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mit der sie ihren Umzug nach Berlin betrieben hatte, war ciit letztes Aufflackern ihrer Kraft gewesen, ein krankhaftes Bestreben, ihren Kindern auch einmal nützen zu können, indem sie ihnen mit der aufgezwungenen Großstadt ein Arbeitsfeld für ihre Talente, die Aussicht auf ein sicheres Fortkommen eröffnete. In gewissem Sinne hatte sie Recht behalten. Sv lange sie lebte und ihre Pension ihnen allen ein kärgliches Leben fristete, war jeder Gedanke an eine Erwerbstätigkeit der Töchter ausgeschlossen, denn die Pflege der schwer Herzkranken Frau und die Führung des Haushalts unter ganz neuen .Verhältnissen ^beanspruchte all ihre Feit und ihre Kräfte, aber als der Tod erlösend an das Lager der Hartgeprüften getreten war und sie mit sanfter .Hand in ein besseres Reich geleitet hatte, als mit ihrem Hinscheiden auch die Pension ivegficl und die Geschwister so gut wie vor dem Nichts standen, erwies die Großstadt sich doch als Rettungsengel. Tie Demütigung, welche sie in der kleinen Stadt, wo man sie zu den ersten Familien gerechnet und trotz ihrer Armut respektiert hatte, durch ihr Suchen nach Gelderwerb erlitten hätten, blieb ihnen hier, wo niemand sie kannte, erspart.
Ruth hatte, stolz und tapfer zugleich, keine Arbeit gescheut, um für sich stnd die Ihren Brot zu verdienen. Bis in die entferntesten Winkel Berlins war sie gewandert, wenn irgend eine Zeitungsannonce ihr eine günstige Erwerbsquelle zn verheißen schien.
Sie hatte schablonenmäßig Ansichts- und Gratiklativns- karten übermalt, Tapeteunlnster entworfen, sie hatte eine Zeit lang bei einem Schriftsteller gearbeitet, dessen Geistes-, erzeiignissc sie nach Diktat niederschrieb, aber schließlich war sie doch zur Malerei zurückgekehrt und hatte eines Tages mutig dem Chef eines großen Warenhauses ihr Können angeboten, als sie dort eine Kleinigkeit für sich kaufte. Er" hatte zuerst liebenswürdig, aber doch entschieden, ab- gclchnt, weil sie ihr Warenhaus nicht noch nm eine Ab- teilnng erweitern wollten, aber ein paar Tage darauf war als sein Abgesandter ein sehr feiner, geschniegelter Herr in ihrer Wohnung, die der Chef sich vorsorglich notiert hatte, erschienen und hatte gebeten, die Gegenstände, welche ihr noch nm selben Tage zngehen würdest, ganz nach eigenem Geschmack mit Brand- oder Handmalerei zu verzieren.
„Zur Probe, mein gnädiges Fräulein!" sagte der Geschniegelte, vor Ruths vornehm schöner Erscheinung respektvoll dienernd.
Sie hatte die Probe glänzend bestanden.
Tas Ivar nun ein halbes Jahr her. Seitdem malte sic für Tietzheim unermüdlich Teller uni) Wandbretter, Ofenschirme und Truhen, Tischplatten, Bilderrahmen, Mappen, kurz, all die Tinge, ivelche die Mode in den letzten Jahren auf diese Weise auszuschniückeu liebt. Es machte ihr neben der Befriedigung über ihren nun so gut wie gesicherten Verdienst auch wirkliche Freude, ihrer Neigung zur Malerei so ausgiebig huldigen zu können und ihr reiches Talent offenbarte sich deutlich im Selbsterfinden origineller Ideen und neuer Muster, was ihr sehr zu statten kam, da das Publikum von heute schnell nbersätNgt ist und nach Neuem, Eigenartigem verlangt. Trotzdem ist' eine große innere Müdigkeit bei ihr zurückgeblieben und wenn sic manchmal in ihrem eifrigen Schaffen plötzlich an die Zukunft denkt und denkt, das solle so weiter gehen bis ans Ende ihrer Tage oder ihrer Kräfte, dann erlahmt wohl die Hand mit dem Pinsel und eine trostlose Traurigkeit breitet ihre .grauen Schwingen über ihre Seele.
Immer nur Mühe und Arbeit, den ganzen Tag, das ganze Leben. So vieles gibt es nebenbei noch zu erledigen. Früh kommt nur eine Aufwartefrau, die Schäfern, die mit Suse ein Herz und eine Seele ist und ihre Interesselosigkeit an häuslichen Dingen noch unterstützt, indem sie ihr heimlich ihre Arbeiten abnimmt, „rein bloß ans Liebe". Kochen muß Ruth auch, denn Snse behauptet, die Klavier- stuuden, die sich nach und nach für sie gefunden hatten, würden erstens meist vormittags verlangt und beanspruchten zweitens gepflegte weiße Hände, die sich bei Küchenarbeit nicht erhalten ließen. Sie zog selbst zum S-taubwischest alte Handschuhe an. Und dies Gestöhne, wenn sie sich einen Roüsaum erneuern, einen Strumpf stopfen sollte!
