Ausgabe 
3.10.1906
 
Einzelbild herunterladen

iw

Die berührte starke Bevölkerungszunahme in dem letzten Mertel des achtzehnten und in der ersten Halste des neunzehnten Jahrhunderts war, da es sich bei Kuba selbst-, verständlich immerhin erster Linie um eine tropische Pflanz- unaskolonie handelte, in ganz hervorragender We^e durch die in jener Zeit sehr schwungrerch betriebene Negersklaven­einsuhr aus Afrika bedingt, und mehr und mehr gewann dabei das schwarze Element in dem kubanischen Volks- körver das entschiedene Uebergewicht. So waren nn Jahre 1774 nicht ganz 44 Prozent von der Bevölkerung Neger und Mulatten, 'im Jahre 1841 aber mehr als 62 Prozent, und erst als die Sklaveneiufuhr aushörte die Schmuggel­einfuhr nicht früher als in den fünfziger Jahren da trat in diesem Verhältnisse wieder eitt Umschwung zu­gunsten des weißen Elementes ein dergestalt, daß das letztere bei der Volkszählung 1887 62 Prozent, das Element der Neger und Mulatten aber nur 35 Prozent von der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Von einer so hochgradigen Verschwarzung und Afrr- kanisierung wie auf Haiti oder Jamaika war also ans Kuba zu keiner Zeit die Rede, immerhin schritt der Prozeß aber vorübergehend ebensoweit fort wie in den nordamerikan. Südstaaten Südkarolina, Georgia, Alabama, Mississippi und Luisiana, und gewisse schlimme Mißstände konnten auch hierbei nicht ausbleiben. Die Behandlung der Schwarzen durch die Weißen tvär unter der heißen Sonne Kubas im allgemeinen eine viel mildere und menschenwürdigere oder doch eine viel lässigere und weniger straffe als in Nord­amerika, und im Zusammenhänge damit war die Zahl der Freigelassenen früh eine verhältnismäßig große (1811: 114000 und 1867: 249 000), sowie auch die soziale Scheide­wand zwischen den beiden Elementen nirgends eine sehr strenge und schroffe war und vielfach .Vermischungen und Uebergänge zwischen ihnen Platz griffen. Dabei wurde die farbige Rasse nätürlich nicht zu einem unterwürfigen Sinne gegenüber der weißen erzogen, sondern viel eher zu Un­abhängigkeitsgefühl und zu hochfahrendem und unbän­digem Wesen. Zugleich gab es anch jederzeit eine beträcht­liche Zahl Entlaufener sogenannter Cimarronneger, weil die hellfarbigen Mulatten unter ihnen die Hauptrolle spielten und diese scharten sich in den schwer zugäng­lichen Gebirgs- und Sumpfwildnissen allerwärts, nament­lich aber in dem östlichen Teile der Insel, zu mehr oder minder starken Banden zusammen, teils nach afrikanischer Art ein harmloses und bedürfnisloses Naturmenschenleben fristend, teils aber auch Weg und Steg bedrohend, einsame Pflanzergehöfte überfallend, raubend, mordend und bren­nend und eine allgemeine Unsicherheit des Lebens und Eigentums schaffend. Wiederholt, vor allem in den Jahren 1812, 1829 und 1844, wurden in dieser freien Negerbevöl­kerung Kubas auch ähnliche politische Gelüste und Bestreb­ungen wach, wie seinerzeit auf Haiti, und mindestens ein Aponte ging mit seinem Aufstande (1812) zweifellos darauf aus, nach dem Vorbilde von Toussaint l'Ouverture und Dessalines eine Mulattenrepublik oder ein Mulattenkaiser- tum in 'Ostkuba zu errichten.

Ein arbeitslustiges und aus eigenem Antriebe wirt­schaftlich rühriges oder geistig vorwärts strebendes Be­völkerungselement ist das farbige auf Kuba so wenig ge­wesen wie anderweit, und ein schweres Hemmnis der all­gemeinen Kulturentwicklung der Insel hat darin immer gelegen, ganz ähnlich wie in den nordamerikanischen Süd­staaten. Daß das Wirtschaftsleben Kubas ein so überaus einseitiges geblieben ist, und sich heute im wesentlichen nur auf zwei Stapelerzeugnisse erstreckt, ist vor allen Dingen hieraus zu begreifen. Der Rohrzuckerbau würde trotz der hohen Grinst des Klimas und der Bodenart schwerlich zu dem angegebenen großartigen Umfange gediehen fein, wenn die Pflanzer in den Zeiten, wo sie sich zu der schrittweisen Freigebung ihrer Sklaven verstehen mußten, nicht darauf bedacht gewesen wären, die schwarzen Arbeiter gutenteils durch eingeführte chinesische Kulis und durch gemietete weiße Arbeiter sowie durch Maschinen zu ersetzen; und die Tabakkultur erhielt sich auf der asten Höhe lediglich dadurch, daß sie jederzeit ganz vorwiegend in den Händen von weißen und halbindianischen Kleinbauern (Guajiros) ge­wesen ist. Zucker- und Tabakdistrikte sind auf Kuba im allgemeinen keine Negerdistrikte. Die bis zum Jahre 1840 auf das höchste blühende, von der Negerarbeit äher schwer unabhängig zu haltende Kaffeekultur geriet in argen Ver­fall und verrnochte in den letzten Jahrzehnten nicht mehr

