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1906
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Mittellose Mädchen.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ruth strich sich mechanisch eine lose Haarsträhne ans der Stirn.
„Er hat in keinem Fall allein gehandelt I" murmelte sie mehr für sich, „er war leichtsinnig •— der Verführung nicht gewachsen — aber er war nebenbei kein Mensch, der energisch zu handeln wußte."
Sie wußte kaum, was sie sprach, so zitterte die ungeheure Erregung durch all ihre Nerven.
Dem Manne, der in ehrlicher Empörung hierher geeilt war, mit der festen Absicht, einen Schuldigen wenn möglich der gcrechien Strafe zuzuführcn, ging ihre echte Verzweiflung cms Herz. Daß ihre rührende Schönheit ihren Teil dazu beitrug, gestand er sich selbst nicht ein.
„Wir wollen hoffen, daß sein Komplize nicht mehr auf dem Kerbholz hat, sondern sich damit begnügte, ihr die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen — mit meinem Chef ließe sich vielleicht reden — noch wäre die Sache zu vertuschen — wenn gnädiges Fräulein vielleicht selbst —"
„Sie meinen, sonst nimmt das Gericht die Sache in die Hand?" stöhnte Ruth auf.
Er nickte stumm.
„Oh, über diese Schmach, diese Schande!" murmelte das Mädchen, die schlanken Finger in das üppige Haar krallend, „warum mir das alles?"
Einige Sekunden verharrte sie so, den starren Blick auf den Fußboden gerichtet, bis ein leichtes Räuspern des vor ihr stehenden Mannes sie daran gemahnte, daß keine Zeit war, sich von ihrem Schmerz und ihrer Scham überwältigen zu lassen, daß sie noch einen schweren Weg vor sich hatte, zu dem sie äußere Ruhe und Fassung braucht.
„Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie, Herr Wilhelmi!" sagte sie, mit unsicherem Blick sein verlegen gerührtes Gesicht streifend, „vielleicht darf ich Sie bitten, ein paar Minuten zu warten — ich bin rasch zum Ausgchen bereit."
Er verneigte sich linkisch.
„Ich hätte Ihnen sicher meine Begleitung angeboten, Fräulein Mcridies. Wir müssen sehen, daß Sie möglichst unbemerkt zu dein Chef gelangen — ich führe Sie direkt in sein Privatkontor."
Sie bat ihn darauf, einen Moment Platz zu nehmen und ließ ihn allein,
Im Nebenziuuner kauerte Walter in der Sofaecke und schluchzte laut.
Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seinen auf dis verschränkten Arme gesenkten Kopf.
„Wir armen Zwei!" sagte sie leise.
Er richtete die tränenvollen Augen, die schon so viel Leid geschaut, zu ihrem schmerzensstarren Antlitz einpor.
„Laß mich zu Hause bleiben!" stammelte er, „ich kann heute nicht in die Klasse gehen — mir ist so bange — was ist denn nun eigentlich mit Heinz?"
Sie sagte ihm, was sie wußte, er war ja alt genug, die Wahrheit zu hören und zu verstehen. Er begriff voll und ganz, was ihnen drohte.
Wie vernichtet blieb er in seiner Ecke sitzen, nachdem Ruth ihm gern die Erlaubnis zum Bleiben gegeben. Ihr graute selbst vor dem Alleinsein, wenn ihr Weg etwa resultatlos verlief.
Die nächste Stunde durchlebte sie wie einen schweren Traum. Sie hatte sich willenlos der Führung des blonden Bankbeamten anvcrtraut, der sie vor der Tür in eine Droschke genötigt hatte und bemüht gewesen war, ihr während der kurzen Fahrt gutmütig Trost zuzusprechen. Mit seiner Hilfe konnte sie unauffällig das Zimmer des Chefs betreten. Es war wohl die schivcrste Stunde ihres Lebens, da sie als demütig Bittende vor dem weißhaarigen, sinsterblickenden Ge- schästsmanne stand.
Er ivar sehr erbittert über den VcrtraucnSbruch dicsxs jungen Menschen, dem er stets wohlwollend und gütig begegnet war — nie hatte er in seiner langjährigen Geschäftszeit an einem seiner Angestellten eine derartige Erfahrung gemacht — er wollte anfänglich von Schonung nichts wissen.
Aber Ruth fand in ihrer Herzensangst um die Ehre ihres Namens so bewegliche Worte, sie schilderte dem alten Manne in so erschütternder Weise ihr vom Unglück verfolgtes Leben, daß er sich endlich zu dem Zugeständnis hinreißen ließ, die ganze Angelegenheit totzuschweigcn, wenn die unterschlagene Summe von 500 Mark bis abends ersetzt wäre.
Ruth erklärte sich aufatmend dazu bereit.
Blitzschnell überschlug sie in Gedanken die Summe, welche sie daheim in ihrem Schreibtisch aufbewahrte — es würde ungefähr reichen — im Notfall- mußte sie irgend einen Schmuckgegenstand verkaufen. Noch dachte sie nicht daran, von anderer Seite Hilfe zu erbitten. Wer sollte sie ihr auch geivähren?
Nur Fran von Brockhaus konnte da in Frage kommen und gegen diesen Weg wehrte sich ihr ganzer Stolz. Sie dachte sich in die Seele der jungen Schwester hinein, die der Cousine ihr Lebensglück verdankte — wie beschämend und nicderdrückend für sie, wenn mit ihrer Person noch die Misere