Ruth saß bis tief in die Nacht hinein und besserte Wäsche für sich und die Brüder ans, oft müde zum Um- f inten, den Kopf benommen von dem ewigen Terpentingeruch, während Snse bei der brennenden Lampe wie ein gesundes, glückliches Kind schlief.
Auch jetzt Verschwindet das junge Mädchen, nachdem! sie der Taute Hut und Kragen abgenommen hat, rasch tut Nebenzimmer und kommt mit einem Strumpf Walters, ou dem sie eine Ferse anzustricken begonnen, zurück.
„Snse ist wohl nicht zu Haus?" fragt die Geheimrätin, die noch vor dem hohen Spiegel zwischen den beiden Fenstern steht und sich die weißen Wellenscheitel üben dem vollen stark geröteten Gesicht zurecht rückt.
„Nein, sie gibt eine Klavierstunde! in der Potsdamerstraße."
„Bei wem denn?"
Ein leichtes Zögern von fetten Ruths.
„Bei unserem Schlächtermeister!" k'liugt's endlich zurück, wohl ungewohnt bitter.
Tie alte Tarne reibt peinlich berührt die fleischigen weißen, mit kostbaren Ringen geschmückte Hände gegeneinander.
„Ist denn das unbedingt nötig, Ruth?" meint sie, zum Fenster hinausblickeud, als scheite sie sich, das blasse Mädchen anzusehen.
„Gott, Tante, natürlich. Was willst Tn denn? Snse ist doch nun mal nicht auf dem Konservatorium ausgebildet, sie muß noch froh sein, wenn so ein Schlächtermeister ihr seine Tochter anvertrant. Tie Leute sind heutzutage auch nicht mehr so. Haben sic das nötige Kleingeld, so gehen sie zu einer richtig ausgebildeten Lehrerin. Suse hat wohl zuerst gewaltig rebelliert — sie hatte doch bis jetzt das Glück, wenigstens immer in gebildeteren Kreisen, wenn's! auch nur kleine Beamte waren, zu unterrichten — aber wie's um einen neuen Winterhut ging und das Geld nicht reichte — da hat sie sich gefügt. Es sind doch immerhin vier Mark in der Woche."
„Na, Ruth, nimm mir's nicht übel", die Geheimrätin wandte sich vom Fenster weg und zeigte der Nichte ein sehr energisches, sich im Aerger noch tiefer rötendes Gesicht, „es ist ja sehr gut und schön und anerkennenswert, daß Tn durchaus auf eigenen Füßen stehen willst und auch Suse dazu zwingst, sich eine eigene Existenz zu grüudeul Aber ganz brauchst Tn deshalb doch nicht zu vergessen, daß die alte Tante Hertzberg auch noch auf der Welt ist und keine größere Freude kennt, als im Notfall mal für Euch einspringen zu können. Ich werde Dir gewiß keine Geldunterstützung mehr anbieten — das Gesicht, mit dem. Du die seinerzeit abwiescst, das vergeß ich alte Fran mein Lebtag nicht — ich glaube ja auch, daß Ihr mit dem, was der Staat Euch als Juristenwaisen bewilligt hat und! mit Eurem Verdienst durchs Leben kommt, aber wenn ich z. B. Suse mal einen einfachen Winterhut schenken wollte, so wäre es purer Blödsinn, das als ein Almosen zu be- trachten. Darin stimme ich entschieden mit Deinen Ansichten' nicht überein, es muß alles im Leben mit Maß gehandhabt Werden, auch der Stolz. Snse soll sich ihre paar Kröten beiseite legen, den Hut Werde ich ihr kaufen."
Und sie setzte sich so energisch auf das hochbeinige, grüne Plüschsofa, daß die Sprungfedern förmlich ächzten. Ruth ist sehr ernst geworden. Ihre schönest traurigen Augen haften sekuiidenlang in den ärgerlich blickenden dunklen der Greisin.
„Tn bist die Güte selbst, liebe Tante", sagte sie dann mit leicht zitternder Stimme, „ich bin weit davon entfernt, das falsch aufzufasscii, ja, Du glaiibst iiicht, Wie groß meine dankbare Verehrung für Dich ist, wie groß auch die Ver- fuchung, Dich manchmal um Deine Hilfe zu bitten — aber! es darf iiicht sein, es steht zu viel auf dem Spiel. Heinz, iind Suse haben leider eine so leichtsinnige Ader, daß sie sich schnell genug daran gewöhnen würden, auf die Hilfe anderer zu bauen. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt, sie Würden verweichlichen, wenn nicht gar sinken. Du ahnst nicht, Tante, was Heinz besonders mir für Sorgen macht, ich muß beständig darauf achten, sein Ehrgefühl anfzustacheln und zii erhalten, ihm immer vor Augen führen, welch innere Befriedigung es gewährt, sich durch eigene Kraft, durch eigenen Fleiß eine angesehene Lebensstellung zu erringen — er ist oft so mutlos und verdrossen — wenn er in schlechte Gesellschaft gerät, wo ihm die Achtung vor ehrlicher Arbeit genommen wird, dann stehe ich für nichts. Aber ich denke immer, solange er uns Schwestern so arbeiten sieht, schämt er sich doch, hinter uns zurückznstehen."
(Fortsetzung folgt.)


