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Im Manne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
V"'V- Nachdruck verboten.
Vi (Fortsetzung.) t
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Kummer bitterer denn Tod. ' 1 ä
■ Dann fiel Lord Wayne ein, daß die beiden Männer Noch nebenan warteten. Er sah auf die Uhr; eine halbe Stunde war bereits verflossen, und er war der Lösung des Geheimnisses noch um keinen Schritt näher gekommen.
Er öffnete die Tür, und Mr. Sinclair war der erste, der hereintrat. Er warf einen hastigen Mick auf den Arbeitstisch, offenbar in dem Gedanken, daß es vielleicht doch nicht flug von ihm gewesen, seine kostbaren Beweise den Händen des Ehemanns der Verbrecherin zu überlassen. Doch da lagen sie unberührt.
„Ich, möchte eine Frage an Sie richten", sagte Lord Wayne. „Welche Schritte gedenken Sie zu tun?"
Herr Sinclair zog sich etwas unbehaglich durcheinander; es war nicht gerade angenehm, gerade heraus zu sagen, was er dachte.
„Eurer Lordschaft ist bekannt, daß heute die gerichtliche Totenschau im Försterhause stattfindet?"
„Das weiß ich.", erwiderte Lord Wayne.
„Ich habe es für besser gehalten, überhaupt keine Schritte zu tun, bis dieser Akt vorüber wäre. Er wird jetzt wohl vorüber sein, glaube ich Das Ergebnis kann Nicht im mindesten zweifelhaft sein: vorsätzlicher Mord, begangen von einer oder mehreren unbekannten Personen; das Gericht wird sofort einen Haftbefehl gegen irgend welche Verdächtigen Individuen erlassen, und dann —"
Br brach jäh ab.
„Was dann?" wiederholte Lord Wayne mit unnatürlicher Ruhe.
„Tann werde ich die überaus peinliche Pflicht haben, eine Dame zu verhaften, die bei der ganzen Welt in hoher Achtung und Verehrung steht."
„Das heißt, Sie werden eine Anklage ans — nein, ich kann es nicht über mich bringen, solche Lügen, solche schmachvolle Lüge zu wiederholen — Sie wollen sich also unterstehen, der Dame, die ich mit Stolz mein Weib nenne, ein so himmelschreiendes Unrecht, eine so unerhörte Schmach guzutun?"
„Es ist meine Pflicht", erwiderte Mr. Sinclair.
„Angenommen", fuhr Lord Wayne fort, „es kommt irgend em neues Beweisstück und zeigt ihnen die .Sache in ganz anderem Licht, was dann?"
„Das sollte mich aufrichtig und von Herzen freuen; geben Sie sich in dieser Hinsicht jedoch keinen Täuschungen hin, Mylord. Von Anfang an habe ich in dieser Sache Mehr vermietet, als zutage lag. Zwar war mir anfangs der Beweggrund rätselhaft, er ist aber jetzt klar genug:
entweder hat der junge Mann das Leben verloren, damit das Geheimnis bewahrt bliebe, oder er ist in einem Augenblicke leidenschaftlicher und — ich darf sagen — unzurechnungsfähiger Erregung und Wut getötet worden; die genaue Feststellung des Beweggrundes ist mir vorläufig nicht möglich; das macht aber auch für den Fall an und für sich nichts ans."
„Weiß sie, Lady Wayne, etwas von all diesem?" forscht^ der Schloßherr unruhig.
„Nein. Unsere Nachforschungen sind ganz, im geheimen betrieben worden, auch ist kein Wort darüber gefallen. Niemand vermutet auch nur das Geringste in dieser Beziehung."
„Gut, dann erweisen Sie mir eine Gunst. Ich gebe Ihnen mein Wort als Edelmann, daß in keiner Weise versucht werden soll, der Gerechtigkeit zu entgehen. Die Verhaftung braucht, wie Sie sagen, nicht sofort zu geschehen; geben Sie mir bis heute nachmittag Frrst. Wollen Sre mir das gewähren? Es ist vielleicht das erstemal, daß ein Wayne von Kenninghall nm eine solche Vergünstigung nachzusuchen hat."
„Ich bin dazu bereit, Mylord", erwiderte Herr Sinclair. „Ein paar Stunden mehr oder weniger können nichts ausmachen."
„Sie können für mich, vielleicht die ganze Welt ausmachen", sagte Lord Wayne, „und ich danke Ihnen für dis Gewährung meiner Bitte. Bitte, bleiben Sie hier, Herr Sinclair. Die Waynes wissen auch einen Gegner zu behandeln, wie es sich gebührt — und als geschworene Gegner werden wir uns von heute an begegnen."
Herr Sinclair verbeugte sich ernst. „Ich danke Ihnen, Mylord. Ich werde also die unangenehme Pflicht haben, heute nachmittag vorzusprechen, und dann mach die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen."
|- ( Sie empfahlen sich, und er blieb allein zurück. Noch einmui. süycce er sich versucht, zornig aufzufahren, als er sah, wie sorgfältig der Geheimpolizist seine schrecklichen Bewerfe wieder einpackte.
Er stand noch da und versuchte seine Gedanken zu sammeln, seine Selbstbeherrschung, seinen Gleichmut wieder zu erringen, die ihm für des Lebens Alltäglichkeiten so nötig waren, als Stimmen vor der Tür laut wurden. Er öffnete kurz gefaßt und sah in Elftes lachendes Gesicht und Isabel Waynes kalte, stolze Züge.
„Papa, vergib mir; rch hab' gewartet und gewartet, bis ich glaubte, du hättest mich ganz vergessen, da bin ich selbst gekommen, als ich deinen Besuch fortgehen sah. Weißt du noch, daß ich dir einige Papiere ordnen helfen sollte?"-
Er sah sie an wie jemand, der sich, nur mühsam zu erinnern und zu besinnen vermag. Jahre schienen ihm seitdem verflossen — lange, schreckliche Jahre, — und doch war kaum eine Stunde vorüber.
„Lord St. Gilbert ist vor fast einer Stunde gekommen, um mit Elfte auszureiten", fugte Isabel erklärend hinzu.


