Ausgabe 
4.7.1906
 
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einer Stimmung war, daß ich glaubte, in der nächsten Minute wahnwitzig zu werden, und daß es mir jetzt noch rätselhaft ist, wie ich, der ich in jeder Beziehung über­empfindlich, leicht verletzbar und zimperlich wie ein junges Mädchen bin, dies alles überstanden habe.

Die Verfolgungen des in blinder Wut ohne Sinn und Verstand auf mich loshackenden Polizeikommissars, der sich noch obendrein etwas ailf seine Parole d'honneur einbildete, bei der er mir versprach, mein an meine Brüder adressiertes Telegramm sofort dem Procureur de la Republique vor- legeu zu ivollen, die ewigen, sichtbarlichst durchgeführten Verfolgungen von feiten aller nur möglichen Personen, hatten von vornherein bewirkt, daß ich an Verfolgungs­wahnsinn litt und die ganze Sache als einen Racheakt gegen den verhaßten Preußen ansah, weil er die Pläne der korsischen Behörden, die Ankunft der Angehörigen zu verzögern und die ganze Sache als Selbstmord gelten zu lassen, durchkreuzt hatte. Ob diese, fast möchte ich sagen, instinktiven Gefühle nicht richtig waren, läßt sich erst ent- scheiden, ivenn ich den Leuten ins Herz sehen könnte. Meine Freilassung hätte bestimmt schon Mitte Februar erfolgen müssen, da die Nachrichten über mich in jeder Beziehung befriedigend waren. Getröstet hat mich bei diesen furcht­baren Gedanken oft der Chef des Gefängnisses, wenn et mir sagte, daß die Bastianer Geschivorenen vernünftige Leute wären, denen es nicht einfallen werde, ohne Beweis jeman­den zu richten. Der 'Aufenthalt im Gefängnis wäre nichts Schlimmes, denn auch französische Minister hätten oft genug im Gefängnis gesessen. Mich der Wärter Pompeji, den wir allgemein für dumm hielten, hatte mit seinem Tröste recht, wenn ich mich gar nicht in Geduld in die endlose Ge­fangenschaft fügen wollte:Es kann Ihnen doch nur lieb sein, ivenn die Geschworenen trotz aller Wut und Mifein- dung der Behörden entscheiden. Sie sind nicht schuldig, £7?. wenn Sie jetzt schon niaugels Beweisen mit angesengten Flügeln loskommen."

Doch zurück zu heiteren Bildern!

(Fortsetzung folgt.)

Wor 40 Jayren.

Von H. Elle.

Nachdruck verboten.

. Ich tag im Grase, und da ich annahm, daß ein zwölf­jähriger Junge, selbst wenn er nicht zu den sog. Muster­knaben gehört, auch noch wert sei, daß ihn die Sonne bescheint, so machte ich von den von ihr gespendeten Strahlen den ausgiebigsten Gebrauch, d. y. ich drehte mich um, Ivenn meinemTeint" Gefahr drohte, und zeigte dann der lieben Sonne den Teil meines werten Jchs, den je nach Bedarf der Herr Papa oder der in dieser Hinsicht mit Bollprokura ausgestattete Herr Lehrer zu° bearbeiten pflegte. Auch die dann emporgestreckten Fußsohlen hinderten weder Schuhe noch Strümpfe, so und so viele Sonnen­strahlen (Röntgenstrahlen gab es damals noch nicht) an sich zu ziehen. Derselben Beschäftigung lag mein steter Be­gleiter, Freund und ungefährer Altersgenosse ob, nämlich ein großer zottiger Hund, ein Scheusal in Gestalt und Farbe. Mer es war das treueste Hnndevieh, dessen Bekannt­schaft ich mich je rühmen konnte. So lange er in meiner Zähe war, konnte ich sicher sein, daß ich etwa von anderen Buben oder Apfelbäume besitzenden Bauern mir zngedachte Hiebe nicht zu spüren bekam.

Unsere eigentliche Arbeit bestand in der Beaufsichtigung einer sechszehnköpfigen Kuhherde und einer Ziege; letztere leistete übrigens mir und dein Hunde, der den Namen Wotan führte, lieber Gesellschaft als den größeren dick­köpfigen Wiederkäuern; ihrer Vorliebe für salzige Sachen, besonders Häringsschwänze, trug ich nach Möglichkeit Rech- nung, das heißt so oft ich bei gelegentlicher Zugabe dieses Fisches zur gutsbäuerlichen Kartoffelkost in Besitz dieser Ziegendelikatesse gelangen konnte. Unser Vesperbrot hing in einem Säckchen am linken, anscheinend von der Natur zu diesem Zweck besonders kruniw gebogenen Horii der Leitkuh, der alten schwarzenMutsche". Es inuß damals eine Fleiichnot geherrscht haben, gegen die die so oft be- tlagle jetzige ein Kinderspiel zu sein scheint, denn in unseren Bespersack hatte sich nie etwas verirrt, das nur den Ge- onntei1 an Fleisch aufkommen ließ. DerBelag" unseres rrPt ^geu das, nebenbei bemerkt, der heutige Kommiß- schinken der reine Kuchen ist, bestand meist aus Weichkäse

(Quark war der landläufige Ausdruck), trockenem Käse oder Sirup;im .Herbst wurde diese kostbare Zugabe abgelöst durch Obst, das entweder ans derHof"küche geliefert oder im Garten des ersten besten Nachbars requiriert, resp gestohlen wurde. Meine Ziege war immer mit von der Partie, wem, esEbbe!" gab, sie schmatzte vernehmlich, wenn ,ch ihr die in Scheiben geschnittenen Früchte in das Manl schob. Wotan biß auch mit in den Apfel, ivenn auch mit etwas hochgehobenen Zähnen und mit einem Ausdruck, der sich an einem Hundegesicht ungefähr abliest wie:Ein Stück Fleisch oder Wurst wäre mir lieber."

