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Mittellose Mädchen.
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Zweiter Teil.
1.
lieber den buntbelaubten Bäumen des Berliner Tiergartens lacht eine strahlende Herbstsonne und verschönt das langsame Sterben ringsum mit ihrem goldenen Pinsel, der überall weiche schmeichelnde Lichter, zarte Farbentöne aufsetzt, alle Konturen, klar ititb scharf umrissen, zeichnet. Langsam, wie müde, taumeln die welken Blätter, goldenes Schmetterlingen gleich, durch die Luft, um an der Brust der Mütter Erde zu sterben. Am tiefblauen Himmel gleiten vereinzelt schneeweiße Wolkenschiffchen dahin, die sich b'eß gegnen, ineinander verschmelzen, sich wieder lösen und in kleinen, wie zerfaserte Watte aussehenden Gebilden vom' frischen Ostwind am Horizont zusammengetrieben werden.
Sein kühler MteMweht auch reinigend! durch die Straßen der Großstadt und die Menschen schlürfen nach der Gluw Hitze des Sommers mit Erleichterung die herbe, kalte Luft, die etwas von dein Gerüche feuchter, frisch aufgeworfener Erdschollen auf ihren Schwingen zu tragen scheint. Dafür ist es irr beit Häusern, deren Mauern sich von der sommerlichen Tropensonne förmlich vollgesogen haben, noch drückend schwül und die alte, sehr korpulente Dame, welche die Treppen einer großen Mietskaserne in der Steglitzerstraße, emporsteigt, bleibt wiederholt stehen und trocknet mit einem Weißen Battisttuch die feuchte Stirn unter dem jetglitzernden, schwarzen Kapotehütchen.
Den Schleier hat sie bereits hoch emporgeschlagen und nun nestelt sie noch, ehe sie die dritte Treppe in Angriff nimmt, die Haken ihres seidenraschelnden Capes am Haße auf, bis sie endlich pustend und stöhnend an ihrem Ziel anlangt, vor dem linksseitigen Entree des dritten Stockwerks Halt macht. Nebelt dem schivarzen Knopf, auf den sie energisch den Daumen der perlgrau behandschuhten Rechten drückt, befindet sich ein kleines Porzellanschild mit der Aufschrift „Meridies", daneben ein kleiner, gelblackiertev Briefkasten.
Die Einlaß,begehrende braucht nicht lange zu warten. Der schrille Klingelton ist kaum verklungen, so wird drinnen auch schon eine Tür geöffnet, die weiße Gardine am Entree--. senster schiebt sich ein wenig beiseite, danit klirrt die Sicherheitskette herunter imb in der offenen Tür erscheint Walter Meridies, der auch hier noch gern, wie einst in L., den Pförtner spielt. Er hat sich sehr verändert in den anderthalb Jahren, er ist nicht mehr der frische, rotwangige, bildhübsche Junge, dem man auf der Straße wohlgefällig nachzublicken pflegte. Die Großstadt hat seine Wangen gebleicht und sein rasches Wachstum dazu beigetragen, daß auch sein rundes Gesicht wie seine Gestalt schmal geworden
ist und mager. Nebenbei hat er suchen erst einen In-, sluenzaanfall überstanden und sein Gesichtsausdruck hat etwas Rührendes, als er mit einem strahlenden Lächeln sagt:
„Ach, Taute Hertzberg, Tu!"
„Ja, ich, mein Junge!" bestätigte die Geheimrätin, im! Eintreten die schmale Küabenhand herzlich umfassend, „freust ’&tt Dich denn darüber?"
„Ja, Tante, sehr!" meint er treuherzig, „es ist gleich immer lustiger bei uns, wenn Tu ucal da warst."
„Kindskopf! Als ob die alte Dante Euch wunder was. für Faxen vormachte."
Aber sie versteht recht wohl das Empfinden des Knaben) dessen sonnige Natur den traurigen, häuslichen Verhältnissen ivie etwas Unbegreiflichem gegenübersteht, der noch nicht alt genug ist, die Schwere dieses Kampfes ums Ta-> sein voll zu begreifen und doch den lastenden Truck derselben auf den jungen Schultern siihlt. Er ivagt kaum) mehr zu lachen und es hat etwas Befreiendes für ihn, kommt die lebhafte, resolute Geheimrätin, vor der man! sich doch bemüht, heiterer und sorgloser zu erscheinen, als! man ist.
Rüth, durch den Klang der bekannten Stimme a»gelockt, tritt jetzt eilig in das schmale, düstere Entree.
„Nein, Tante, Tu beschämst uns wirklich!" ruft sie mit einer Stimme, durch deren freudiger Ton doch eine gewisse Müdigkeit klingt, „beinühst Dich die drei Treppen zu uns! herauf, T-u mußt ja ganz erschöpft sein. Komm, bitte, weiter) nud lege, drinnen ab."
Sie hat der alten Dame die Hand geküßt rind führt sie »tut im Sprechen in eins der beiden Borderzimmer, cht sonniges, hell tapeziertes Zimmer, das mit den besten Möbeln und Gegenständen des alten Haushalts ausge- stattet ist und deshalb einen gediegeneren, eleganteren Eindruck macht, als die ganze frühere, mit viel wertlosem Plunder gefüllte Wohnung.
Ter Blick der Geheimrätin wandert denn auch befriedigt über den gemütlichen Raum und bleibt schließlich auf der schlanken Mädchengestalt vor ihr ruhen.
Ruths edelgeschnittenen, regelmäßigen Zügen haben die Kämpfe und Sorgen der vergangenen Zeit nichts anhaben können, sie ist so schön Wie nur je, da sie in ihrem' schwarzen Trauertleide schlank und groß in dem sonnen- erfüllten Raume steht. Tie marmorne Blässe ihres Gesichts hat nichts Krankhaftes und wirkt reizvoll, sowohl zu dem! dunklen Haar, als zu dem stumpfen Schwarz ihrer Kleidung. Sie hat die Trauer noch nicht ablegen können, denn die Frühlingsblumen auf dem Grabe des Katers hatten noch kein zweites Mal zu blühen begonnen, als mau Wett entfernt von dem schlafenden Dulder die treue Gefährtin seines leidvollen Lebens in die hartgefrorene Erde eines Groß)- stadtkirchhofes bettete.
Frau Meridies hatte sich von den letzten Schicksalsschlägen nicht mehr erholen können. Tie fieberhafte Eile)


