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„Wie, Mortimer, was fehlt dir nur? Wie blaß und angegriffen du aussiehst!"
Elsie sprang hastig an seine Seite, ergriff seine Hand und sah ihm besorgt ins Gesicht.
„5)u bist krank, Papa, und sagst uns kein Wort davon? Dein Gesicht |ift ja so blaß wie der Tod; du hast dicke Tropfen auf der Stirn, die Hände beben dir ja! Was gibt's, was gibt's?"
„Nichts, mein Liebling, die Hitze ist heute so arg, und ich kann dies schwüle Wetter nun einmal nicht ertragen, die Sonne blendet einen heute ja förmlich."
Er sah in ihr schönes Gesicht, sein Herz krampfte sich wie in unaussprechlicher Todesqual zusammen. Sie, so strahlend, so schön, so jugendsrisch und lebensfroh, so arglos, und ihr junger Bräutigam, Sproß eines der stolzesten Geschlechter — ach! und ihre Mutter unter der ungeheuerlichsten Anklage! Er bedeckte die Augen mit der Hand.
„Papa", rief Elsie, „laß mich dir etwas Erfrischendes besorgen. Sicher, du bist nicht wohl."
„Nein, nein, Liebling, laß Bald nicht warten! Sorg' dich nicht nm meine Papiere, wir wollen sie ein anderesmal vornehmen."
„Nein", erwiderte Lord Wayne kühl.
„Das ganze Haus ist reinlveg wie verhext", rief sie. ennu. 9« nicht denken, was nur eigentlich los ist. Kennmghall war sonst eitel Sonnenschein, jetzt ist es eitel Trübsinn iind Düsterkeit."
„Was meinst du, Isabel?" fragte er schnell.
„>)ch meine gelt ent das, was ich sage, Mortimer. Es negt etwas Merkwürdiges, Geheimnisvolles in der Luft frage nach Miß West und er- Antwort, sie fei auf ihrem Zimmer und es sei Armanden zu empfangen; ich frage nach sltb gehe, nachdem ich Gott weiß ioie oft abgespeist worden, enolich geradewegs zu ihr, und finde Ze — wirklich, ich weig keinen andern Ausdruck —halb von mhTif11’ Atzest hier stundenlang mit Fremden einge»
^i'i)ming?"$8nS b€öeutet Ist irgend etwas nicht 9in
/-Du machst aus Mücken Elephanteu, Isabel", versetzte Muhend, scherzhaft und leicht zu prechen. „Was sollte denn nicht in Ordnung sein?" "
,, ."Echts sollte nicht in Ordnung sein, aber auaen- uF btwas nicht in Ordnung", gab sie spitz zurück. ,,Geheimnisse sind mir verhaßt."
„Mir auch", versetzte er trocken. „Du konstruierst sie dir aber znsamnleu, Isabel." 1 1 1
»Immer, seit dieser unglücklichen Geschichte, ist es fo .Mein Göthes tat uns ja allen sehr leid, aber wir brauchen die Sache doch sicher schließlich nicht als ein Familienunglück aufzufassen, oder doch?"
Ihre scharfen Augen beobachteten ihn gespannt, Und er bemerkte das sehr wohl. '
hbin es müde, diese Geschichte zu erörtern", er» frf rsP6 er muß dich bitten, mich zu ent
schuldigen, Isabel. Ich habe zu tun."
Worten verließ er das Zimmer.
stimmt etwas nicht", trium- r' 5 bod} gedacht, daß ich mich nicht
arf° nicht umsonst, daß sich das Mnzug hwlt "^ bamßf§ ^ren ließ, Äs Mylady hier ihren war Lord Wayne zum Jrühstückszimnter gegangen, wo die Damen des Hauses sich gewöhnlich be- war leer. Er ging zu den Gemächern seiner Gattin und klopfte an. War das ihre Stimme, die von
„Laß sie glücklich sein, solange es geht", dachte er, „Gott weiß, wie lange es noch dauern mag."
„Aber ich mag nicht von dir gehen, Papa", murmelte das junge Mädchen, sich an ihn schmiegend. „Meinst du, ich könnte mit Bald ausreiten und mich freuen, ivenn ich dabei an dein blasses Gesicht denken muß?"
_ „Tann wird Bald hoffentlich mit dir schelteii, kleines, besorgtes Mütterchen. — Wirklich, mir fehlt nichts, Herz, lauf nur, geh! Ich habe was Dringliches zu besorgen, was keinen Aufschub leidet, also geh, Liebling!"
Elße verließ langsam das Zimmer; Tränen standen ihr in den Augen. Fsabel Wayne warf sich in einen Schaukelstuhl; sie sah äußerst übellaunig aus
■ „Store auch ich?" fragte sie spitz.
