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ihrer Geschwister verschüttend in Metas Dasein greifen sollte! Nein, Suse gehörte nicht mehr zu ihnen, außer dem Schmerz um den Verlust des Bruders durfte keine Ahnung seiner Schande ihren Glückshinuncl trüben. Sie mußte auch diese Stunden allein durchkämpfen.
Ja, wenn die Gehcimrätin nach lebte!
Jetzt, ivo ihre Kraft sich wund gerieben an den, steten Kampfe mit allerlei Widerwärtigkeiten, hätte sie sich gern zu der gütigen, energischen alten Dame geflüchtet, vertrauensvoll Rat und Hilfe von ihr erbeten. Aber sie war tot, ihr ewig unerreichbar.
Unter solchen Gedanken legte sie den Heimweg zu Fuß zurück. Ein förmlicher Widerwillen vor den Menschen, die sie in der Elektrischen neugierig und vielleicht mitleidig anstarren würden, hatte sic beivogen, die Strecke bis zu ihrem Hause zu gehen.
Die Aprilsonne brannte heiß auf ihr schwarzes Kleid, blendete die schmerzenden Augen, ein häßlicher, warmer Wind trieb ihr Staub und Unrat ins Gesicht, der vergiftete Mein der Großstadt mnwehte sie.
Schweißperlen netzten ihre Stirn und ihre Füße ivaren wie Blei so schwer, als sie endlich wieder in ihrem Zimnicr stand.
Walter saß noch immer ganz matt vom vielen Weinen auf dem alten Fleck.
„Ist Heinz denn wirklich fort? Und wird man ihn verfolgen, Ruth — ach, Ruth?"
Sie nahm beruhigend seine heiße schlaffe Hand.
„Ich hoffe, das Schlimmste bleibt uns erspart, mein Junge — raff' Dich jetzt auf — geh' in Dein Zimmer und wasch' Dir die Augen — man kann nie ivissen, ob Suse nicht mal kommt — sie soll nie etwas von der Unterschlagung erfahren — auch Karl nicht — es würde sie zu furchtbar treffen — wir beide tragens allein, Walter, ganz allein — nicht wahr?"
Ihre Stimme brach. Sie wandte sich rasch und nahm den Hut ab — ein entsetzliches Gefühl trostloser Vereinsamung raubte ihr die mühsam bewahrte Fassung — sie stach mit so hastigen Fingern die Hutnadel in das grobe Strohgeflecht, daß die Spitze ihr tief in den Handteller drang.
Der körperliche Schmerz tat ihr förmlich wohl. Wenn sie nur hätte weinen können!
Walter, der müde aufgestanden war, preßte seinen Kopf einen Moment an ihre Schulter.
„Wenn ich doch erst groß wäre, Ruth, und Dir helfen könnte — ich versprech Dirs auch, ich will mir alle Mühe geben, Dir nur Freude zu machen."
Ruth liebkoste erschüttert seine blasse Wange.
„Laß Dirs eine Lehre sein, mein Junge, wohin cs führt, wenn man nicht freudig arbeiten lernt, nicht ehrlich danach strebt, etwas tüchtiges im Leben zu leisten — aber nun laß mich allein."
Gehorsam verschwand der Knabe in sein nebcnanliegendes Zimmer.
Ruth aber nahm aus dem Körbchen auf ihrem Nähtisch ihren Schlüsselbund, und ins Nebenzimmer tretend, ging sie bis zu dem kleinen Schreibtisch in der Fensterecke und öffnete eine Schublade seines zierlichen Aufsatzes. Mehrere kleine Pappkästchcn waren darin enthalten, in denen Ruth peinlich genau das Geld für Miete, den Haushalt, Bekleidung und sonstige Ausgaben einzuteilen pflegte -- eins barg ihre persönlichen Ersparnisse, das Resultat halbjährigen, aufreibenden Fleißes.
Sie nahm es zuerst in die Hand — es war so merkwürdig leicht darin — eine unbestimmte Angst überfiel sie lähmend — sie hob den Deckel ab — sie stierte hinein mit Augen, die sich vor Entsetzen weiteten — das Kästchen war leer.
Sie lächelte fast blöde vor sich hin. Sie hatte die Goldstücke neulich wohl aus Versehen in eine andere Kasse getan.
Ihre zitternde Hand tastete weiter, entfernte die Deckel
der übrigen Schächtelchen — überall die gleiche grauenhafte Leere, die sie höhnisch anzugrinsen schien.
Und da — ein weißer Zettel:
„Verzeih mir, ich gehe nach Amerika, ich will frei sein." (Schluß folgt.)
