen, aber der, der mir die Mettwurst versprochen, kam mir ebensowenig wieder vor die Augen, wie die Wurst selbst. Wahrscheinlich hat der Brave seine Mettwurst- und pumpernickelgesegneten Gefilde im fernen Westfalen auch nicht wieder gesehen, denn acht Tage nach dem Äusmarsch aus „meinem" Gute standen die Kanonen, und mit ihnen mein Kanonier, der mir nichts vorschießen durfte — im Kampfgewühl vou Königgrätz.
Für Mütter.
—■ „M ein K i n d". Ein Erziehuugsbuch von Theodor Panl Voigt. (Verlag von Theod. Thomas in Leipzig.) Preis brosch. 3.50 Mk. Das Buch will den Eltern eilte im stocken Pianderton gehaltene Anweisung zum verständigen Erziehen ihrer Kinder geben. Der Verfasser bekennt sich an verschiedenen Stellen seines Werkes zu den Pestalozzischen Grundsätzen: er will die natürlichen Kräfte des jungen Menschen individuell in freier Weise entwickeln und er hält alle schulmeisterliche Pedanterie, jede einseitige konfessionelle Tendenz in der Erziehung zurück. Das Buch begleitet die Entwicklung des Kindes vou der Geburt bis zur Mündigkeit. Die seelischen Probleme werden in gemeinverständlicher Form dargelegt, die Tempenunente eingehend gewürdigt. Die gesundheitliche Pflege, das Spiel und die, Jugendbeschäftigungen werden in ihrer Bedeutung für die Aufzucht des jungen Menschen geschildert. Die Bedeutung und die Art der Jugendlektüre werden eingehend gewürdigt; jede Einseitigkeit wird dabei abgewiesen. Das Kapitel über die religiöse Erziehung ist so gehalten, daß Glieder aller Konfessionen davon profitieren können. Großer Wert wird auf eine deutsche, aber nicht engherzige Gesinnung gelegt. Von besonderer Wichtigkeit erscheint uns das Kapitel über: „Das Kind und die sexuellen Fragen": mit der hergebrachten Heimlichtuerei will der Verfasser aus sittlichen Gründen gebrochen und wahrhafte, dezente Antworten auf die sexuellen Fragen des Kindes gegeben sehen. In den letzten Kapiteln: „Knabe und Mädchen", „Berufswahl der Kinder" tritt der Autor für Gleichberechtigung der beiden Geschlechter im Berufs- und sozialen Leben ein. Nicht „Musterknaben", sondern umsichtige, tüchtige und in den sozialen Gemeinschaften brauchbare „Menschen" sollen erzogen werden, Menschen, die sich ohne Krücken in allen Lebenslagen zurecht- finden.
Lrre^riffeycs.
— Zell, D r. T h., Strei! züge d u r ch die T i e r >v e l t. In färb. Umschlag. 96 S. 8° Mk. 1.—. Stuttgart, Verlag des Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde (Geschäftsstelle: Franckhsche
Verlagshandlung). — Dieses Buch ist der Erforsch: ng des TiereS, namentlich seiner seelischen Eigentümlichkeiten, gewidmet. Ein Blick in das reichhaltige Inhaltsverzeichnis zeigt, welch hochinteressante Fragen behandelt werden. Es sind meist Fragen, über die bisher so gut wie gar keine Hypothesen ausgestellt worden sind und bereit Lösungsversuche deshalb jedermann interessieren werden; wir nennen nur folgende Kapitelüberschriften: Warum haßt bet Hund bie Katze? — Die Bedeutung der Schnurrhaare l — Die Widersprüche über bie Gefährlichkeit mancher Bestien. — Wie trinkt bee Wolf? — Warum schreien angegriffene Tiere?
Um Ibsens Schatte«.
Nachruf von Rich arb Dehmel.*)
Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest, bet siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett uns jungen Männern unerschütterlich Bescheib tat, wars ich auf bich vom trotzig hochgeschwungnen Becherrand den trunknen Spruch: Skaal, Ibsen, Skaal, btt Feind der Halbheit, SD!elfter des Doppelsinns! ■ ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet: Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! — Nun sitzen wir beim Todessestbankett, trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit, jeder im Rücken seinen Schatten fühlend, ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger, der du im Lichtkreis über nns'rer Tafel geisterhaft, noch unersehütterlicher als dein Körper einst, lastest.
Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen? O! mit noch höher geschwungnem Becherrand will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast: sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich an allen Wänden, allen Ecken des Saales empor heben sich Schattenarme, nrttschwingende, heben dich, dich, du Unerschütterlicher, auch empor, durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums, durchs, rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach, empor durchs Steruenbildergewölb bet Frühlingsnacht, bis bahnt, wo kein irbisches Zwielicht mehr uns täuscht — nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.
Da sehr wir dich im Strahlenfchoß der Allmacht ruhn: tiesschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich behnenb schwebst du un Spiegel unsrer begeisterten Augen, schwebst, lebst und waltest.
Und so, mit unfern begeisterten Augen, siehst du, wie Männer konnnen: einsam, einzelne nur, doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere, wortkarg wie du, sinnstark wie du: bie kämpfen ihre Zweifel vor bir aus. linb Frauen siehst du kommen: mehr unb mehr, und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere, wortscheu wie du, werktreu wie du: bie richten ihren Glauben an bir au!.
Dann wirb wohl Eine — o! ich seh ihr Gesicht, braun ists von Sonne, so hart wie Erz kanns scheinen unb kann wie Honigwabenhaut so zart sein — wirb bir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut einst zulächeln: Dank, Ibsen, Dank, bu Freunb bes Grabsinns, Sehet bes Wibersinns! ich bringe bir einen Blick bar, bet dich voll beglänzt: Dank, du vom ewigen Licht bestärkter, gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist!
*) Aus bet „Neuen Rundschau" (Verlag von S. Fischer, Berlin). _______
Citatenrätsel.
Nachdruck verboten.
Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Citat ergiebt:
1. Was nützt mich bet Mantel, wenn er nicht gerollt ist!
2. Nicht um Gnade will ich betteln, ich verlange nur mein Recht.
3. Und bonim Räuber und Mörder!
4. Vergelten will ich's Euch, wenn Ihr mein Leben schont.
5. Schwer büßen soll bet Frevler ber bie Tat verübt.
6. Unb bie Treue, sie ist boch kein leerer Wahn.
7. Man hat Exempel, baß man ben Mord liebt, unb be» Mörder straft. Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Kirsche (Hirsch ohne Kopf — „irsch", ein paar Stückchen Kreide — „K" unb „e").
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen»