Die Befriedigung unseres, besonders bei Wotan treff­lich entwickelten Durstes erfolgte auf einfache Weise. Wer in Gesellschaft voii sechszehn wohlgenährten Kühen und einer dickeuterigen Ziegeallein ans weiter Flur" weilt, braucht nicht zu verschmachten. Die schwarzeMutsche" war daraus dressiert, sich nach Bedarf und trotz gntsbäuerlichen Verbots einen Teil ihres Ueberflnsses an kostbarer Milch abzapfen z>, lassen; ein kunstgerechter Druck an die Zitze ihres gewaltigen Milchreservoirs und der weiße Strahl fand seinen Weg nach der Oeffnung zwischen Nase und Kinn, die ein vorlauter Junge gewöhnlich haltet, soll. Die Liebhaberei Wotans für kuhwarme Milch zu befriedigen, war weniger einfach, denn er konnte weder melken noch den Milchstrahl inmenschenwürdiger" Weise anfnehinen. Ich erfand ein ohne Zweifel gebrauchsmusterschutzfähiges Verfahren: meine Mütze wurde mit Krautblüttern ausgelegt, d. Y. wasser- bezw. milchdicht gemacht, dieser Patentbehälter vollgemolken und den, Wotan serviert, der nach beendigter Mahlzeit befriedigt feinen Schnurrbart leckte. So verbrachten wir im Schweiße unseres Angesichts die Tage in länd­licher Einsamkeit, bis auch diese einmal belebter wurde'. Es rückten nämlich Soldaten an, und zwar von der Sorte, die wir vorher noch nie geschaut hatten: Preußen, leib­haftige Preußen; in langen Zügen bewegten sie sich auf der Landstraße daher, an die dasFeld" meiner und des alten Hundes Tätigkeit stieß. Zum Schluß kam Artillerie; sie nahm mit ihren Kanon ei, unsere ganze Aufmerksam­keit in Anspruch, sodaß wir nicht merkten, wie unsere Schutzbefohlenen, die sechszehn Kühe samt der Ziege, in das benachbarte Kohlrübenfeld einbrachen und dort eine Tätigkeit entfalteten, die mir ein schweres Donnerwetter emtrug. MeinPferdeverstand' fand, daß die Artillerie- Pferde lange nicht so dick waren, wieunsere", aber sie trappelten" schneller; auch die Reiter saßen schöner, wie unser Großknecht, wenn er nach der Dorfschmiede ritt. Die letzte Abteilung schwenkte plötzlich links ab, mitten ans eine kurz vorher abgeerulete Wiese neben dem Gutshof; in letz­terem bezogen, die Mannschaften und Pferde Quartier, während die Geschütze uni) Wagen unter Bewachung zweier Kanoniere stehen blieben. Wotai, schien wenig Gefallen an der Einquartierung zu haben; wahrscheinlich war er des Preußischen soweit mächtig, daß er die von den Soldaten ob seinerStattlichkeit" gemachten Bemerkungen und Kose­namen, wieKöter" usw. verstand. Zu Realinjurien ließen es die braven Preußen wohl deshalb nicht kommen, weil Wotans stattliche Eckzähne unfehlbar da eiilsetzteu, wo menschliche Gehwerkzeuge nicht an Fleischnot zu leiden pflegeii. Obwohl der mit allen Fasern seines Herzens an seinem engeren Vaterlande hängende Herr Lehrer uns Schuljungens täglich und gründlich Preußenhaß predigte, brachte ,ch es doch über mich, in Wotans Begleitung, ocr es meiner Ueberzengimg nach mit einem ganzen Armeekorps dieser verhaßten Landsleute aufnahm, mich ins feindliche Lager, d. h. an die in geraden Linien aus­gestellten Geschütze heranznmachen und den Posten mit aller mir zu Gebote stehendenHeeflichkeit" zu ersuchen, doch einmal mit so einer preußischen Kanone zu schießen. Jsich, darf ickich", war die ÄUtwort, der als Anhängsel ein Laut folgte, der ganz genau wieDöskopp" klang. Trotz dieser meiner Meinung nach nur einen, Urprcutzen eigenen Grobheit konnte ich dem Käuoiiier nicht zürnen, denn er sah gar nicht so aus, als ob er einen Menschen, und wenn es auch nur ein Kuhjunge war, mit Haut und Haaren fressen könnte. Wn anderen Tage, es war Sonntag, zeigte ich ihm mit Stolz meine schwarze Leiblich, erzählte hm auch von den Vorzügen meines Wotan, die er aller­dings ohne Worte, nur mit bezeichnender Miene anzu­zweifeln sich erlaubte. Mir erzählte er, daß sein Vater in Westfalen auch ein Gut besitze, aber größer als das unserige. Jetzt war die Reihe an mir, an dieser Mitteilung