„Nein", erwiderte Lord Wayne kühl.
innen antivortete, — diese Stimme, worin aller Wohl- klang erstorben schien?
Er trat ein, und seinem erstaunten Blick bot sich der seltsamste Anblick. Marian West saß dort in einem niedrigen Sessel, und seine Gattin, die schöne Evelyn, Lady Wayire, kniete am Boden, ihrer Schwester zu Füßen.
Als sie das Gesicht ihres Mannes erblickte, erhob fiel die Hände und schrie laut auf.
„O, Marian, Marian! mein Traunt ist wahr geworden! Mortimer, was ist's? Wenn du mich so ansiehst, sterbe ich!'«
Doch er, der treue Gemahl, der edle Mann, der ritterliche Sproß seines alten, edlen Geschlechts, fttiete ließen' ihr nieder und schlang seine Arme um die schlanke, bebende Gestalt.
„Komme, was da wolle, meine Evelyn, mein Weib", sagte er tiefbewegt, „wir wollen es zusammen tragen
63. Kapitel.
„I ch bin u u s ch u l d i g."
Evelyn Lady Wayne sah zum Gesicht ihres Gemahls! empor; in ihren schönen Augen lag nichts als tiefe, hoffnungslose Verzweiflung.
„O, Mortimer, sprich nicht so liech so gut mit mich O, ich, wollte, ich könnte jetzt sterben und dir alles Elend und allen Summer ersparen."
Und das stolze, schöne Haupt senkte sich jetzt tief, tief in den Staub.
Er sah fie erstaunt und überrascht an.
„Ich verstehe dich nicht, Liebling. Du wirst doch keinen Augenblick denken, daß ich diese infame Geschichte glaube. Aber, Teuerste! Wüßte ich nicht, was man der Majestät des Gesetzes schuldet, — bei Gott, ich hätte dein, der sich zuerst unterstand, sie zu erwähnen, die lügnerische Zunge ausgerissen."
Durch die Qual und die Angst in ihren Zügen hindurch sah er ein solch fassungsloses Erstaunen, daß er seinerseits vor einem Rätsel stand. Marian West sah, daß beide etwas ganz Verschiedenes im Sinne hatten.
„Mortimer", sprach sie sanft, „willst du Evelyn nicht sagen, was du meinst? Sie versteht dich nicht."
„Aber sicher versteht sie mich, oder warum' finde ich sie hier denn fo? Es schwebt doch sicher kein anderes Unglück über uns, als wie nur dieses, das ich und mein Weib miteinander teilen können?"
Marian sah ihn an; große Tropfen stiller Angst sammelten sich auf ihrer «Stirn; bas Herz begann ihr heftig zu klopfen; sie sah deutlich genug, daß sie sich in Mißverständnissen bewegten. Evelyn glaubte, ihr Gemahl toiffe,; wer Werner sei; er dagegen glaubte, sie habe gehört,' daß sie des vorsätzlichen Mordes angeklagt sei.
„Ich glaube kein Wort davon", begann er wieder. „Eve, mein Liebling, denk doch, wie ich dich immer geliebt habe; mein Glaube au dich ist unberührt, unerschüttert, fest wie nur je zuvor. Und wären die Beweise zwanzigmal so stark; ich schwüre, daß zufällige Umstände sie so verknüpft hätten. Sieh mich an, mein süßes Weib, sag mir, daß ich Recht habe.
Doch ihr stolzer Kopf sank tiefer und tiefer; das goldene Haar lag in schimmernder, ivogender Fülle auf dem Boden. Lord Wayne sah angstvoll auf; das so zärtlich geliebte Antlitz hatte sich von ihm abgewandt.
„Marian", rief er, „ums Himmelsivillen säg mir, was dies bedeutet!"
Sie legte ihm eine zitternde Hand auf die Schulter.
„Hab' Geduld, Mortimer, nur ein paar Minuten hab' Geduld, es handelt sich um einen Irrtum. Eve versteht nicht, wessen man fie anklagt."
„Warum kniet sie denn hier?" beharrte er. „Warum! sieht sie mich nicht an? Warum' hilft' sie mir nicht, sich von dieser schmählichen Anklage zu reinigen ?"•
Miß West nahm von einem Tischchen in der Nähe ein Blättchen Papier und hielt es ihm hin.
„Dies hat meine Schwester so erschreckt", sagte sie. „Ich fand sie dabei fassungslos und in Tränen."
Lord Wayne überflog die warnenden Zeilen, die der gutherzige Elliot in seiner Angst geschrieben hatte.
„Und das hat dich so erschreckt, mein Liebling?" fragte er zärtlich. „Der dumme, tölpelhafte Mensch, eine solche Än- klage gegen dich zu erheben — gegen dich, die süßeste, beste aller Frauen; wäre es nicht so fürchterlich, es wäre zu ab-