157 Hage korsischer Raubmörder.
Erinnerungen an Korsika.
Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i c m a n n.
(Flachdruck erivünscht.) (Fortsetzung.)
Pastor Costa brachte mir später eine vollständige französische Bibel mit Diese gab ich einem Mitgefangenen Botti. Als Katholik las er aber fast nur das Alte Testa? ment, das mir sehr unsympathisch ist. Ich hoffte auf ihn bessernd einzuwirken; als ich aber sah-, daß er das gut in Leder eingebundene Buch meistens als Kopfkissen benutzte, wenn er auf den Steinfliesen lang ausgestreckt in der Sonne schlief, stellte ich meine Bemühungen nur ihn ein.
Botti war Heizer und erzählte mir, daß er eingesteckt worden wäre, weil er von einem Kohlenschiff desertierte. Einen Tag später wäre der betreffende Dampfer untergegangen. Es wäre doch ungerecht, daß ihn der Untersuchungsrichter verurteilt, nachdem ihn Gott wie durch ein Wunder vor dem Tode bewahrt hätte. Botti war ein guter Geschäftsmann und versprach mir, für eine größere Summe nach seiner Freilassung de» jungen Faggianelli aussuchen und bestimmen zu wollen, daß er seine falschen Aussagen zurücknähme. Ich erwiderte ihm darauf, daß ich gern auch ihm gegenüber für die von meinen Brüdern ausgesetzte Belohnung von 1000 Fr. anfkäme, wenn er zur Auffindung des wahren Raubmörders hälfe. Ich hatte gehofft, daß solche Leute „aus der Bekanntschaft" leichter zum Ziele kämen, als die Polizeibehörden, die wahrscheinlich anßer- dem noch unlustig waren, wegen eines Wlsländers die Rache der betroffenen Familie ans sich zn laden.
Bottis Vater war nach Angabe des Sohnes, nachdem er vier Personen erschossen hatte, zu lebenslänglichem Kerker verurteilt worden, aber ausgebrochen und befände sich jetzt in Argentinien. In seinem Heimatsdorfe ginge man mit geladenem Gewehr über der Schulter und geladenem Revolver und Stiletts int Gürtel in die Kirche, da man ewig wegen der Blutrache auf der Hut sein müßte. Er wagte sich gar nicht in sein Hcimatsdorf zurück.
Viele von meinen Mitgefangenen waren eingesetzt, weil sic beim Kartenspiel oder einer anderen passenden Gelegenheit sich gezankt hatten. Solch ein Zank endet gewöhnlich mit einem Revolverfchnß, denn jeder Korse trügt von Jugend an seine. Waffe bei sich. Im übrigen ist mau in 'Ajaccio sehr Gemütsmensch. Gegen Ende meiner Internierung im Gefängnis in Ajaccio nahm dort ein Hirt vorübergehend unfreiwilligen Mfenthalt; eine schneidige Gestalt mit tief- schivarzem Bollbart, in schwarzer Sammetpekesche, wie sie unsere Studenten tragen, mit Tierkopfknöpfen ans Metall, kurzen Sammethoseu und langen Stiefeln, die kurze Pfeife int Mund, den Beutel noch mit reichem Tabakvorrat, von dem er freigiebig austeilte. Bei einem wütenden Wahlstreit hatte er seinem Gegner einige Revolverschüsse beigebracht. Er sollte dafür einige Wochen absitzen. Da aber dies zu jener Jahreszeit mit seinem Beruf nicht zit vereinbaren ivar, oder weil die Jahreszeit angenehmer in der Freiheit zu verbringen wär, sollte er seine Strafe erst int Herbst abbüßen.
Furchtbar aufgeregt hat mich der Samstag vor Ostern. Ich war gerade beim Mittagessen, als eine große Schießerei losging. Dazwischen klangen Glockenklänge, wie von einem Ärmensüuderglöckchen. Da Mitte Februar schon eine Schwurgerichtssitzung abgehalten worden war, dachte ich zuerst an Massenexekutionen Verurteilter, etwa aus den Januar- Unruhen, und betete in einer Aufregung, daß mir beinahe die Nerven rissen, ein Vaterunser über das andere. Ein Wärter teilte mir schließlich mit, daß der „bon dien" mittag um 12 Uhr auferstanden wäre, und daß matt dies allenthalben mit Freudenschüssen begrüße. Aehnlich ging es mir in Bastia in der Nacht vor Pfingsten, nur glattbte ich dort, daß ein Gefecht zwischen Schmugglern und Steuerbeamten stattfände.
Solche Stimmungen und Deutungen mögen unverständlich erscheinen aber ich kann versichern, daß ich- oft in