den Eigenbedarf der Jnselbevölkeriurg zu decken, und der Kakaobau, der Baumwollenbau, der Jndigobau sowie zahl­reiche andere tropische Landwirtschaftszweige, die durch die Naturverhältnifse recht wohl möglich wären, gelangten über ein schwaches Anfangsstadium ihrer Entwicklung niemals hinaus. Dergleichen hielt sich auch der bereits bei der indianischen Urbevölkerung betriebene Maisbau ebenso wie der Reisbau und der Anbau anderer Nährfrüchte haupt­sächlich der schwer entbehrlichen Negerarbeit halber in sehr bescheidenem, für die Versorgung der Bevölkerung unzu­reichendem Umfange, obgleich Mais, Reis, Bataten, Kar­toffeln und dergleichen auf Kuba alljährlich zwei bis drei Ernten von demselben Boden gewähren.

Daß Neger und Mulatten auf Kuba bei der ihnen eigenen Arbeitsscheu nur ausnahmsweise zu wirklichem Wohlstände kamen, und daß sie nach ihrer, mit gutem Grunde von der spanischen Regierung nur zögernd und schrittweise vollzogenen Befreiung ein besitzloses städtisches und ländliches Proletariat darstellen, kann hiernach nicht befremden. Ebenso ist es aber auch nicht zu verwundern, daß die farbige Bevölkerung allezeit ein ganz besonders williges und eifriges Jnstrnment jeder auf Unordnung und auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse abzielenden Bewegung gewesen ist, und daß sie auch in den Revo­lutionskriegen der Jahre 18681878 und 18951898 so­wohl eine verhältnismäßig große Zahl der Anführer einen Antonio und Josö Maceo, einen Quintin Bandera, einen Clotilde Garcia, einen Billanueva, einen Castillo als auch die entschiedene Mehrzahl der wirklichen Kämpfer und des Trosses in dem Jnsurgentenheere gestellt hat. Der große und erfolgreiche Brenn- und Sengzug durch die Zuckerrohr- und Tabakfelder, den die Insurgenten im Winter 1895 zu 1896 in der ganzen gewaltigen Längs- erstreckung der Insel ausführten von der äußersten Ost­spitze (Kap Maisi) bis zur Westspitze (Kap Sw- Antnnio) ist es weiter als von der deutsch-russischen bis zu der deutsch-französischen Grenze (gegen 1200 Kilometer) kommt beinahe ausschließlich aus die Rechnung der Mu­latten und Neger.

Die weiße Bevölkerung Kubas entströmte in bemerkens­wertem Gegensätze zu derjenigen der Nordamerikanischen Union in deni "gegenwärtigen Jahrhunderte ebenso wie in allen voraufgegangenen in der Hauptsache einem ein­zigen europäischen Lande Spanien und soweit sich der Stammesgegensatz zwischen Castiliern, Catalonen, Bas­ken, Andalusiern usw. von dem spanischen Boden auf den Boden der großen Antilleninsel verpflanzte, so schwand er daselbst immer sehr rasch. Es läßt sich demnach kaum eine vollkommenere Einheitlichkeit in Sprache, Sitte und Lebensart, sowie zugleich im Religionsbekenntnisse denken, als er unter den kubanischen Weißen herrscht, und ebenso­wenig auch eine vollkommenere ethnologische Ueberein- stimmung zwischen der Kolonie und ihrem Mutterlande.

Wie bei solcher Uebereinstimmung und Einheitlichkeit eine tiefe Kluft mitten durch die weiße Bevölker­ung Kubas hindurchgehen kann, mag auf den ersten Blick unbegreiflich erscheinen. Die Tatsache läßt sich aber nicht leugnen und auch die andere Tatsache nicht, daß die Kluft sich niemals hat überbrücken lassen und daß sie noch erheblich mehr als die geschilderte Eigenart der farbigen Rasse dazu beigetragen hat, die mate­rielle und geistige Kulturentwicklung Kubas zum Stillstand und die spanische Herrschaft über die Insel zum Zusammen­bruche zu bringen. Auch in anderen Kolonialländern, und nicht zum mindesten auch in der Nordamerikanischen Union bte in beträchtlichem Umfange bis aus den heutigen Tag ein Kolonialland geblieben ist bildet sich verhältnis­mäßig rasch ein Gegensatz zwischen den älteren und neueren Ankömmlingen, bezugsweise zwischen den im Lande Ge­borenen und den Einwanderern, und die letzteren werden von den ersteren vielfach alsGrüne" oderGringos" mit mißgünstigen Augen betrachtet, weil sie den wirtschaft­lichenKämpf'ums Dasein" zu einem härteren und schwie- rigeren machen. In Kuba, wo sich dieser Gegensatz bereits in den Zeiten der Belasquez und Cortez deutlich genug bemerkbar machte, ist er durch verschiedene Umstände aber zu viel größerer Schärfe und Schroffheit gediehen als anderweit.

Daß sich Kreolen und Spanier auf Kuba seit geraumer Zeit wie zwei feindliche Lager gegenübergestanden haben und gegeneinander von bitterem Haffe erfüllt gewesen sind,